Interview Anthony Jung über den Aufstieg und die Qualen im Trainingslager

Ole Werner lässt seine Spieler leiden, während der Vorbereitung streut er harte Laufeinheiten ein. Anthony Jung ist mittendrin, er erzählt, während welcher Trainingslager er besonders leiden musste.
30.06.2022, 13:16
Lesedauer: 6 Min
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Anthony Jung über den Aufstieg und die Qualen im Trainingslager
Von Malte Bürger

Anthony Jung, welche Party war eigentlich die bessere? Die Meisterfeier mit Bröndby im Vorjahr oder die Aufstiegssause bei Werder?

Jung: Auch bei Bröndby herrschte damals trotz der pandemischen Lage Ausnahmezustand, aber hier in Bremen hat die Fahrt über den Osterdeich dem Ganzen noch einmal die Krone aufgesetzt.

So etwas haben Sie vorher also noch nicht erlebt?

Definitiv nicht. Man hat schon im Stadion und auf dem Platz immer gemerkt, welche Power von den Fans ausgeht, aber das jetzt noch einmal gesammelt in der Form zu erleben, war beeindruckend.

Wie lange haben Sie denn bei den Feierlichkeiten durchgehalten?

Man ist da ja so ein bisschen in Trance am Anfang, weil eine Menge von einem abfällt und Erleichterung einsetzt. Da wähnt man sich in einer Art Zwischenzone. Die Lichter sind dann irgendwann ausgegangen, als es draußen schon wieder hell wurde.

Sind Sie generell ein Feierbiest?

Ich sage es mal so: Wenn es etwas zu feiern gibt, dann bin ich schon gerne dabei. Aber ich bin jetzt 30 Jahre alt, habe Frau und Kind zu Hause. Da wird man auch ein wenig ruhiger (lacht).

Aber bei der Abschlussfahrt nach Mallorca gab es trotzdem wohl nicht nur Tee?

Davon kann man ausgehen.

Wie Sie sicher wissen, ist dreimal Bremer Recht – auf Sie übertragen steht also nach Meisterschaft und Aufstieg im kommenden Sommer die nächste Fete an. Worauf dürfen wir uns denn freuen?

Hoffentlich auf den Klassenerhalt, der hat für uns natürlich Priorität. Als Aufsteiger ist das sicherlich auch eine legitime Zielsetzung.

Genau dafür sollen jetzt die Grundlagen gelegt werden. Chefcoach Ole Werner hat nach der Testspiel-Niederlage gegen Oldenburg angekündigt, dass es nun „in eine heißere Phase“ geht, die Mannschaft „im athletischen Bereich noch etwas draufpacken“ wird. Klingt nach anstrengenden Tagen und einigen Schmerzen in Österreich…

Wenn man in dieser Liga etwas können muss, dann ist es laufen und marschieren.

Das kennt man ja und bereitet sich mental darauf vor. Es ist ja auch nicht die erste Vorbereitung, die ich mitmache. Wenn man in dieser Liga etwas können muss, dann ist es laufen und marschieren. Diese Basics muss man einfach auf den Platz bringen. Natürlich sind das die Sachen, die ein Fußballer in der Regel während der Vorbereitung nicht so gern trainiert – gerade wenn es nur plumpe Läufe oder Übungen ohne Ball sind. Aber hier bei Werder wird ja versucht, so oft es geht, den Ball am Fuß zu haben. Ich habe da schon Schlimmeres erlebt.

Was meinen Sie?

Ich habe in Dänemark reine Lauf-Sessions gehabt. Da waren wir die ersten zwei Wochen bei jeder zweiten Einheit des Tages im Wald mit Laufschuhen unterwegs. Da gab es keinen Ball weit und breit.

War das typisch für Dänemark, wird sich dort anders vorbereitet als in Deutschland?

Nein, das nicht. Als ich zu Bröndby kam, habe ich ja unter dem deutschen Trainer Alexander Zorniger trainiert, den ich schon aus meiner Leipziger Zeit kannte. Jeder Coach hat seine Methoden, aber vom Kopf her war das natürlich noch einmal besonders schwierig.

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Sind Sie denn generell jemand, der sich auf Trainingslager freut? Oder gehören Sie zur Fraktion derer, die nur wenig Spaß empfinden, wenn täglich derart hart geschuftet wird?

Solch ein Trainingslager gehört einfach dazu und muss auch sein. Gerade für die Integration der neuen Spieler und um das Mannschaftsgefüge zu stärken, ist es vonnöten. Es hängt immer davon ab, wie lange man so etwas macht. Irgendwann tritt schon der Lagerkoller ein, aber auch das gehört dazu.

Ihre Erinnerungen an Zell am Ziller dürften nicht die allerbesten sein. Sie konnten dort kurz nach Ihrem Wechsel zu Werder im vergangenen Sommer nur wenige Einheiten mit dem Team absolvieren, aufgrund eines grippalen Infektes war vorzeitig Schluss. Sind Sie nun besonders vorsichtig, damit dieses Mal alles möglichst perfekt läuft?

Das wäre wahrscheinlich genau das, was man nicht tun sollte. Es war damals sehr ärgerlich, weil man das Trainingslager und die Testspiele als neuer Spieler für sich nutzen möchte. Naja, vielleicht schaue ich jetzt noch mal, dass ich morgens die eine oder andere Zitrone mehr esse (lacht).

Vor einem Jahr haben Sie im Interview mit unserer Deichstube gesagt, dass die Bundesliga noch einmal ein großer Traum für Sie ist. Wie ist es, wenn Träume in Erfüllung gehen?

Es ist schon der Wahnsinn, wenn man das jetzt so Revue passieren lässt. Für mich ist es ein Privileg, dort spielen zu können. Ich habe in meiner Karriere auch schon ein, zwei Schritte zurückgemacht, aber ich konnte danach auch immer wieder den Weg nach vorne gehen. Ich habe hart für diese Chance gearbeitet und bin dankbar, dass ich sie erhalte.

Welchen Schritt zurück meinen Sie? Die Leihe von RB Leipzig zum FC Ingolstadt? Ihre Zeit danach in Dänemark? Oder den Wechsel von Meister Bröndby zum Zweitligisten Werder Bremen?

Die Bundesliga-Saison mit Ingolstadt würde ich nicht als Rückschritt sehen, damals war das die richtige Entscheidung – auch wenn es für mich nicht optimal lief. Aber nach diesem Jahr hat man sich natürlich mehr erhofft. Ich weiß noch ganz genau, wie der Anruf meines Beraters und das Angebot aus Kopenhagen kam. Da habe ich sofort gesagt, dass ich doch nicht nach Dänemark gehe.

Am Ende haben Sie trotzdem zugesagt …

Für mich ging es vorrangig darum, zu spielen – und dann bin ich diesen Schritt gegangen, der für mich definitiv ein Rückschritt war. Dort habe ich dann jedes Jahr gehofft, mich mit einer guten Saison für neue Aufgaben zu empfehlen, was dann im Nachhinein vier lange Jahre gedauert hat. Folglich war der Schritt von Bröndby zu Werder wieder ganz klar ein Schritt nach vorne.

Zu Beginn lief es trotzdem nicht rund in Bremen. Die Mannschaft stand weiter hinten in der Tabelle, zudem gab es die Ereignisse um Trainer Markus Anfang. Gab es den Moment, an dem Sie doch gezweifelt haben, ob das alles so richtig war?

Die Entscheidung hat sich von Anfang an richtig angefühlt. Im Nachhinein lässt sich das natürlich leichter sagen, aber der Aufstieg bestätigt einfach das Gefühl, das ich damals hatte. Werder war mit seiner Historie, der fußballerischen Idee und der Rolle als ambitionierter Zweitligist für mich genau die richtige Entscheidung.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Bundesliga-Saison 2016/2017 mit Ingolstadt, als Sie 16 Spiele absolviert haben?

In gefühlt jedes Spiel sind wir als Underdog gegangen, es war der Kampf ums pure Überleben. Es hat dann auch noch lange gedauert, bis ich mal ran durfte und dann habe ich auch nicht gleich überzeugend gespielt. Das war schon schwierig.

Mittlerweile sieht es komplett anders aus. Stand jetzt sind Sie Stammspieler, dürften folglich auch einen komplett anderen Anspruch an sich selbst haben, richtig?

Absolut. Ich konnte meinen Teil dazu beitragen, dass wir den Weg nach oben gefunden haben. Mein Anspruch war schon immer sehr hoch, jetzt möchte ich zeigen, dass ich da oben bestehen und der Mannschaft weiterhin helfen kann.

Bei Werder sind Sie nach dem Abschied von Ömer Toprak plötzlich der zweitälteste Profi im Kader hinter Christian Groß. Was macht das mit Ihnen?

Ich sage immer: Man ist so alt, wie man sich fühlt. Das gilt auch für den Fußball.

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Wie alt sind Sie denn dann?

Ich fühle mich fit und gut und weiß nicht, ob ich die 30 vom Gefühl her wirklich schon geknackt habe. Eigentlich trainiere ich fast immer, bin glücklicherweise fast durch meine gesamte Karriere verletzungsfrei gekommen. Ein paar Anpassungen im Alter sind immer gut, damit man das Getriebe am Laufen hält. Ich mache mir aber noch keine Gedanken darüber, dass ich Ende des Jahres 31 bin und was dann irgendwann kommt.

Nun haben Ole Werner oder Sportchef Frank Baumann angekündigt, dass auf jeden Fall auf beiden Außenbahnen personell noch etwas passieren soll. Wie groß ist die Sorge, dass Sie plötzlich doch auf der Bank sitzen und nicht mehr dauerhaft auf der linken Seite unterwegs sind?

Das ist das Geschäft. In der Bundesliga muss es gegeben sein, dass man auf jeder Position annähernd gleichwertig doppelt besetzt ist. Deswegen sind das ganz normale Gedanken, die ein Verein hegt.

Gab es denn umgekehrt Angebote, über die Sie nachdenken mussten? Spieler, die auf der linken Seite mit auffälligen Leistungen unterwegs sind, werden schließlich nicht nur in Deutschland gern gesucht.

Aktuell ist es noch ruhig. Ich habe aber auch noch überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet, mir irgendetwas anderes anzuhören. Ich fühle mich wohl, habe hier einen großen Erfolg feiern dürfen und darf nun Bundesliga spielen.

Themenwechsel: Sind Amos Pieper und Niklas Stark eigentlich gute Sänger?

Das wird sich erst noch herausstellen.

Der offizielle Einstand findet also auch erst im Trainingslager statt?

Genau, ganz klassisch. Ich musste da ja auch letztes Jahr singen.

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Was wurde intoniert?

Ich hatte mir von Xavier Naidoo „Dieser Weg“ ausgesucht, weil ich mit Blick auf die Saison dachte, dass sie steinig und schwer werden könnte. Das stimmte ja im Nachhinein auch. Leider hatte ich damals kein Mikrofon, und da ich mit meiner Stimme nicht so hochkomme, war es etwas leise. Am Ende gab es aber Applaus, bei solchen Einlagen zählt ja aber auch in erster Linie der Wille – und der war gegeben.

Sie haben es schon erwähnt: Im vergangenen Jahr sind Sie erstmals Vater geworden. Nun ist das Winter-Trainingslager aufgrund der Pandemie ausgefallen, sind Sie deshalb jetzt das erste Mal überhaupt derart lange von Ihrem Sohn getrennt?

Das ist eine gute Frage und tatsächlich richtig.

Ist das vielleicht die viel größere Herausforderung in Österreich als die körperlichen Strapazen?

Das sollte hinhauen (lacht). Kurz vor der Absage des Trainingslagers im Winter hatte zu Hause schon einmal eine Verabschiedung stattgefunden. Das habe ich damals ganz gut hinbekommen. Er ist jetzt natürlich schon lebendiger, wacher und fängt schon leicht an zu winken. Das wird dann vielleicht noch einmal etwas schwieriger. Aber das kriege ich hin.

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