Manager Baumann über Werte, Nöte und Chancen „Werder ist mehr als ein Tabellenplatz“

Trotz Pandemie und schlechter Bilanz bleibt Sportchef Frank Baumann Optimist: Ein Interview über den großen Sinn des SV Werder, über Nöte, Werte, die Bremer Politik und die schwierigen nächsten Jahre.
12.02.2021, 08:30
Lesedauer: 9 Min
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„Werder ist mehr als ein Tabellenplatz“
Von Jean-Julien Beer
Herr Baumann, es ist erst eineinhalb Jahre her, da sorgten Sie mit deutlicher Kritik an der Bremer Politik für Aufsehen: „Uns werden hier nur Knüppel zwischen die Beine geworfen.“ Täuscht der Eindruck, dass die Corona-Krise Verein und Politik wieder enger zusammengeschweißt hat?

Frank Baumann: Meine Kritik kam wegen des Streits um die Polizeikosten auf, und da war es legitim auf einen klaren Wettbewerbsnachteil hinzuweisen, auch wenn wir in vielen Bereichen durchaus gut miteinander auskamen. Aber damals hatte ich schon das Gefühl, dass es in Teilen der Bremer Politik eine gewisse Gleichgültigkeit gab, wenn es um Werder Bremen ging. Das empfand ich gegenüber unserem Verein, der einer der größten Imageträger weit über die Region hinaus sowie ein großer Wirtschaftsfaktor ist, einfach nicht angemessen. Als ich 1999 zu Werder kam, habe ich Henning Scherf als Bürgermeister erlebt, der mit Werder gelitten und gefeiert hat, das war ein richtiges Miteinander.

Und das war 2019 anders?

2019 gab es in Bremen Wahlkampf, das darf man nicht vergessen. Seit Andreas Bovenschulte im Amt ist, kann man für alle Ressorts sagen, dass das auch unter Carsten Sieling bereits gute Verhältnis zwischen Werder und der Politik eine sehr positive Entwicklung genommen hat, und zwar unabhängig von der Pandemie. Das Gesundheitsressort war für uns zuletzt natürlich ein wichtiger Ansprechpartner, das gilt aber auch unter anderem für Wirtschaft oder Finanzen, den Innensenator, Soziales oder Bildung: Wir haben viele gemeinsame Projekte. So, wie das Verhältnis inzwischen ist, profitieren alle Seiten davon.

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Das 20-Millionen-Darlehen, das Werder wegen der hohen Einnahmenverluste für seine Liquidität brauchte, wurde durch das Land Bremen abgesichert. Empfinden Sie das auch als Bekenntnis der Politik zur Bedeutung des Bundesligastandorts Bremen?

Ja, definitiv. Und das hilft uns, die Einnahmenausfälle durch die Pandemie etwas aufzufangen. Man muss allerdings dazu sagen, dass wir im Rahmen der Bremer Weserstadion GmbH schon öfters Bürgschaften bekommen und dort immer ganz brav, wie auch in diesem Fall, eine Bürgschaftsprovision an die Stadt gezahlt haben. Das Land Bremen müsste für das 20-Millionen-Darlehen nur geradestehen, wenn Werder insolvent würde. Das wird sehr wahrscheinlich nicht passieren. Aber klar: Diese Bürgschaft ist ein gutes Zeichen für den Bundesligastandort Bremen.

Zu Beginn der Krise kamen auch bei Werder Zweifel auf, ob die Menschen sich zunehmend vom Profifußball entfremden, wenn die Klubs nun auch offiziell in einer Blase leben und spielen. Tatsächlich aber verkauft Werder mehr Fanartikel als gedacht. Waren die Sorgen unbegründet?

Man muss es differenziert betrachten. Viele Zahlen haben in den vergangenen Jahren nicht wirklich dafürgesprochen, dass sich der Fußball von den Fans entfremdet. Unser Stadion war vor der Pandemie fast immer ausverkauft, die TV-Quoten waren sehr gut. Der Fußball ist beliebt und in der Mitte der Gesellschaft fest verankert. Trotzdem muss man die Bedenken und die Kritik, die jetzt gerade während der Corona-Zeit in Richtung Profifußball geäußert worden sind, ernst nehmen. Unsere Branche hat schon immer polarisiert. Ich glaube aber, dass die Menschen in Zukunft wieder gemeinsam Erlebnisse feiern möchten und die Sehnsucht auf einen Besuch im Kino, Theater, auf einem Konzert und insbesondere auch im Stadion schnell wieder spürbar sein wird.

Mit dem Thema befasste sich auch eine Zukunfts-Taskforce für den Profifußball, die nun ihre Ergebnisse präsentierte. Heraus kamen 17 Handlungsempfehlungen, es geht um mehr Nachhaltigkeit, Stärkung der wirtschaftlichen Stabilität, eine Kommission für den Fandialog und Geschlechtergerechtigkeit. Hatten Sie mehr davon erwartet?

Ehrlicherweise nein. So eine Taskforce kann nur Vorschläge machen. Da sind viele positive Anregungen dabei. Wichtig ist, dass die Branche das nun auch konsequent angeht. Wobei ich sagen muss, dass wir viele der Themen, die dort zurecht aufgeführt sind, bei Werder Bremen in den letzten Jahrzehnten schon angegangen sind und es auch leben. Dass wir einige Punkte verbessern können, ist klar. Aber wir haben eine sehr gute Basis bei Werder und sind bei vielen der von der Taskforce angesprochenen Themen bereits Vorreiter, gerade auch mit Blick auf unser großes soziales Engagement.

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Wie reformfähig sind die Klubs denn? Es geht ja auch ums Geld. Wenn einer zu Ihnen kommt und sagt, macht mal dies und das, werden Sie sagen: Alles gut und schön, aber wir haben wegen Corona nicht mal die Einnahmen, den laufenden Betrieb zu sichern.

Genau deshalb muss jeder Verein vielleicht erst einmal überlegen, wofür er stehen möchte. Warum gibt es uns, warum machen wir das? Ich hatte das Glück, seit ich 2010 bei Werder an den Schreibtisch gewechselt bin, dass ich mehrere Strategieprozesse begleiten und mitgestalten konnte. Dabei ging es immer darum, was unsere Werte sind. Wie wollen wir handeln? Dabei war immer klar, dass wir zwar sportlich erfolgreich sein wollen und müssen, aber dass Werder mehr ist als Profifußball. Das haben wir immer gelebt, im Breitensport, in den anderen Sportarten, aber auch bei unserer gesellschaftlichen Verantwortung. Da waren wir vorbildlich und haben es geschafft, trotz unserer sportlich oft schwierigen Situation meistens ein volles Stadion zu haben. Bei aller Enttäuschung über sportliche Ergebnisse haben wir ein Zusammengehörigkeitsgefühl geschaffen. Denken Sie nur an 2016, als wir am letzten Spieltag den Klassenerhalt geschafft haben. Da war eine riesige Freude und Erleichterung spürbar, in der ganzen Stadt. Wir wollen für diese emotionalen Momente da sein und durch den Sport sehr viel Gutes tun für die Menschen hier. Das hat dazu beigetragen, dass Werder als ein besonderer Klub wahrgenommen wird.

Im Alltag dominiert jedoch schnell die Frage, ob Werder auf Platz 13 oder 15 steht oder absteigt. Währenddessen hat die Uefa den Verein für herausragendes soziales Engagement ausgezeichnet. Was ist wichtiger?

Die Frage ist: Was ist dein Unternehmenszweck? Werder ist auf jeden Fall mehr als Fußball und mehr als ein Tabellenplatz. Wir können viel mehr erreichen zum Beispiel mit unseren tollen Projekten mit der Ballschule, mit den Quartierskonzepten oder der Inklusion. Beides ist wichtig: Im Verdrängungswettbewerb Bundesliga geht es sehr ergebnisorientiert zu, und dennoch steht Werder für viel mehr als drei Punkte am Wochenende. Das wollen wir auch unseren Spielern vermitteln. Das war ja auch für mich mit ein Grund, warum ich 1999 zu Werder gekommen bin. Da hätte ich zu Europapokalteilnehmern gehen können, bei denen ich mehr verdient hätte. Für Werder sprachen drei andere Gründe: Die Werte, die damals schon gelebt und die insbesondere von Franz Böhmert und Klaus-Dieter Fischer verkörpert wurden. Die Spielphilosophie, die Thomas Schaaf mir als Trainer vermittelte. Und das Umfeld in Bremen, in dem ich mich als Spieler und Mensch weiterentwickeln konnte. Das ist heute noch wichtig bei den Gesprächen mit Spielern. Weil Werder es mit dieser Identifikation geschafft hat, auch schwierige Situationen zu meistern.

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Hängt das, wofür Werder steht, von der Liga ab, in der man spielt?

Natürlich ist die Bundesliga für uns sehr wichtig, das ist die Basis, um viele Menschen zu erreichen, aber auch, um sportlich und finanziell unsere Ziele zu erreichen. Trotzdem ist es wichtig, dass so eine Philosophie und vor allem die Werte weder von der Liga abhängen, noch von den Ergebnissen oder von den handelnden Personen im Verein. Auch wenn neue Leute bei Werder Verantwortung übernahmen, ist dieser Zusammenhalt immer gleich geblieben.

Als Sie Manager wurden, wollten Sie Werder wieder zu einem besseren Klub entwickeln, der nicht nur das Ziel hat, die Klasse zu halten. Müssen Sie sich davon verabschieden, nachdem durch Corona ein deutliches Minus in den Bilanzen entstanden ist?

Nein. Damals, 2016, waren wir sportlich in einer ähnlichen Situation wie heute. Finanziell war es auch nicht leicht. Werders Eigenkapital war fast komplett aufgebraucht. Für die neue Saison wurde mit einem Defizit von 15 Millionen kalkuliert. Und wir hatten eine Mannschaft, die aus meiner Sicht keine gute Struktur hatte: Es gab kaum Werte und zu wenige Säulen im Kader. Das war eine große Herausforderung. Durch jahrelangen Abstiegskampf war der Verein mit dem Ziel Klassenerhalt zufrieden. Da wollten wir ein anderes Denken in den Verein bringen. Das ist uns durch neue Strukturen und durch das Vorleben dieses Denkens auch gelungen. Heute ist die finanzielle Situation durch die Pandemie noch einmal schwieriger geworden, weil plötzlich 40 Millionen Euro an Einnahmen fehlen. Aber wir haben heute ein deutlich stabileres Fundament, auch wenn wir letzte Saison nur knapp die Klasse gehalten haben.

Heute haben Sie nun weniger Geld als je zuvor. Was bedeutet das für Ihre Kaderplanung? Sie wissen doch gar nicht, wieviel Geld Sie in sechs oder zwölf Monaten noch haben?

Wir wissen, dass wir sparen und das Gehaltsgefüge reduzieren müssen. Wir wissen auch, dass wir in den nächsten Jahren Transferüberschüsse erzielen müssen. Auf diese Aufgaben sind wir vorbereitet. Wir haben vor einigen Jahren angefangen, nicht nur von Saison zu Saison zu denken, sondern eine perspektivische Kaderplanung anzugehen. Als Beispiele: Wir haben Kevin Möhwald ablösefrei geholt, als Davy Klaassen und Maxi Eggestein noch auf seiner Position gespielt haben. Wir haben Marco Friedl geholt, weil wir wussten, dass Niklas Moisander in den nächsten Jahren aufhört. Auch Felix Agu ist aktuell so ein Fall: Mit ihm haben wir frühzeitig einen jungen Spieler verpflichtet, der eine gute Rolle spielen kann, wenn Theo Gebre Selassie aufhört. Auch Romano Schmid haben wir frühzeitig verpflichtet und über eine Leihe weiterentwickelt. Angesichts unserer finanziellen Situation muss das der Weg sein, damit wir Abgänge, die es im Sommer geben wird, zum Teil aus den eigenen Reihen auffangen können.

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Die Kredite müssen zurückgezahlt werden, und vielleicht kommen noch weitere dazu. Wird Werder wegen Corona in ein paar Jahren ein anderer Verein sein?

Nein. Transferüberschüsse musste Werder auch schon zu Champions-League-Zeiten erzielen. Es war für Werder schon immer wichtig, Spieler zum richtigen Zeitpunkt zu verkaufen. Deshalb darf es uns nicht verändern. Und der Verein darf dadurch auch nicht stehen bleiben in seiner Entwicklung. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel im gesamten Verein angestoßen, um professioneller zu werden. Ich glaube sogar, dass die Pandemie und diese Diskussion über die Entfremdung des Fußballs eine große Chance ist für Werder Bremen. Die gesellschaftliche Verantwortung, für die wir stehen, diese Nähe zu den Fans, die bei uns in normalen Zeiten mitten in der Stadt zum öffentlichen Training kommen können. Auch die Fanreisen ins Zillertal, durch die wir anfassbar sind. Dieser ganze Zusammenhalt steht doch dem entgegen, was häufig der Fußballbranche vorgeworfen wird. Wir können da noch besser werden, wir müssen aber auch besser nach außen tragen, wofür wir stehen und was wir alles Gutes tun.

Sie planen gerne stets den Kader fürs nächste und übernächste Jahr durch. Wie viel von diesen Plänen mussten Sie inzwischen von der Wand reißen, weil Corona alles verändert hat?

Das gehört immer dazu, man wird auch in normalen Zeiten nicht alles auf ein Pferd setzen können. Man versucht immer, gute Spieler von Werder zu überzeugen. Das klappt nicht immer. Schon in der Vergangenheit lag das auch an wirtschaftlichen Gründen oder daran, dass ein Spieler doch schon international spielen wollte, was wir in den letzten Jahren nicht bieten konnten. Trotzdem werden wir immer versuchen, uns nicht mit einem eher unterdurchschnittlichen Spieler zufrieden zu geben, sondern wir wollen auch außergewöhnliche Spieler für Werder gewinnen. Da gehören Absagen dazu. Aber wenn ich es nicht versuche, kann ich es erst recht nicht schaffen. Auch da gibt es gute Beispiele aus der Vergangenheit, zum Beispiel 2016. Werder war gerade fast abgestiegen, und wir haben es dennoch geschafft Spieler wie Max Kruse, Serge Gnabry und Thomas Delaney von Bremen zu überzeugen. Das muss wieder unser Weg sein. Dabei helfen uns die Werte und der Zusammenhalt, die wir im Verein haben. Und da hilft auch ein Trainer, der Spieler überzeugen kann. Ich denke, dass Werder auch jetzt noch gute Argumente bietet.

Rund um Werder gibt es natürlich auch die Frage, ob die Aufsichtsratswahlen den Verein verändern werden. Spornt dieser vereinsinterne Druck an?

Im Moment verspüre ich da überhaupt keinen Druck. Und ich würde den auch nicht spüren, wenn Teile des Aufsichtsrats neu wären. Auch das habe ich 2016 erlebt: Ein halbes Jahr, nachdem ich Geschäftsführer bei Werder wurde, gab es drei neue Aufsichtsräte. Auch da mussten sich Geschäftsführung und Aufsichtsrat erst einmal aufeinander einstellen. Es entwickelte sich eine sehr vertrauensvolle und gute Zusammenarbeit. Der Aufsichtsrat ist ja nicht nur da, um uns zu kontrollieren. Er steht auch mit Rat und Tat zur Seite. Das hat mit beiden Aufsichtsräten, mit denen ich gearbeitet habe, sehr gut geklappt. Deshalb habe ich da keinerlei Bedenken.

Das Gespräch führte Jean-Julien Beer.

Info

Zur Person

Frank Baumann (45)

ist seit mehr als 20 Jahren im Verein und führt den SV Werder seit 2016 als Geschäftsführer Sport. Der Vertrag des früheren Mannschaftskapitäns wurde gerade vorzeitig um ein weiteres Jahr bis Sommer 2022 verlängert.

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