Breminale Bremens Bretter-Rapper

Auf 08/15-Gangster-Attitüden steht Immo Wischhusen, alias Flowin Immo, nicht. Der wortgewandte Rapper findet auf jedes Schlagwort spontan seine Zeilen.
21.06.2017, 19:29
Lesedauer: 4 Min
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Bremens Bretter-Rapper
Von Jan Oppel

Da sitzt er also, dieser Typ Anfang 40 mit Zwirbelbart und Brille, in einer Bretterbude im Hemelinger Hafen und will einem was vom Hip-Hop erzählen. Kein T-Shirt mit fetten Markenlogos, keine Goldketten, keine schneeweißen Turnschuhe – Immo Wischhusen alias Flowin Immo beschränkt sich aufs Wesentliche: die Kunst.

Mit dem Rapper Ferris MC und DJ Pee ist er in den 1990er-Jahren groß rausgekommen und später wegen einer Depression tief gefallen. Der Durchbruch im Hip-Hop-Geschäft ist für ihn bis heute ausgeblieben. Dafür hat Immo Wischhusen mit seiner Musik die ganze Welt bereist, viele Menschen erreicht und echte Freunde gefunden. „Und das ist das, was zählt“, sagt er. „Kein Geld der Welt kann diesen Reichtum ersetzen.“

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Einen Grundstein seiner künstlerischen Karriere hat der Hip-Hop-Künstler aus Bremen-Osterholz am Weserufer gelegt. Es war im Mai 1994, als Immo Wischhusen alias Flowin Immo und Sascha Reimann, bekannt als ­Ferris MC, beim Breminale-Festival vor der sogenannten Flutbühne standen. Vor ihnen rappten die AbsolutenBeginner. Dieses Hip-Hop-Trio aus Hamburg, das für Leute zwischen 30 und 40 heute auf jeder Party Konsens ist und mit Hits, wie „Füchse“, „Hammerhart“ und jüngst „Ahnma“, bundesweit Erfolge feiert.

1994 hatten die AbsolutenBeginner gerade ihre erste EP „Gotting“ auf den Markt gebracht. Das wollten Flowin Immo und Ferris MC mit ihrem damaligen Bandprojekt Freaks Association Bremen, kurz FAB, ebenfalls. „Mit denen müssen wir mal reden“, sagte Immo zu Ferris. Und so kam es auch. Kontakte wurden geknüpft, und auch musikalisch ging es voran.

Plattenvertrag in der Tasche

Drei Jahre später standen Flowin Immo, Ferris MC und DJ Pee selbst auf der Flutbühne der Breminale. Die drei hatten einen Plattenvertrag in der Tasche, ihr Debütalbum „Freaks“ veröffentlicht, waren in der Szene gut vernetzt und gingen mit Bands wie Massive Töne und Fettes Brot auf Tour. Alles war gut, eigentlich.

Denn schon kurz darauf war die Karriere von FAB zu Ende. Ende 1997 löste sich die Band auf. Die drei Musiker hatten sich zerstritten. Ferris MC ging nach Hamburg und schaffte später mit dem Hip-Hop-Kollektiv Deichkind den großen Wurf. Gerne hätte er mit Ferris MC noch einmal über alles gesprochen, sagt Wischhusen. Aber dazu sei es nie gekommen – bis heute.

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Auch abseits der Bühne lief es für Flowin Immo Ende der 1990er-Jahre nicht. Er hatte psychische Probleme, fing sich aber wieder. Es folgten Angebote größerer Labels, doch der Osterholzer wollte seinen eigenen Weg gehen. Wischhusen gründete sein Label Immopool und veröffentlichte im Jahr 2000 sein Debüt-Album „Terra Pi“.

Ende 2001 ging der Hip-Hop-Künstler für das Goethe-Institut auf Südostasien-Tour und gab Konzerte in Jakarta, Singapur und Bangkok. Kurz darauf zog er nach Berlin und begann, an seinem zweiten Soloalbum „Grenzenlose Freiheit“ zu arbeiten. Parallel zog es ihn auf die Bühne: Er gab ein Gastspiel beim HipH’operaProject an der Komischen Oper in Berlin und organisierte Rap-Workshops für Schüler.

Psychische Probleme kehrten zurück

2009 holte Immo bei Stefan Raabs Bundesvision Song-Contest für Bremen den elften Platz. Im selben Jahr kam sein Album „Immoment“ auf den Markt. Doch die psychischen Probleme kehrten zurück. Wischhusen wurde manisch-depressiv – und musste sich erneut zurückkämpfen. Im Mai 2014 erschien sein viertes Album „Geschlossene Gesellschaft“, das der Rapper zum Teil über Crowdfunding finanzierte.

Ein Jahr später zog es Wischhusen zurück nach Bremen. „Um mich einzubringen“, wie er sagt. Hier war auf der Breminale das Projekt „Dreimeterbretter“ entstanden. Ein Auftrittsort aus Sperrholz, gedacht als Bühne und Sprungbrett für junge Künstler. Wischhusen sorgte für die Pausenmusik. Auf Zuruf improvisierte er vor der Bühne.

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Der Rückkehrer war fasziniert von der Idee und beteiligte sich auch im Folgejahr an der Aktion. „Dadurch habe ich eine neue Generation Bremer und auch meine Stadt neu kennengelernt“, sagt er. In den vergangenen zwei Jahren sorgte er mit „Flowin Immos runder Stunde“ täglich um 18 Uhr für Unterhaltung. Ganz nebenbei sorgten seine diversen Auftritte dafür, dass er bis heute wohl der Breminale-Künstler mit der längsten Spielzeit aller Zeiten ist.

Auch in diesem Jahr wird Flowin Immo wieder bei Bremens großem Musikfestival am Weserufer auftreten. Am Sonnabend wird er mit seiner Band Creme de la Breme ein weiteres Breminale-Konzert spielen. Von Mittwoch bis Sonntag wird er um18 Uhr an der Dreimeterbretter-Bühne auf Zuruf improvisieren.

Keine abgedrehten Performances

Was ihn über all die Jahre begleitet, ist seine Liebe zur Musik und der Hang zum Unkonventionellen. Früher stand er mit Hip-Hop-Legenden wie Afrob, Fettes Brot oder den Massiven Tönen auf der Bühne. Heute füllt er keine großen Hallen wie die Beginner. Er macht keine abgedrehten Performances wie Ferris MC mit seiner Band Deichkind. E

r ist einfach da, in Bremen, auf der Breminale oder im Hemelinger Hafen auf seiner „Kompletten Palette“. Der Bühne aus Holzpaletten, die er mit freiwilligen Helfern selbst zusammengezimmert hat. Dazu eine Bar, eine Treppe, eine Toilette und viele andere Dinge aus Holz. So ist für diesen Sommer eine Oase für alle entstanden.

Ein viermonatiges Festival, bei dem noch bis zum Oktober von Dienstag bis Sonnabend Konzerte, Musik-Workshops und Partys geplant sind. „Das Motto ist: Mach‘s dir selbst“, sagt er. Alle sollen sich einbringen. Dieser Gedanke gefällt Wischhusen auch an der Breminale. „Fressbuden und Mainstreammusik reizen mich nicht“, sagt er. „Es sind die charmanten kleinen Dinge.“

"Da geht es immer nur um Koks, Geld und das Gangstersein"

Abseits des Festivaltrubels machten unbekannte Künstler auf Bühnen wie den Dreimeterbrettern oder dem Himmelwärtszelt das Festival so einzigartig. Die Festivalcrew sei wie eine große Familie, sagt er. Viele würden sich für ihren Breminale-Einsatz extra Urlaub nehmen.

Er ist ein Veteran, ein Altmeister der norddeutschen Hip-Hop-Szene. Er kennt sie alle, aber er ist auf dem Boden geblieben. Heute wohnt er die meiste Zeit im Steintor. In dem Haus, in dem er mit Ferris MC vor 23 Jahren sein erstes Album aufgenommen hat. Mit den Hip-Hop-Stars von heute kann Wischhusen nur wenig anfangen. „Da geht es immer nur um Koks, Geld und das Gangstersein“, sagt er. „Das ist mir zu beschränkt – da bleibe ich lieber oldschool.“

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