Garaus für Fassadenschmierereien gefordert

Bremer sammeln Unterschriften gegen Graffiti

Eine öffentliche Petition fordert unter anderem ein klares Bekenntnis der Politik und dass die Polizei die frühere Sonderkommission Graffiti wieder einsetzt. Bislang gibt es 120 Mitunterzeichner.
13.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer sammeln Unterschriften gegen Graffiti
Von Justus Randt
Bremer sammeln Unterschriften gegen Graffiti

Schön oder nicht schön? An Graffiti wie hier am Wehr an der Kleinen Weser scheiden sich die Geister.

Frank Thomas Koch

„Allem Augenschein nach ist die Stadt zugemalt“, ärgert sich Michael Berthold aus der Neustadt. Ein subjektiver Eindruck, der schwer zu widerlegen ist. Etwa 120 Mitunterzeichner und -unterzeichnerinnen stehen hinter Michael und Silke Berthold und ihrer öffentlichen Petition „Maßnahmen gegen Fassadenschmierereien“. Bis zum 25. November können sich Unterstützer auf der Homepage der Bremischen Bürgerschaft eintragen oder dort über das Thema diskutieren, dann endet die Sechs-Wochen-Frist.

Der Bedarf, sich im Forum auszutauschen, hält sich in Grenzen. Eine einzige Zuschrift steht dort: „Es ist in der Tat eine sehr wichtige Petition!“, schreibt jemand. Die Menschen wüssten oft gar nicht, wie viel Aufwand und auch Kosten damit verbunden seien, auch nur ein einziges Graffito zu entfernen. „Es ist unglaublich, was sich die Leute rausnehmen, fremde Häuser zu beschmieren.“

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Damit ist es nach Überzeugung des Ehepaars Berthold nicht getan. Auch öffentliche Gebäude, Verkehrsschilder, Infotafeln in Parks oder vor gemeinnützigen oder wohltätigen Einrichtungen seien davon betroffen. Bremen werde „seit geraumer Zeit“ und „zunehmend“ von Fassadenschmierereien verunstaltet, die das Stadtbild mittlerweile in unerträglichem Ausmaß negativ prägten, heißt es in der Begründung. Und weiter: „Wir wollen das jetzt nicht mehr dulden.“

Gefordert wird eine Bürgerschaftsdebatte, in der sich die Fraktionen und der Bürgermeister zum Thema positionieren. Die Polizei soll ihre frühere Sonderkommission Graffiti wieder einsetzen, und schrittweise sollen Schmierereien aus dem öffentlichen Raum entfernt werden. Außerdem wollen die Petenten und ihre Unterstützer, dass Wandflächen „für künstlerische Graffiti“ freigegeben und am besten von Profis betreut werden.

400 Meter lange Freiluftgalerie

In Bremen gibt es solche Flächen bereits, unter anderem als Ferienprojekte, die Jugendlichen das gute Gefühl vermitteln, gemeinsam etwas zu gestalten. Zum Beispiel am Horner Jugendhaus oder beim Kunstprojekt des Martinsclubs in Walle. Im kommenden Frühjahr sollen, wie berichtet, beim Transition Art Festival die Radwege unter der Stephanibrücke in eine 400 Meter lange Freiluftgalerie verwandelt werden. Unter der Regie des Vereins Artflut werden bis zu 100 Künstlerinnen und Künstler erwartet, die sich mit einem Konzept bewerben müssen.

Wilden Schmierereien werde andernorts bereits Widerstand entgegengesetzt, wissen die Bertholds, die sich umgehört und umgesehen haben. In Amsterdam und anderen Städten sei man weiter. „Die Leute dort sagen: Wir wollen das nicht mehr. Und handeln danach.“ In Bremen vermissen die beiden Neustädter ein solches Bekenntnis: „Ich höre von Politikseite nichts“, klagt Michael Berthold. „Wir wünschen uns, dass sich die Mitte der Gesellschaft dazu äußert und die Politik das Thema behandelt.“

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Die Kriminalitätsstatistik listet 2019 in der Stadt Bremen 665 Sachbeschädigungen auf, inklusive Schäden an Autos und Straßen, Wegen oder Plätzen. Zuvor waren es 548. Die dadurch entstandenen Kosten sind nicht einfach zu ermitteln: Wer für die Beseitigung zuständig ist, hängt sehr vom Ort der Tat ab. Die Bremer Stadtreinigung (DBS) beispielsweise, die Container, Sichtwände und Abfallkörbe sauber hält, sich aber auch um öffentliche Gebäude kümmert, hatte 2018 noch 13.300 Euro für die Beseitigung von Graffiti ausgegeben. Im Jahr darauf waren es knapp 20.000 Euro, und für das laufende Jahr war der Bedarf auf bis zu 25.000 geschätzt worden.

Illegale Graffiti nur bei extremen Botschaften beseitigt

„Wir stellen fest, dass in der letzten Zeit Grünanlagen und andere öffentliche Flächen mehr als sonst genutzt und auch verschmutzt werden“, sagt DBS-Sprecherin Antje von Horn. Obwohl es nicht ausdrücklich die Aufgabe der Stadtreinigung sei, würden im Zuge des Projektes „Sichere und saubere Stadt“ Schmierereien entfernt. Die Mittel seien begrenzt, deshalb beschränke man sich auf „öffentliche, touristisch relevante Gebäude“. Illegale Graffiti würden nur dann beseitigt, wenn sie „rechtsradikale, sexistische oder rassistische Botschaften“ enthielten.

Das Finanzressort hatte im vergangenen Jahr 8248,44 Euro aus dem Budget für „kleinen Bauunterhalt“ aufgewendet, um solche Sprüche und Bilder von öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen entfernen zu lassen, teilt ein Sprecher mit. Die Höhe der Aufwendungen für 2020 sei noch nicht abzusehen.

Der Petitionsausschuss, vermutet dessen Vorsitzender, der Bürgerschaftsabgeordnete Claas Rohmeyer (CDU), werde sich voraussichtlich im Januar oder Februar mit dem Thema befassen. Am Ende entscheidet die Stadtbürgerschaft, welche Folgen die Petition von Silke und Michael Berthold haben wird.

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