Deuschland profitiert von Jugendarbeitslosigkeit in Spanien

"Deutschland fehlen Fachkräfte"

Céline Teney, Professorin am Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen, im Interview mit dem WESER-KURIER über die Auswirkungen der Jugendarbeitslosigkeit in Spanien für Deutschland.
21.08.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Kira Pieper
"Deutschland fehlen Fachkräfte"

Cèline Teney ist Professorin am Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen. Sie forscht über das Thema Geschlechterpolitik im Wohlfahrtsstaat.

David Ausserhofer

Céline Teney, Professorin am Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen, im Interview mit dem WESER-KURIER über die Auswirkungen der Jugendarbeitslosigkeit in Spanien für Deutschland.

Junge spanische Erwachsene können nach Deutschland kommen, um hier eine Ausbildung zu machen. Nehmen sie damit den deutschen Jugendlichen die Arbeitsplätze weg?

Céline Teney

In welchen Branchen ist Deutschland auf Nachwuchsfachkräfte aus dem Ausland angewiesen?

Es gibt einen Mangel in der Gastronomie und vor allem im Gesundheitsbereich. In Deutschland fehlt es an Fachkräften aus den Bereichen Körperpflege, Tourismus-, Hotel- und Gaststättengewerbe, auch in der Lebensmittelherstellung fehlen Leute. Dann ist es gut, wenn Auszubildende aus dem Ausland gefunden werden.

Wenn Spanier ihre Ausbildung in Deutschland abgeschlossen haben, bleiben sie dann hier oder gehen sie tendenziell eher zurück nach Spanien?

Das Phänomen, dass junge Spanier nach Deutschland strömen, ist tatsächlich noch sehr neu. Deswegen wäre es jetzt noch zu früh, eine Prognose abzugeben, ob sie bleiben werden oder nicht.

Wovon wird diese Entscheidung Ihrer Meinung nach abhängen?

Dabei wird es darauf ankommen, wie sich der spanische Arbeitsmarkt entwickelt hat,

wenn sie mit ihrer Ausbildung fertig sind. Zurzeit gibt es in Spanien definitiv nicht genug Arbeit für alle heimischen Jugendlichen. Aber wenn die Krise vorbei ist, könnten sie die Möglichkeit nutzen, zurückzugehen. Darüber hinaus wird es auch darauf ankommen, wie gut sie sich in Deutschland integrieren. Und dies nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch in ihrem sozialen Umfeld.

Wie anerkannt ist eine deutsche Ausbildung im europäischen Ausland?

Die deutsche Ausbildung genießt im europäischen Ausland ein sehr hohes Ansehen. Das duale Ausbildungssystem, also die Verbindung von Schule und Ausbildung im Betrieb, ist im europäischen Ausland weniger verbreitet und genießt weniger Ansehen.

Macht Deutschland genug, um gegen Arbeitslosigkeit in Europa vorzugehen?

Um gegen Jugendarbeitslosigkeit in Europa vorzugehen, sollte man die Ursache der Wirtschaftskrise, die vor allem südeuropäische Länder betroffen hat, bekämpfen. Dafür braucht man europäische Maßnahmen.

Was meinen Sie mit „europäischen Maßnahmen“?

Politische Initiativen wurden vor kurzer Zeit auf EU-Ebene beschlossen, um gegen die Jugendarbeitslosigkeit innerhalb der EU vorzugehen. Es wird sich in der nächsten Zeit zeigen, inwieweit sie erfolgreich sind.

Welche europäischen Länder haben eine besonders hohe Arbeitslosigkeit?

In Spanien ist die Jugendarbeitslosigkeit am größten. Dicht gefolgt von Griechenland, dann kommen Kroatien und Italien. Am wenigsten Jugendarbeitslosigkeit gibt es in Deutschland, den Niederlanden und in Österreich.

Welche Probleme gibt es, wenn man sich in einem fremden Land – nehmen wir mal Deutschland – zurechtfinden muss?

Manchen fällt es leichter, in eine fremde Kultur zu kommen, andere haben es schwerer. Das ist eine Typ-Frage. Aber Italiener und Spanier haben in Deutschland einen großen Vorteil: Sie finden hier relativ große Gemeinschaften vor. Das liegt daran, dass es in den 50er- und 60er-Jahren schon große Einwanderungsströme aus diesen Ländern Richtung Deutschland gab. Das kommt den jetzigen Einwanderern zugute. Man kann Leute aus der Heimat treffen und sich austauschen. Manchmal gibt es sogar Stammtische und man trifft sich dort einmal die Woche.

Wird die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien in den kommenden Jahren Ihrer Meinung nach zurückgehen oder sich noch weiter zuspitzen?

Wenn sich die Wirtschaftskrise auflöst, würde sich auch die Jugendarbeitslosigkeit lösen. Außerdem wird es durch den demografischen Wandel eher mehr Arbeit geben als Menschen. Jugendarbeitslosigkeit wird dann nicht mehr ein so großes Problem sein wie jetzt.

Das Gespräch führte Kira Pieper

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+