Reportage Ein Tag mit den Lebensrettern aus der Luft

Notärzte, Notfallsanitäter und Piloten sind täglich mit dem Hubschrauber „Christoph Weser“ der DRF Luftrettung in Bremen im Einsatz. Was sie bei Notfällen erleben.
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Ein Tag mit den Lebensrettern aus der Luft
Von Sabine Doll

Der erste Notfall geht gegen neun Uhr am Morgen ein. „In Walle ist ein Mann zusammengebrochen“, sagt Jonas Boelsen. Alles geht ganz schnell. Der Notarzt, Pilot Ingo Reckermann und Notfallsanitäter Alexander Müller spurten aus dem Büro der DRF Luftrettung am Bremer Flughafen. Für die gut 200 Meter zu dem rot-weißen Rettungshubschrauber „Christoph Weser“ schnappen sie sich die in der Halle bereitgestellten Fahrräder. Keine Sekunde soll im Notfall vergeudet werden. Außerdem sind Pilot, Arzt und Sanitäter gleich voll auf ihre Arbeit konzentriert und müssen je nach Laufsprint und Kondition nicht erst wieder zu Atem kommen.

„Im Moment wissen wir, dass der Patient wohl einen Krampfanfall hatte und auch bewusstlos war“, sagt Boelsen, während er sich hinten im Hubschrauber anschnallt. „Was genau passiert ist, werden wir gleich erst erfahren.“ Parallel zu dem Team aus der Luft schickt die Leitstelle der Bremer Berufsfeuerwehr, die alle Notfalleinsätze koordiniert, einen Rettungswagen zum Einsatzort. Die Rettungsassistenten am Boden übernehmen die Erstversorgung, bis der Notarzt aus dem Hubschrauber da ist.

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„Christoph Weser“ hebt in den stahlblauen Bremer Himmel ab. Kaum Wind, klare Sicht, perfektes Wetter nicht nur für den Piloten hinterm Steuerknüppel. Die Halle, in der sich die Station der DRF Luftrettung befindet, verschwindet schnell aus dem Blickfeld. Knapp zwei Minuten dauert der Flug vom Neuenlander Feld nach Walle. Reckermann kann „Christoph Weser“ nicht direkt am Einsatzort landen – die Waller Heerstraße ist dicht befahren, sie zu sperren, wäre zu aufwendig und würde auch viel zu viel Zeit kosten. Der Pilot steuert eine Grünfläche mitten im Utbremer Kreisel an. Quer darüber verläuft die Bundesstraße 6, das Grün wird von Sträuchern und Bäumen gesäumt.

Hubschrauber in der Regel am schnellsten am Einsatzort

Rund 120 Stellen sind in der Stadt Bremen als Landeplätze für Rettungshubschrauber festgelegt. Wenn genug Platz ist und es um Leben und Tod geht, landen die Piloten auch „wild“. Bei schweren Verkehrsunfällen auf der gesperrten Autobahn oder wie im Sommer am Freibad in Blumenthal, am Sodenmattsee oder beim Café Sand an der Weser. „Bei Badeunfällen werden wir immer alarmiert, weil der Hubschrauber in der Regel am schnellsten am Einsatzort sein kann“, sagt der Notarzt. Ein weiterer Vorteil: Der Hubschrauber kann zur Suche von Ertrinkenden in Gewässern eingesetzt werden. Wo befindet sich der Schwimmer? Treibt er ab? Lebenswichtige Informationen, die per Funk an Taucher und andere Retter am Boden durchgegeben werden.

Notfallsanitäter Alexander Müller sitzt neben dem Piloten vorn im Hubschrauber. Wenige Meter über dem Boden öffnet er die Tür und checkt kurz mit einem Blick nach unten und zur Seite das Gelände: „Ein wenig nach links, dann passt das auch mit den Bäumen.“

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Passt. „Christoph Weser“ landet mitten auf dem Utbremer Kreisel, Fahrradfahrer und Passanten bleiben stehen und beobachten das ungewöhnliche Landemanöver an dem Verkehrsknotenpunkt. „Zuschauer haben wir immer wieder, das ist ja auch verständlich. Man muss nur aufpassen, dass einem niemand in die Quere kommt, vor allem dem Hubschrauber. Das kann gefährlich werden“, sagt Müller. Grund ist der oft übersehene Heckrotor, dessen Blätter sich genau in Kopfhöhe eines Erwachsenen befinden. „Wenn die sich noch drehen, kann das richtig übel ausgehen“, warnt der Notfallsanitäter.

Zusatzqualifizierung für den Helikopterdienst

Neben seiner Ausbildung im Rettungsdienst hat Müller eine Zusatzqualifikation als HEMS-TC absolviert. Das Kürzel steht für die englische Bezeichnung „Helicopter Emergency Medical Service Technical Crew Member“ und bedeutet in der Praxis: Der Notfallsanitäter unterstützt den Piloten auch bei der Navigation und der Beobachtung des Luftraums. Beim Flug zum Einsatzort ist er seine rechte Hand. Müller übernimmt Aufgaben wie das An- und Abmelden bei den Rettungsleitstellen und die Kontaktaufnahme mit der Zielklinik. Er ermittelt die Einsatzdaten und gibt sie in das Navigationsgerät ein. Falls erforderlich, dirigiert er beim Landen.

Am Kreisel wartet die Polizei. Zwei Beamte bringen das Rettungsteam mit dem Streifenwagen zum Patienten. „Das ist das übliche Prozedere, wenn der Hubschrauber nicht am Einsatzort landen kann“, sagt Boelsen. Nur wenige Minuten später stehen Notfallsanitäter und Notarzt vor dem kollabierten Patienten, der wieder bei Bewusstsein ist: Der Mann stand auf einer Leiter, als ihm plötzlich schwindelig wurde und er zu krampfen begann, erfahren sie von den Rettungskräften.

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„Die Kollegen haben schon ein EKG geschrieben, der Mann hat auch andere Erkrankungen und nimmt Medikamente ein“, erklärt der Notarzt und überprüft die Werte. Was die Ursache für den Krampfanfall ist, lässt sich auf die Schnelle nicht herausfinden. Boelsen: „Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, zum Beispiel kann es ein epileptischer Anfall sein. Aber auch emotionaler Stress kann Auslöser sein.“ Was genau dahinter steckt, soll im Krankenhaus abgeklärt werden, den Transport übernimmt der Rettungswagen.

Auf die Einsätze folgt die Dokumentation

Die Bremer Luftretter beginnen ihren Dienst um sieben Uhr am Morgen, mit dem Sonnenuntergang endet er. Der Dienst ist dann aber nicht zu Ende: „Nach den Einsätzen kommt die Dokumentation“, erklärt Boelsen. Die DRF Luftrettung betreibt in Deutschland 29 Stationen, neun von ihnen sind rund um die Uhr einsatzbereit. Die Notärzte für die Bremer Station stellt das Klinikum Links der Weser, Boelsen ist einer von 15 Ärztinnen und Ärzten, die abwechselnd dort im Dienst sind. Seit rund sechs Jahren ist er dabei, „zwischen 800 und 1000 Luftrettungseinsätze müssen zusammengekommen sein“, schätzt er.

Reckermann ist als Pilot bei der DRF Luftrettung angestellt. „Mindestens 1500 Flugstunden sind Voraussetzung für den Job“, sagt er. Vorher ist er unter anderem für Offshore-Windparks geflogen und hat Touristen Hamburg von oben im Hubschrauber gezeigt. Müller ist hauptberuflich in einer Leitungsposition bei der Bremer Berufsfeuerwehr, daneben übernimmt er Dienste im Einsatz mit dem rot-weißen Hubschrauber. Eine weitere Station in Bremen betreibt der ADAC mit seinem gelben Rettungshubschrauber „Christoph 6“. „Konkurrenz sind wir natürlich nicht, sondern arbeiten Hand in Hand“, sagt Boelsen. „Über die Leitstelle der Feuerwehr wird das Team gerufen, das am schnellsten vor Ort sein kann.“

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Was der Tag bringt, wissen die Luftretter nie. Im Schnitt, sagt Boelsen, seien es etwa drei Einsätze am Tag. Rund 1000 Einsätze kommen in dem rot-weißen Rettungshubschrauber des Typs BK 117 im Jahr zusammen. Herzinfarkt, Schlaganfall, schwere Verletzungen durch Verkehrsunfälle, Brände, Vergiftung – das Spektrum ist groß. Primäreinsätze ist der Fachjargon für diese Art von Notfalleinsätzen, bei denen es um Leben und Tod geht – und um Zeit.

„Der Hubschrauber ist das schnellste Rettungsmittel“, sagt Reckermann. „Orte im Umkreis von 60 Kilometern können wir in maximal 15 Minuten erreichen. Gerade in ländlichen Gebieten oder an Einsatzorten, wo Rettungswagen schlecht hinkommen, sind wir die erste Wahl.“ Auch dann, wenn kein Notarzteinsatzwagen verfügbar ist. An fünf Bremer Kliniken sind sie stationiert. Sind alle unterwegs, wird der Hubschrauber alarmiert. „Bremen ist sehr lang gezogen. Bis ein Wagen aus der Stadt etwa in Bremen-Nord ist, kann das dauern“, sagt Boelsen. „Wir sind in vier bis fünf Minuten da.“

Das Funkgerät piept. Die Leitstelle fragt an, ob „Christoph Weser“ einen Patiententransport von einem Krankenhaus an der Nordseeküste in eine Bremer Klinik übernehmen kann. Noch steht der Hubschrauber am Utbremer Kreisel, Notarzt und Notfallsanitäter sind gerade vom „Polizei-Taxi“ zurückgebracht worden. Der Pilot überlegt, ob er noch in Bremen oder am Ziel auftanken soll. Der Kraftstoff reicht locker, Reckermann entscheidet sich gegen den Umweg über den Bremer Flughafen. „Die Patientin ist eine ältere Frau. Am Morgen hat sich ihr Zustand sehr verschlechtert, sie wird beatmet und liegt im künstlichen Koma“, beschreibt der Notarzt ihren Zustand.

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„Christoph Weser“ ist eine Art fliegende Intensivstation ist. Rund 250 Kilogramm bringt das medizinisch-technische Equipment auf die Waage, schätzt Reckermann. Jeden Morgen, bevor sich das Team bei der Leitstelle als einsatzbereit meldet, werden alle Geräte, Medikamente und andere Bestände nach einer Checkliste überprüft.

Neue Ausrüstung rettet Leben

Zur Ausstattung gehören auch Notfallkoffer- und Rucksack, die Arzt und Sanitäter mit zum Patienten nehmen. „Ziel ist: Die Behandlung darf nicht schlechter als auf einer Intensivstation sein“, sagt Boelsen. Neu an Bord ist ein mechanisches Reanimationsgerät, mit dem der Kreislauf von Herzpatienten bis zum Eintreffen in der Klinik ununterbrochen mit einer Herzdruckmassage aufrechterhalten werden kann. „Das ist ein Novum in der Luftrettung, das für viele Menschen Rettung bedeutet“, sagt der Arzt.

Eine Dreiviertelstunde nach dem Start vom Utbremer Kreisel landet Pilot Reckermann „Christoph Weser“ vor dem Krankenhaus an der Küste – Zwischenstopp zum Tanken inklusive. Die Patientin ist in keinem guten Zustand. Die Ärzte der Klinik übergeben dem Notarzt die Patientenunterlagen, besprechen Werte und Behandlung, helfen beim Umstöpseln der Geräte. Auf der Transporttrage aus dem Hubschrauber wird die Patientin zum Rettungsflieger geschoben.

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Das Einsatzgebiet von „Christoph Weser“ deckt im Kern einen Radius von rund 70 Kilometern ab. Aber auch auf den ost- und nordfriesischen Inseln sind die Retter im Einsatz. „Kliniken mit weniger Betten in ländlichen Regionen sind eher selten auf solche notfallmedizinischen Einsätze und eine spezialisierte Behandlung eingerichtet“, sagt Boelsen. „Sie sind zu klein, und solche Angebote bedeuten natürlich auch Investitionen, die von den Häusern nicht gestemmt werden können.“

Der zweite Einsatz ist an diesem Tag auch der letzte. Die Übergabe der Patientin hat gut eineinhalb Stunden gedauert. Es ist früher Nachmittag, als „Christoph Weser“ in den immer noch stahlblauen Himmel abhebt. Der Notarzt sitzt hinten im Hubschrauber, vor ihm auf der Trage liegt die Patientin, Boelsen überwacht Sauerstoff, Puls, Herzfrequenz und andere Werte auf dem Monitor. Auf seinem Schoß liegt ein Klemmbrett mit dem Übergabeformular für die Klinik in Bremen.

„Sie ist schwer krank“, sagt der Notarzt. Eine Prognose kann er nicht abgeben. Nicht in jedem Fall wissen Ärzte, Piloten und Notfallsanitäter, was aus ihren Patienten geworden ist, wie es ihnen später geht. Die Retter müssen professionell mit Bildern und Erlebtem umgehen. „Das bedeutet keinesfalls, dass uns das nicht berührt. Vor allem wenn Kinder betroffen sind, ist das emotional belastend. Erst recht, wenn man Kinder im selben Alter hat“, sagt der Notarzt. Trotzdem müssen sie Profis bei ihrer Arbeit bleiben. Um Leben zu retten.

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