Chemikalien in der Ochtum

Grollander machen sich Sorgen um die giftigen Rückstände

Kein gutes Gartenjahr für viele Grollander. Und wie wird das nächste? Die Chemikalieneinträge aus Löschschaum, der auf dem Flughafen verwendet wurde, treiben Anwohner und Kleingärtner um.
02.11.2019, 18:54
Lesedauer: 4 Min
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Grollander machen sich Sorgen um die giftigen Rückstände
Von Justus Randt
Grollander machen sich Sorgen um die giftigen Rückstände

Schlamm aus den Ochtumgräben in der Nähe des Flughafens ist auf Gifte untersucht worden. Er soll vorsichtshalber nicht auf Flächen mit Obst- und Gemüseanbau abgelagert werden.

Christina Kuhaupt

Abheben und weg. Am Bremen Airport Hans Koschnick ist richtig, wer der Stadt entschweben will. Als weit weniger unkompliziert und gar nicht flüchtig erweisen sich dagegen giftige Rückstände aus früher dort eingesetztem Feuerlöschschaum. Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) und andere Verbindungen aus der Stoffgruppe der perfluorierten Chemikalien (PFC) gelangen noch heute über die Entwässerung des Flughafengeländes in die Ochtum und ihr verzweigtes Grabensystem. Seit dem Frühjahr wird vor dem Verzehr von Ochtum-Fischen gewarnt. Grundwasser wurde untersucht, Proben von Obst und Gemüse der Hausbesitzer und Kleingärtner wurden und werden noch kontrolliert. Kein gutes Gartenjahr, das sich dem Ende zuneigt. Viele Anwohner fragen sich, wie es weitergehen soll, was die nächste Saison bringt – und wie groß die Wertminderung ihrer Grundstücke und Häuser ist.

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Dass es keine schnelle Lösung gibt, ist längst klar. Auch Andrea Hartmann unterstreicht das. Die Sprecherin des Flughafens, der zu 100 Prozent der Stadt Bremen gehört, sagt: „Im Vorfeld muss man gut planen, um ein gutes Ergebnis zu bekommen, deshalb kann es keine Ad-hoc-Geschichten geben.“ Nach mehr als 500 Beprobungen des betroffenen Flughafenareals stehe man jetzt kurz vor der Ausschreibung der Aufträge. Um die Jahreswende könne dann die hydraulische Sanierung beginnen – die bereits behördlich angeordnet wurde. Dann endlich sollen die ungeregelten und diffusen Einträge in die Kanalisation und die Ochtum unterbunden werden. Die Oberfläche des belasteten Feuerlöschübungsplatzes wird abgedichtet. Anfallendes Sickerwasser soll laut Hartmann zusammen mit dem Grundwasser durch Sand-, Schlammfang, Kies- und Aktivkohlefilter gereinigt werden. Der Flughafen hat eine Rücklage für die Arbeiten gebildet.

Der Groll sitzt tief

Seit 2003 wird der früher übliche Löschschaum in Bremen nicht mehr verwendet. Bald darauf wurde sein Einsatz generell verboten. Die Gefahr ließ sich also vermuten – seit dem Frühjahr wird gewarnt. Im September hatte Umweltsenatorin Maike Schaefer (Grüne) per Wurfsendung darauf hingewiesen, dass die Wasserentnahme aus den Gräben der Genehmigung bedürfe. Auch die Grundwasserentnahme zur Gartenbewässerung sei seit September zu vermeiden, „um den Stoff nicht auf der Oberfläche zu verteilen“, sagt Anwohnerin Ute Boikat. Und sie sagt: „Die Einleitung zu stoppen, ist ja noch keine Sanierung.“ Als sie noch berufstätig war, hat sie im industriellen Immissionsschutz gearbeitet – zuletzt für den Bremer Umweltsenator.

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Die Anwohnerin berichtet vom Nachweis des „dreifachen Geringfügigkeitsschwellenwertes für PFC im Grundwasser“ ihres Kleingartens östlich der Ochtum. Annemarie und Achim Werner haben inzwischen Entwarnung vom Gesundheitsamt erhalten: Das Grundwasser ihres Grundstückes sei nicht belastet. „Aber weil die Behörden so langsam sind, haben wir ein Privatgutachten in Auftrag gegeben“, sagt Annemarie Werner, die früher als Grünen-Politikerin im Ortsbeirat gesessen hat. Das Ergebnis kam dieser Tage: „Keine Probleme, Stand jetzt. Das Zeug breitet sich wahnsinnig aus. Wir legen das Gutachten trotzdem in unsere Hausakte. Hätten wir mal vor ein paar Jahren schon verkauft“, spielt die Hausbesitzerin auf den Wertverlust an, den auch andere Grollander Immobilienbesitzer befürchten. Jetzt wissen die Werners, dass ihr Brunnenwasser – nicht das Grundwasser – aus acht Metern Tiefe unbelastet ist. Rund 230 Euro hat die Untersuchung gekostet. Nachbarn hätten sich schon erkundigt und wollten nachziehen.

Erdaustausch soll helfen

Das eigentliche Problem ist damit nicht gelöst: „Abhilfe kann nur ein Erdaustausch bringen, in der Haut der Leute an der alten Ochtum möchte ich nicht stecken“, sagt Annemarie Werner. Auch dort, im Bereich der Altländer Straße, sind anlässlich der anstehenden Grabenschau, der ersten seit Jahren, bereits die Gewässersohlen geräumt worden. Mehreren Grollander Gräben entnommene und auf PFC untersuchte Sedimentproben hätten ergeben, dass der Aushub „gewässernah verbleiben“ könne, teilte das Umweltressort mit. Vorsorglich solle er aber nicht auf Flächen mit Obst- und Gemüseanbau abgelagert werden.

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Dennoch sitzt der Groll tief in Grolland. „Wir haben erstmals aus der Presse erfahren, dass Grolland ein Problem hat. Die Behörden gehen offenbar davon aus, dass hier jeder in einer der zwei Siedlergemeinschaften ist, aber so ist es nicht“, sagt Annemarie Werner. Ein weiterer Anwohner, der nicht genannt werden will, weil er „Repressalien“ befürchtet, fühlt sich „verraten und verkauft, die wissen das seit über 16 Jahren und haben nichts gesagt“, beschwert er sich. Auch Ute Boikat fühlt sich schlecht informiert: „Ich habe kein einziges Schriftstück bekommen.“ Die Behörden bekräftigen, Ortsämter und Siedlergemeinschaften, Kleingartenvereine und Anglervereine würden stets über Neuigkeiten ins Bild gesetzt und die Grollander überdies mit Hauswurfsendungen informiert. Dennoch scheint der Eindruck unter den Anwohnern verbreitet zu sein, man bekomme nicht alles mit.

Abschlussarbeit über die Gewässerbelastung der Ochtum

Eine besondere Rolle spielt in dieser Hinsicht die Abschlussarbeit eines Hochschulstudenten, die sich mit der Gewässerbelastung der Ochtum und ihren Folgen befasst. Ute Boikat hatte Zugang zu der Arbeit, sie hält den Inhalt für „brisant, das ist ein großer Datenfundus“, wie sie sagt. Der Verfasser sei zwar namentlich bekannt, habe sich aber nicht ausfindig machen lassen. In der Umweltbehörde, heißt es auf Nachfrage, sei nichts bekannt von einer solchen Arbeit. Auch Flughafensprecherin Andrea Hartmann hat „keine Kenntnis“ von einer entsprechenden Untersuchung. „Beauftragt haben wir sie nicht, unterstützt auch nicht.“

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