Jugendgewalt So geht der Staat mit kriminellen Kindern um

Der Angriff auf eine Transfrau könnte in Bremen für viele der 15 Tatverdächtigen ohne Konsequenzen bleiben. Denn es waren auch Kinder beteiligt. Welche Möglichkeiten Polizei und Behörden trotzdem haben.
16.09.2022, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Björn Struß Ralf Michel
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Nach dem Angriff auf eine Transfrau in der Neustadt konnte die Polizei schnell von einem ersten Fahndungserfolg berichten. Von den gut 15 beteiligten Jugendlichen griff ein Streifenwagen vier Verdächtige in Huchting auf. Es sind Kinder im Alter von zwölf und 13 Jahren, die noch nicht strafmündig sind. Die transfeindliche Gruppe besteht möglicherweise aus weiteren Kindern, gegen die Polizei und Staatsanwaltschaft nicht ermitteln können. Unklar ist bisher, wie alt der Jugendliche ist, der unter dem Jubel der Gruppe der 57-Jährigen ins Gesicht schlug. Letztlich könnte die transfeindliche Attacke für viele Beteiligte ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Der Staat hat aber auch jenseits des Strafrechts Möglichkeiten, kriminellen Kindern Grenzen aufzuzeigen.

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Was ist die rechtliche Ausgangslage?

Strafrechtlich gelten Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren als unmündig. Das heißt, sie können nicht vor Gericht für ihre Taten bestraft werden. Anders sieht es zivilgerichtlich aus. Hier hat das Opfer einer Straftat die Möglichkeit, zum Beispiel Arzt- oder Behandlungskosten einzuklagen oder auch Schmerzensgeld. Erforderlich ist dafür allerdings eine Entscheidung des Gerichts, ob der junge Täter die erforderliche Reife hatte, die möglichen Folgen seiner Tat zu erkennen, beziehungsweise zu wissen, etwas Verbotenes getan zu haben. Verantwortlich für Kinder sind außerdem grundsätzlich deren Eltern. Denen müsste für Schadensersatzansprüche allerdings nachgewiesen werden, dass sie ihrer Aufsichtspflicht nicht genügend nachgekommen sind.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Wenn die Polizei Minderjährige in ihre Obhut nimmt und zu einer Dienststelle bringt, übergibt sie die Kinder danach grundsätzlich an die Eltern. "Die Erziehungsberechtigen werden sodann über den vorliegenden Sachverhalt und das beabsichtigte, weitere Vorgehen informiert", erläutert Sprecher Nils Matthiesen. Dabei gehe es auch um Verhaltenstipps und Beratungsmöglichkeiten. "Aber längst nicht alle Eltern holen ihre Kinder von der Wache ab", sagt der Polizeisprecher. Eine Zusammenarbeit, um gemeinsam positiv auf das Kind einzuwirken, sei dann nur sehr schwer möglich. Matthiesen weiter: "Sobald Hinweise vorliegen, dass Hilfen und Unterstützungsmaßnahmen in der Erziehung notwendig erscheinen, erfolgt eine Meldung an das Jugendamt."

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Wie will die Polizei "kriminelle Karrieren" verhindern?

In einigen Fällen führen die Kontaktpolizisten, die zum Beispiel an Schulen präsent sind, im Beisein der Erziehungsberechtigten Einzelgespräche mit gewalttätigen Kindern. "Ziel ist es, minderjährigen Personen das Unrecht einer begangenen Tat vor Augen zu führen", sagt Matthiesen.

Wenn die Gespräche der Kontaktpolizisten nicht fruchten, kann die Polizei das Handlungskonzept „Stopp der Jugendgewalt“ nutzen. Mit Einverständnis der Eltern kommen dann Mitarbeiter aus der Bildungs- und Sozialbehörde mit der Polizei zu sogenannten Fallkonferenzen zusammen. "Wegen personeller Engpässe ist es uns aber derzeit nur bei absoluten Härtefällen möglich, dies als Polizei zu begleiten", sagt der Polizeisprecher. 

Um in den Schulen Gewaltproblemen entgegenzuwirken, bietet die Polizei auch das Programm "Nicht mit mir!" an. "Ziel dieses Programms ist unter anderem, die Empathie der Kinder zu fördern, die Streitvermeidung zu stärken und die Strafbarkeit einzelner Delikte zu erläutern", sagt Matthiesen. Die Kontaktpolizisten könnten in den Schulen bei Bedarf auch für ganze Schulklassen Unterrichtseinheiten anbieten.

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Wie geht Huchting mit gewaltbereiten Jugendlichen um?

Die vier Kinder aus der transfeindlichen Gruppe hatte die Polizei in Huchting aufgegriffen. Dort beschäftigt sich auch Ortsamtsleiter Christian Schlesselmann mit der Frage, wie der Stadtteil mit gewaltbereiten Jugendlichen umgehen soll. "Das ist bei uns nicht erst ein Thema, seitdem es in der Neustadt zu dem Angriff kam. Ich will dieses Problem nicht kleinreden", sagt Schlesselmann. Er befinde sich bereits in Gesprächen mit der Polizei. Ziel sei es, Jugendhilfeeinrichtungen, Schulen und Ordnungskräfte an einen Tisch zu bringen.

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