St.-Martini-Gemeinde verteidigt ihren Pastor Kirche leitet Disziplinarverfahren gegen Olaf Latzel ein

Der Kirchenausschuss der Bremischen Evangelischen Kirche hat beschlossen, ein Disziplinarverfahren gegen Pastor Olaf Latzel einzuleiten. Aus einem bestimmten Grund ruht dieses Verfahren aber zunächst.
15.05.2020, 05:00
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Kirche leitet Disziplinarverfahren gegen Olaf Latzel ein
Von Ralf Michel

Der Kirchenausschuss der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) hat in seiner Sitzung am Donnerstagabend einstimmig beschlossen, gegen Olaf Latzel, Pastor der St.-Martini-Gemeinde, ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Grund dafür sind seine Äußerungen über Homosexualität im Rahmen eines Eheseminars im Oktober 2019, die nach einer Anzeige zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung geführt haben.

Wie in Fällen laufender strafrechtlicher Ermittlungen üblich, wird das Disziplinarverfahren der Kirche allerdings vorerst ausgesetzt und erst nach Abschluss des Strafverfahrens weitergeführt. Derzeit prüft die Staatsanwaltschaft noch, ob überhaupt ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht.

Kirchenausschuss verurteilt Äußerungen

Unmittelbar nach Bekanntwerden der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen vor drei Wochen hatte sich der Kirchenausschuss der BEK bereits von den „abwertenden Äußerungen“ Latzels in dem Eheseminar distanziert. „Der Kirchenausschuss verurteilt auf das Schärfste die Äußerungen, in denen Menschen herabgesetzt, beleidigt und in ihrer Würde verletzt werden“, hieß es in einer Erklärung. Mit seinen Äußerungen schade Latzel der Bremischen Evangelischen Kirche, der Gemeinschaft der einzelnen Gemeinden und allen gesamtkirchlichen Einrichtungen.

Auch Edda Bosse, Präsidentin des Kirchenausschusses, meldete sich zu Wort. „Bereits in der Vergangenheit haben wir Äußerungen von Herrn Pastor Latzel erlebt, die bis an die Grenze des Erträglichen gingen, diese Grenze ist jetzt überschritten.“ Man werde das eingeleitete Verfahren sehr genau beobachten und davon ausgehend mögliche dienstrechtliche Schritte prüfen.

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Vor einer Woche fand ein Dienstgespräch mit Olaf Latzel statt, an dem seitens der BEK Edda Bosse, Schriftführer Pastor Bernd Kuschnerus und der Leiter der Kirchenkanzlei, Johann Daniel Noltenius, beteiligt waren. Über die Details dieses Gesprächs vereinbarten beide Seiten Stillschweigen. Ergebnis der Unterredung war jedoch die Empfehlung an den Kirchenausschuss, ein Disziplinarverfahren gegen Pastor Latzel zu eröffnen.

Zwischenzeitlich hatte eine Vielzahl von Pastoren, Mitarbeitern, Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen Bremens in einer „Erklärung für Demokratie, Respekt und Verständigung“ die Ermittlungen wegen des Verdachts auf Volksverhetzung gegen Olaf Latzel ausdrücklich begrüßt und ihren Kollegen in die Nähe fundamentalistischer Hassprediger gerückt. Seine „neuerlichen verbal-aggressiven Übergriff auf einen Teil der Bevölkerung“ seien unerträglich.

St.-Martini-Gemeinde verteidigt ihren Pastor

Ganz anders der Vorstand der St.-Martini-Gemeinde: Der stellte sich ohne Wenn und Aber hinter seinen Pastor und sprach von „Angriffen, Gewaltakten, Aggressionen und Verleumdungen“, die sich gegen Latzel und gegen die Gemeinde richteten. In St. Martini werde kein menschenverachtendes Gedankengut verbreitet, aber die Gemeinde bekenne sich „in Lehre und Ordnung zur ganzen, unverfälschten Heiligen Schrift“. Diesem Gotteswort folge man gehorsam in allen Fragen des Glaubens und des Lebens und begrüße daher die klaren und bibelzentrierten Predigten Latzels und sein „Festhalten an den unverrückbaren Wahrheiten der Heiligen Schrift“.

Die eindeutige Rückendeckung aus seiner Gemeinde ist wichtig für Olaf Latzel. Er steht in einem beamtenähnlichen Pfarrerdienstverhältnis auf Lebenszeit zur Bremischen Evangelischen Kirche. Als Sanktion für seine Äußerungen kommen juristisch eine Versetzung oder ein Disziplinarverfahren in Betracht. Doch die Versetzung eines Pastors ist nur auf Antrag der jeweiligen Gemeinde möglich, etwa wenn das Verhältnis zwischen Pastor und Gemeinde nachhaltig gestört ist. Aber davon ist St. Martini weit entfernt.

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Bleibt das Disziplinarverfahren, das einen Katalog möglicher Maßnahmen vorsieht, vom dienstlichen Verweis bis zur Entfernung aus dem Dienst. Doch das ist – vergleichbar mit dem öffentlichen Dienst – nur bei Dienstvergehen, insbesondere Straftaten möglich. Und nur bei schweren Straftaten kommt als Folge die Entfernung aus dem Dienst in Betracht. Weswegen nun zunächst das Ergebnis der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen abgewartet wird.

Eine vorläufige Suspendierung des Pastors wäre ebenfalls nicht rechtskonform. Sie komme nur in Frage, wenn eine schwere Straftat im Raum steht oder Dritte geschützt werden müssten, zum Beispiel beim Verdacht sexueller Gewalt, erklärt Johann Daniel Noltenius. „Beleidigungen und Diffamierungen reichen hierzu nicht aus. Gegen eine derartige Suspendierung könnten sofort erfolgreich Rechtsmittel eingelegt werden.“

Hinweis an Ostern

Der Vorstand der St.-Martini-Gemeinde mutmaßt, dass die Strafanzeige vom 14. April 2020 gegen Latzel, die Ausgangspunkt für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft war, lediglich dazu diente, um von den Straftaten abzulenken, die gegen Pastor und Gemeinde verübt wurden. Das wiederum weist Reiner Neumann zurück, Vorstand des Vereins „Rat & Tat – Zentrum für queeres Leben“. Rat & Tat war es, die den Staatsschutz der Polizei auf Latzels Äußerungen hinwies und damit die Ermittlungen ins Rollen brachte. „Wir haben selbst erst kurz vor Ostern einen Hinweis auf diese Äußerungen bekommen“, sagt Neumann. „Das war für uns der Anlass, dem mal nachzugehen.“ Man habe sich den damals noch frei zugänglichen Audiomitschnitt des Eheseminars angehört und sei über das Gehörte derart entsetzt gewesen, dass man den Staatsschutz gebeten habe, diese Aussagen zu prüfen.

Die Behauptung, dies sei ein Manöver gewesen, um von den Straftaten gegen die Gemeinde abzulenken, sei völlig haltlos, betont Neumann. „Da besteht überhaupt kein Zusammenhang. Wir verurteilen solche Übergriffe, das ist keine Ebene der Auseinandersetzung.“ Rat & Tat wisse schließlich aus eigener Anschauung selbst am besten, was derartige Übergriffe und Sachbeschädigungen bedeuteten.

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