Wie die Schüler ihren Protest organisieren

"Fridays For Future": Aufstand aus dem Kinderzimmer

Der 16-Jährige Landelin steht hinter „Fridays for Future“. Täglich setzt er sich für die Massenbewegung ein. Damit ist der Schüler nicht allein.
04.04.2019, 21:40
Lesedauer: 8 Min
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Von Gaby Herzog

Landelin Winter hat die Zahlen im Blick. Der 16-Jährige tippt ein paar Mal auf sein Handy und scannt mit konzentrierter Miene seine Nachrichten auf Whatsapp: „Aktuell wollen deutschlandweit in 370 Städten Schülerinnen und Schüler auf die Straße gehen“, erklärt der Elftklässler und steckt das Telefon zurück in die Hosentasche. „Wir demonstrieren für den Klimaschutz.

Und wir werden täglich mehr.“ Gerade heute erst hat sich eine Gruppe aus Zülpich den „Fridays for Future“-Protesten angeschlossen. „Ich musste den Ort erst einmal googeln“, sagt Landelin und lächelt. „Jetzt weiß ich: Das ist eine kleine Stadt in Nordrhein-Westfalen mit 20.000 Einwohnern. Sie wurde von den Römern gegründet, 496 nach Christus kämpfte da Chlodwig I. gegen die Alemannen.“

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Von seinem Kinderzimmer aus, im Spitzgiebel eines alten, verwinkelten Hauses im brandenburgischen Eberswalde, engagiert sich der Schüler für die weltweite Protestbewegung. An die Dachbalken hat er Fotos von Greifvögeln geheftet, daneben hängt ein Kalender der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ – ein Weihnachtsgeschenk von seiner Mutter. Von hier oben ist Landelin mit rund 500 jungen Leuten in ganz Deutschland vernetzt.

Seine Aufgabe innerhalb der Schüler-Bewegung ist es, Gruppen bei ihrer Gründung zu unterstützen. Täglich kommuniziert er dafür mit zig Gleichgesinnten: mit Anna in Heidenheim, Katharina in Landshut, Buse in Mannheim, Fritzi in Bremen. In abendlichen Telefonkonferenzen werden Termine besprochen und Strategien diskutiert.

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Für seine geliebten Netflix-Serien, nach denen er früher fast süchtig war, hat der Schüler keine Zeit mehr. „Greta Thunberg hat uns vorgemacht, dass man nicht viel braucht, um etwas zu bewegen“, sagt Landelin. „Man muss auch nicht einmal in einer Weltstadt wohnen, um sich einbringen zu können.“

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, ist der Schlachtruf. Immer mehr Erwachsene hören zu und haben das Bedürfnis, selber aktiv zu werden. Nachdem sich 23.000 Wissenschaftler solidarisierten, gründeten sich erst in der vergangenen Woche „Farmers for Future“, „Artists for Future“, „Teachers for Future“ und „Entrepreneurs for Future“.

Doch woher nimmt die „Fridays for Future“-Bewegung ihre Dynamik? Wer koordiniert das Erscheinungsbild? Wie schaffen es die Jugendlichen, sich auch auf nationaler und internationaler Ebene abzusprechen? Angela Merkel orakelte in einer Rede auf der Sicherheitskonferenz in München, dass es „äußere Einflüsse“ für so eine Bewegung geben müsse und vermutete wohl Russland dahinter.

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„Ich war schockiert, als ich das gehört habe“, sagt Linus Steinmetz (15) aus Göttingen. „Warum können sich die Politiker nicht vorstellen, dass wir in der Lage sind, etwas auf die Beine zu stellen? Wir sind so erfolgreich, weil wir mit unseren Forderungen schlicht recht haben: Stoppt den Klimawandel. Jetzt! Die Botschaft versteht jeder. Und jeder, der mag, kann bei uns mitmachen.“

Die moderne Kommunikations-Technik macht’s möglich. WhatsApp ist dabei das wichtigste Medium. Nach der Rede von Greta Thunberg auf der Klimakonferenz in Kattowitz tat sich eine Handvoll Jugendlicher zusammen. Sie kontaktierten Freunde, die ihre Freunde anschrieben. Ein Schneeballsystem. Spontan wurde beschlossen zu streiken. Der Erfolg überraschte alle. Zur ersten Demo in Bremen, Anfang Dezember, kamen 15 Leute. Drei Monate später, am 15. März, standen 8000 Jugendliche vor der Bürgerschaft. Deutschlandweit waren es 300 000.

Die beste Organisation von allen

Die Schüler und Schülerinnen gründeten kleinere Diskussionskreise, wählten Moderatoren und bildeten Arbeitsgruppen, wählten Delegierte. Die wichtigsten Entscheidungen werden bei Telefonkonferenzen getroffen, an denen nicht selten mehr als 100 Personen teilnehmen. Auf nationaler Ebene sind rund 500 Personen dauerhaft aktiv. Persönlich kennen gelernt haben sich die wenigsten.

„Wir in Deutschland gehören im Moment zu den am besten organisierten Gruppen weltweit“, sagt Linus und grinst. „Da werden wir unserem Klischee gerecht.“ Der Neuntklässler, der mit seinen braunen Haaren an Harry Potter erinnert, kümmert sich um den internationalen Austausch.

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Mauritius, Frankreich, Ecuador, New York. „Das ist schon etwas surreal, wenn ich zu Hause auf meinem Bett liege. Eben habe ich noch mit meinen Eltern gezankt, dass ich mein Zimmer aufräumen soll und dann wähle ich mich bei einer Telefonkonferenz ein. Da geht es plötzlich nicht mehr darum, bei wie viel Grad ich meine Socken waschen soll, sondern um das Pariser Abkommen.“

Ob bei einer Demonstration oder bei virtuellen Treffen, der Umgangston der Jugendlichen ist untereinander extrem freundlich, sie legen Wert auf gendergerechte Sprache, sprechen ganz selbstverständlich von Schüler*innen, Student*innen, Politiker*innen. Man lässt sich ausreden, lobt die Ideen der anderen, und anstatt harsche Kritik zu äußern, werden höflich „Alternativen“ vorgeschlagen. So hat jeder das Gefühl, mit seinem Engagement ernst genommen zu werden und einen wichtigen Beitrag zu leisten.

Umweltschutz nicht erst seit gestern

Auf dem Küchenfußboden in ihrer WG im Studentenwohnheim in Horn-Lehe malt Frederike „Fritzi“ Oberheim ihre Plakate für die Demonstrationen in Bremen: „There is no planet B“ ‒ hat sie in bunten Farben auf ein Pappschild gepinselt.

„Ich habe mich schon immer für Umweltschutz interessiert“, sagt die Psychologie-Studentin im zweiten Semester. „Als Kind habe ich mit dem Nabu Vogelhäuser gebaut und Müll gesammelt, esse kein Fleisch mehr seit ich 14 Jahre alt bin und versuche so wenig Müll wie möglich zu erzeugen. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich damit etwas bewegen kann. Das ist jetzt anders. Der Erfolg
der letzten Wochen hat viel mit mir gemacht. Ich fühle mich wie ‚angeknipst’ und bin sehr stolz darauf, dass ich jetzt Delegierte bei ‚F4F’ bin.“

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In der Bremer Bewegung gehört die 19-Jährige mit den hennarot gefärbten Haaren zu den Ältesten. Ihre engsten Mitstreiter, mit denen sie sich im Jugendzentrum Buchte trifft, sind Emelie (16) aus Fischerhude, Tabata (17) aus Verden, Anna (16), Julius (18) und Lea (16). Gemeinsam wird dort die nächste große Demo organisiert. Die soll am 26. April um 10 Uhr stattfinden.

Wer informiert das Ordnungsamt und die Polizei? Welche Route soll der Demonstrationszug nehmen? Wer hat einen Führerschein und kann den Lautsprecherwagen fahren? Wer traut sich zu, die Moderation zu übernehmen? Alltagsprobleme einer jungen Protestbewegung.

Klimaschutz schon im Kindesalter

Von zu Hause bekommen die meisten Jugendlichen für ihr Engagement Unterstützung. Fritzi auch. Ihr Vater ist Fotograf, die Mutter Buchhändlerin, beide waren in der Friedensbewegung und der Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv. Landelins Mutter arbeitet für den World Wildlife Found (WWF).

Sie kümmert sich um Wiederaufforstung in Afrika, sein Vater ist Biosphären-Referatsleiter in der Schorfheide. Linus Eltern sind ebenfalls Biologen. Erderwärmung und Umweltverschmutzung wurden schon im Kleinkindalter am Küchentisch diskutiert. „Klassische Grünen-Wähler eben“, sagt Fritzi und schmunzelt. „Wir waren oft auch schon gemeinsam demonstrieren, und wenn ich heute eine Rede für ‚F4F‘ halte, dann posten meine Eltern das stolz auf Facebook.“

„Es ist uns allen bewusst, dass wir uns öffnen und Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten dazu bringen müssen, mitzumachen“, sagt Lucas Pohl, der in Kiel Politikwissenschaft studiert. Der 20-Jährige kümmert sich mit einem Kreativ-Team um die Grafiken für Instagram.

Er ist immer auf der Suche nach aussagekräftigen Bildern und eingängigen Botschaften, die er an mehr als 80 000 Follower weitergeben kann. „Aber wir sollten uns auch fragen, warum wir erst jetzt auf die Straße gehen. Wie unsere Eltern haben wir lange den Ernst der Lage nicht wirklich erkannt.

Wir haben gewissenhaft unseren Müll getrennt und sind trotzdem munter in den Sommerferien durch die Welt geflogen. Ich auch. Sobald ich Geld hatte, habe ich ein Ticket gebucht, um Freunde in der USA zu besuchen. Heute schäme mich richtig dafür und habe meinen Lebensstil geändert. Ich fliege nicht mehr, fahre kein Auto und habe aufgehört, Fleisch zu essen. Besser spät als nie, oder?“

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Auch Luisa Neubauer muss sich Kritik in Bezug auf ihre Klimabilanz gefallen lassen. Die 22-jährige Geografie-Studentin wird immer mehr zum deutschen Gesicht der „Fridays for Future“-Bewegung. Die gebürtige Hamburgerin hat in Berlin die ersten Proteste mit organisiert.

Um in der Masse schneller gefunden zu werden, hatte sie am Anfang noch ihren Namen auf weißes Band geschrieben und auf den Rücken geklebt. Das braucht sie mittlerweile nicht mehr. Die Fernsehsender reißen sich um die attraktive junge Frau. Sie war im „ZDF-Morgenmagazin“, bei „Hart aber Fair“, gibt Interviews im „Spiegel“. Sie ist schlau, selbstbewusst, redegewandt, genießt die Öffentlichkeit. Doch je öfter Luisa in den Medien zu sehen ist, desto häufiger wird sie angefeindet. Besonders viel Häme erntet sie dafür, dass sie schon sehr oft ins Flugzeug gestiegen ist – Hongkong, Tansania, USA.

Feindliche Kommentare

Fotos dieser Reisen hat sie auf Instagram gestellt. Jetzt werden die fröhlichen Urlaubs-Bilder und Selfies mit bösen Kommentaren versehen und in den sozialen Medien weiterverbreitet.„Langstrecken-Luisa“ wird die Studentin von ihren Kritikern genannt. Angenehm ist ihr das nicht, die Bilder auf ihrem Account sind nicht mehr öffentlich. Aber Luisa lässt sich nicht beirren.

Sie kontert: Die Politik muss die Rahmenbedingungen verändern. Es reiche nicht, wenn der Einzelne auf Flugreisen verzichtet und kein Fleisch mehr isst. „Wir müssen ganz allgemein Kerosin besteuern und aufhören, die Massentierhaltung zu subventionieren“, sagt sie.

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Solche Sätze klingen schon nach Politprofi. „Luisas Präsenz in den Medien sehen viele von uns kritisch“, sagt Carla Reemtsma (20) aus Münster, die für Presseanfragen zuständig ist. „Warum immer Luisa? Es gibt so viele andere, die tolle Arbeit machen. Gleichzeitig wissen wir alle, wie wichtig die Öffentlichkeit ist und dass wir uns souverän präsentieren müssen, um von der Politik ernst genommen zu werden.“

Die Medienkompetenz der jungen Aktivisten ist groß. Sie sind „digital natives“ – kennen sich in der virtuellen Welt aus. Gerade erst haben sie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, bei der schon 75 000 Euro zusammengekommen sind. Geld für Flyer, Lautsprecheranlagen und, wenn nötig, auch für Rechtsberatung.

Dass es Trolle und rechte Hetzer gibt, die sich in die Foren schmuggeln, macht ihnen keine Angst. „Wenn da jemand rumstänkert oder 200 Mal schreibt, dass Andreas Scheuer ein super Typ ist, nur um unseren Account lahmzulegen, den schmeißen wir raus“, sagt Carla. „Einfach machen.“

Einfach machen – das dachte sich auch Sophie Gnest (28). Die Design-Studentin aus Essen bot an, ein Logo für die Bewegung zu entwerfen: Ein grüner Kreis mit einem Globus in der Mitte. „Die Kontinente sind schraffiert, so als wären sie mit Kreide auf eine Tafel gemalt.

Schließlich sind die meisten von uns Schüler oder Studierende.“ Jede Gruppe kann das Logo nutzen und ihren Ortsnamen dort eintragen. „Am Anfang musste ich das machen, aber vor Kurzem hat ein junger IT-Spezialist ein Programm geschrieben, welches das automatisch kann“, sagt sie.

„Das ist eine enorme Erleichterung.“ Auch in Italien, Österreich und in Iran wird das von Sophie kreierte Logo mittlerweile verwendet. Landelins Handy piepst. „Toll. Naumburg an der Saale schreibt, dass sie eine Gruppe gründen“, sagt er. „Da muss ich gleich mal nachschauen, wo genau das liegt.

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