Immer mehr Tatverdächtige identifiziert

Sexuelle Gewalt gegen Kinder - steigende Fallzahlen auch in Bremen

Die Fallzahlen von sexuellem Missbrauch an Kindern und Kinderpornografie in Bremen steigen. Aber auch die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen. Wichtige Hinweise kommen dabei aus den USA.
14.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Sexuelle Gewalt gegen Kinder - steigende Fallzahlen auch in Bremen
Von Ralf Michel
Sexuelle Gewalt gegen Kinder - steigende Fallzahlen auch in Bremen

Mit einem Bagger wird die Gartenlaube des Verdächtigen im Missbrauchsfall von Münster abgerissen. In der Laube des Kleingartenvereins sollen mehrere Männer zwei Jungen schwer missbraucht haben.

Guido Kirchner /dpa

Die Anfrage der CDU stammt bereits vom April, doch die Entdeckung des Pädophilen-Netzwerks in Münster in der vergangenen Woche verleiht der jetzt vorliegenden Antwort des Senats zusätzliche Brisanz. Denn auch in Bremen stiegen in den letzten fünf Jahren die Fallzahlen. Beim sexuellen Missbrauch von Kindern ebenso wie bei Besitz, Verbreitung und Herstellung von Kinderpornografie. Die Zahl der Anklagen und Verurteilungen im selben Zeitraum blieb dagegen überschaubar. „Völlig inakzeptabel“ nennt dies Thomas vom Bruch (CDU), Vorsitzende der Innendeputation im Interview mit dem WESER-KURIER.

Die Zahlen, die der Senat auf Anfrage der CDU präsentiert, stammen aus der im März veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik. Demnach gab es in den vergangenen fünf Jahren insgesamt 577 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern im Land Bremen. Wobei die Zahl von Jahr zu Jahr kontinuierlich stieg, von 106 Fällen 2015 auf 137 im vergangenen Jahr. Ausnahme ist 2018 mit 81 Fällen. Die Gründe hierfür seien nicht bekannt. Allein in der Stadt Bremen stieg die Zahl der Fälle von 2018 auf 2019 dann allerdings wieder um fast 65 Prozent.

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Ähnlich verlief die Entwicklung im Bereich der Kinderpornografie. Hier stehen 334 Fälle zwischen 2015 bis 2019 zu Buche, Tendenz durchgehend steigend. Auffallend ist auch hier der starke Anstieg in der Stadt Bremen von 2018 auf 2019, als sich die Zahl der Fälle von 49 auf 105 mehr als verdoppelte.

Entscheidenden Anteil am Anstieg der aufgedeckten Fälle hat laut Senat das Bundeskriminalamt (BKA). Das könne durch „Prozessoptimierungen“, vor allem aber mit Hilfe aus den USA, dem Sitz der meisten Provider von Internet-Plattformen, auf denen das kinderpornografisches Material gezeigt wird, zunehmend Hinweise auf Tatverdächtige an die Bundesländer weitergeben. Den Erfolg bei der Identifizierung Verdächtiger verdeutlicht der Senat mit zwei weiteren Zahlen: 2015 konnte das BKA 230 Vorgänge an die Bundesländer weitergegeben, 2017 waren es 3730. Ein Trend, der sich in den vergangenen beiden Jahren fortgesetzt habe.

Früherkennen von Verdachtsfällen durch Betreuungsinstitutionen

Bremen selbst generiere eigene Ermittlungsverfahren vor allem über Hinweise aus der Bevölkerung, über die Online-Wache der Polizei und aufgrund von Hinweisen aus dem sozialen Umfeld möglicher Tatverdächtiger. Positiv entwickelt habe sich aber auch das Früherkennen von Verdachtsfällen durch Betreuungsinstitutionen wie Kindergärten, Schulen und Sportvereinen. Ebenso die verstärkte Zusammenarbeit von Jugendamt und Polizei, die zu einer früheren Einbindung der Ermittlungsbehörden bei vermuteten Missbrauchsfällen geführt habe.

Ein wichtiger Faktor bei der Zunahme der Fallzahlen seien die nahezu ungefilterten Möglichkeiten im Internet, Kontakt zu Kindern aufzunehmen, die Polizei spricht hier von Internet-Anbahnung beziehungsweise Cybergrooming. Eng damit verbunden sei der oftmals sorglose Umgang mit den sozialen Medien: „Ohne die Konsequenzen zu hinterfragen, fertigen Kinder auf Bitten oder Anfragen Dritter Bilder von sich, um sie zu teilen, und posieren wie selbstverständlich vor Handy-oder Laptopkameras“, heißt es im Bericht des Senats.

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Stark zugenommen habe die Verbreitung von kinderpornografischen Bildern und Videos außerdem durch Kinder, Jugendliche und Heranwachsende selbst. „Durch die gesellschaftliche Verrohung, Gedankenlosigkeit, fehlende Scham und Sensationslust wird das inkriminierte Datenmaterial bedenkenlos weiterverbreitet.“

Noch deutlich höhere Zahlen als die Polizeiliche Kriminalstatistik weisen die Statistiken der Bremer Staatsanwaltschaft auf. Hier landen alle vom Bundeskriminalamt oder Dienststellen anderer Länder eingeleiteten Ermittlungsverfahren. Grund dafür ist vor allem, dass alle Verfahren, die die Staatsanwaltschaft nach rechtlicher Prüfung einstellt, in der Jahresbilanz der Polizei nicht mehr auftauchen. Laut Senat waren zwischen Januar 2015 und Ende April 2020 insgesamt 783 Ermittlungsverfahren wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs und des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern anhängig. Bei 96 davon wurde Anklage erhoben oder ein Strafbefehl beantragt. 50 Verfahren endeten mit Verurteilungen, 20 mit Freisprüchen oder Einstellungen bei Gericht. 122 Fälle werden noch bearbeitet.

997 Ermittlungsverfahren wegen Kinderpornografie

Im Bereich der Kinderpornografie vermeldet die Bremer Staatsanwaltschaft ähnliche Größenordnungen. Hier waren es im selben Zeitraum insgesamt 997 Ermittlungsverfahren. Für eine Anklageerhebung oder einen Strafbefehl reichte es in 132 Fällen. Es gab 81 Verurteilungen und elf Freisprüche oder gerichtliche Einstellungen. Noch nicht abgearbeitet sind 195 Verfahren.

Eine gewisse Unschärfe im direkten Vergleich von Ermittlungsverfahren und Urteilen ergebe sich dadurch, dass sich in zahlreichen Fällen herausstelle, dass mehrere zunächst unabhängig voneinander geführte Einzelermittlungen am Ende auf denselben Täter zurückgingen, ergänzt der Senat. Gegebenenfalls würde dieser Täter dann für eine Vielzahl von Taten verurteilt.

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In Bremen werden sexueller Missbrauch von Kindern und Kinderpornografie im Kontext einer gesamtgesellschaftlich steigenden Fallzahl von Gewaltdelikten an Kindern betrachtet. Deswegen seien die Mittel für Kinderschutz und Prävention in den vergangenen Jahren ausgeweitet worden, beantwortet der Senat die Frage der CDU, was die Landesregierung den aufgezeigten Entwicklungen entgegensetze. Dies betreffe unter anderem die Aufstockung im Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes, erhöhte Mittel für Fachberatungsstellen im Kinderschutz und die Schaffung von Frühberatungsstellen.

Eingebunden in die Präventionsarbeit sei auch die Polizei mit Gewaltpräventionsprojekten in Schulen, der Teilnahme an bundesweiten Medienkampagnen oder auch über die eigene Onlineredaktion. Die versuche in den sozialen Netzwerken, Kinder und Eltern über den richtigen Umgang mit pornografischen, kinderpornografischen oder auch extremistischen Inhalten zu informieren.

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