Fachkräfte aus dem Ausland

Pflegepersonal in Bremen dringend gesucht

Zwei Jahre kann es dauern, bis eine Pflegekraft aus einem Nicht-EU-Land in Deutschland arbeiten kann. Grund ist die Bürokratie, vor allem bei der Visa-Bearbeitung. Ein Bremer Pflegedienst-Betreiber berichtet.
08.08.2019, 05:37
Lesedauer: 4 Min
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Pflegepersonal in Bremen dringend gesucht
Von Sabine Doll
Pflegepersonal in Bremen dringend gesucht

Christian Clausen (rechts) mit seinem Mitarbeiter Budimir Karac.

Koch

Budimir Karac hat gerade seinen Dienst beendet. Der 36-Jährige arbeitet für den Ambulanten Pflegeservice Bremen in Findorff. Er versorgt und unterstützt pflegebedürftige, meist ältere Menschen nicht nur in dem Stadtteil: Er richtet Medikamente, hilft beim Waschen und Ankleiden, wechselt Thrombosestrümpfe und Verbände. Karac ist ausgebildete Pflegefachkraft, vorher war er in einem Krankenhaus tätig – in seinem Heimatland Bosnien und Herzegowina.

Fast zwei Jahre hat der 36-Jährige darauf gewartet, dass er endlich in Deutschland seinen Beruf ausüben kann. Der Grund für die lange Wartezeit: Bürokratie. „Allein die Bearbeitung des Visumsantrags in der deutschen Botschaft hat gut 20 Monate gedauert“, sagt er.

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Deutschland braucht dringend Pflegekräfte. In der Alten- und Krankenpflege sind bundesweit zehntausende Stellen unbesetzt. Und wie überall sind auch Bremer Kliniken, Heime und Pflegedienste ständig auf der Suche nach Personal. Der Bedarf steigt Jahr für Jahr. Deshalb setzen viele Einrichtungen und auch die Politik auf die gezielte Anwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland. Im Juli warb Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Kosovo um Pflegekräfte.

Bremen hat nach Angaben des Sprechers der Sozialbehörde, David Lukaßen, die vom Land finanzierten Ausbildungskapazitäten in der Pflege seit 2010 von 50 auf 250 Plätze im Jahr erhöht. Aber auch Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) sagt: „Wir werden ohne ausländische Pflegekräfte nicht auskommen. Wir unterstützen auch die Qualifizierung von Geflüchteten in diesem Bereich sowie Pflegeheimbetreiber in allen Belangen der Fachkräftesicherung.“

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Christian Clausen ist seit gut zwei Jahren wenigstens zwei Mal in Bosnien und Herzegowina sowie in Serbien vor Ort. Er ist Geschäftsführer des Ambulanten Pflegeservice Bremen. Über eine Facebook-Kampagne lädt er Bewerber, die eine Ausbildung als Pflegekraft absolviert haben und über die entsprechenden Nachweise plus Sprachzertifikat verfügen, zu Veranstaltungen in ihren Ländern ein. „Der Markt in Deutschland ist leer gefegt, und die Konkurrenz ist groß.

Ich habe es auch über die Bundesagentur für Arbeit versucht – keine Chance. Und auch in EU-Ländern wie Polen ist der Markt eng geworden“, sagt er. Bei einer dieser Veranstaltungen hat der Geschäftsführer Budimir Karac kennengelernt. Es gebe sehr viele ausgebildete Pflegekräfte, aber auch andere Fachkräfte, die gerne in Deutschland arbeiten möchten, sagt er. „Weil sie in ihrer Heimat keinen Job finden oder weil er schlecht bezahlt wird, Pflegekräfte verdienen dort teilweise 200 bis 300 Euro im Monat.“

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Das Problem dabei: „Bosnien und Serbien gehören nicht zur EU, das heißt, für sie gilt der Grundsatz der Freizügigkeit nicht. Die Bewerber müssen Visaanträge stellen. Und weil der Andrang inzwischen so groß, das Personal in den Botschaften aber immer noch nicht darauf eingestellt ist, dauert es und dauert es“, sagt Clausen. Er beschäftigt acht Mitarbeiter aus den beiden Nicht-EU-Ländern.

Bei jedem von ihnen habe allein die Bearbeitung der Visaanträge um die 20 Monate gedauert. Dazu komme die Bürokratie bei der zuständigen Landesbehörde und der Arbeitsagentur: Die Überprüfungen seien nicht standardisiert, jedes Mal müsse von vorn begonnen werden. Auch die Bremer Heimstiftung als größter Pflegeanbieter in der Hansestadt setzt auf Personal aus dem Ausland: „Wir haben zum Beispiel ein Programm für Pflegekräfte aus Polen“, sagt Projektleiterin Patrycja Kniejska. „In Nicht-EU-Ländern suchen wir nicht aktiv, unter anderem wegen des großen Aufwands. Wenn aber jemand gezielt zu uns kommt und Interesse hat, unterstützen wir das natürlich.“

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Auch Behörden haben bei der Bearbeitung keine Vorteile, selbst wenn sie im Auftrag der Politik handeln. „Wenn das Fachkräfteeinwanderungsgesetz voraussichtlich ab 2020 in Kraft tritt, müsste sich das ändern. Aber im Moment ist es leider so“, sagt Marcel Schmutzler, Sprecher der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) bei der Bundesagentur für Arbeit; sie ist für die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland und die Vermittlung besonderer Berufsgruppen zuständig.

Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist sie an dem Projekt Triple Win beteiligt, das seit 2013 knapp 3200 Pflegekräfte aus den Nicht-EU-Ländern Bosnien und Herzegowina, Serbien, den Philippinen und Tunesien an Kliniken und Pflegeheime vermittelt hat. „Mit steigender Tendenz, 2019 sind es bereits über 600“, sagt er.

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Die Gesamtzahl in dem Zeitraum sei aber auch Ausdruck der Tatsache, dass Rekrutierung, Vermittlung sowie die notwendige sprachliche und fachliche Vorbereitung in den Heimatländern ein komplexes und zeitlich aufwendiges Unterfangen seien. Demnächst soll Vietnam als Triple-Win-Land dazukommen, um Pflege-Auszubildende zu gewinnen. Die ZAV wirbt zudem in Mexiko Pflegekräfte an, bald auch in Bolivien.

Pflegedienst-Betreiber Clausen hofft, dass mit dem neuen Gesetz das Nadelöhr Bürokratie beseitigt wird: „Ansonsten wird der Personalnotstand noch größer. Wir haben in Deutschland nicht genug Menschen im berufsfähigen Alter, die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente – und die Zahl der Pflegebedürftigen steigt.“ Budimir Karac befindet sich zurzeit im Anerkennungsjahr. Nach bestandener Prüfung kann er mit seiner Ausbildung auch in Deutschland als Fachkraft arbeiten. Damit soll nicht Schluss sein: „Ich möchte mich im Wundmanagement weiterqualifizieren.“

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