Inoffizieller Rastplatz Gewerbegebiet Hansalinie: Anwohner beschweren sich über Vermüllung

Anwohner beschweren sich über eine zunehmende Vermüllung des Gewerbegebiets Hansalinie an der Autobahn A1. Die Arbeitsbedingungen im Transportgewerbe dürften dabei eine zentrale Rolle spielen.
01.03.2019, 20:21
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Gewerbegebiet Hansalinie: Anwohner beschweren sich über Vermüllung
Von Christian Hasemann

Lkw an Lkw – so sieht es besonders am Wochenende im Gewerbegebiet Hansalinie in Hemelingen aus. Was auf den ersten Blick nach brummender Logistik aussieht, offenbart auf den zweiten die Schattenseiten des Gewerbes: Müll, Fäkalien am Straßenrand, Alkohol und schlechte Arbeitsbedingungen für die Fahrer. Das Problem ist auch auf Autobahnraststätten und Autohöfen bekannt, die von den Brummifahrern angesteuert werden, um dort ihre gesetzlichen Ruhezeiten einzuhalten.

Mit Lkw überfüllte Parkflächen, die bis nahe an die Ein- und Ausfahrten reichen, Müll, zu wenige Toiletten. Allerdings sind sie nur von Autofahrern zu erreichen. Die Wege in der Hansalinie werden aber eben auch von Anwohnern genutzt und auch der Weserradweg führt durch das Gebiet bis nach Achim. Und noch sind nicht alle Flächen mit Beton versiegelt, sodass es für Hemelinger Bürger auch ein Ausflug ins Grüne sein kann.

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Schwerpunkt am Wochenende

So wie für Marion Hörmann aus Arbergen. Sie fährt gerne mit der Rad in die Marsch oder wandert dort. Oder besser: sie fuhr gerne in die Marsch. Denn seit das Gewerbegebiet Hansalinie wächst, wächst bei ihr auch der Ärger. „Je mehr Hallen, desto mehr Lkw“, hat sie beobachtet. Besonders schlimm sei es am Wochenende. „Dann ist alles voll.“ Das alleine wäre allerdings noch nicht das Problem. „Aber manche benehmen sich wie die letzten Henker“, hat Marion Hörmann beobachtet.

Der Müll der übernachtenden Fahrer fliege aus dem Fenster und lande in der Natur. Selbst die Notdurft – und dabei nicht nur das „kleine Geschäft“ – wird dort direkt am Straßenrand verrichtet, hat sie beobachtet. „Das Problem gibt es schon lange und die Leute schütteln mit dem Kopf und gehen einfach vorüber, aber ich habe mir gedacht, jetzt reicht‘s!“ Denn offensichtlich wird das Gewerbegebiet auch zur illegalen Deponierung von Restmüll und Bauschutt genutzt.

Grillen und Alkohol

Es ist aber nicht nur der Müll, der Marion Hörmann ärgert. „Am Wochenende wird dort sehr viel Alkohol getrunken und ich glaube nicht, dass alle am Sonntag um 18 Uhr wieder nüchtern sind.“ Aber noch mehr: „Da wird gegrillt, gesoffen und der Müll dann hingeschmissen.“ Zwar gebe es Mülleimer, aber die seien viel zu klein. Die Fahrer direkt anzusprechen, traue sie sich nicht.

„Das würde ich auf keinen Fall machen.“ Sie habe auch ihrer Tochter verboten, dort alleine durchzulaufen. „Es ist zwar noch nichts passiert, aber die Blicke alleine reichen mir schon“, beschreibt sie das mulmige Gefühl, das sie beschleicht, wenn sie an manchen Tagen dort mit ihrem Rad lang fährt. Im Ortsamt Hemelingen und im Beirat ist das Problem bekannt. „Es haben sich mehrere Bewohner an uns gewandt“, sagt Ortsamtsleiter Jörn Hermening.

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„Es sind allerdings auswärtige Fahrer, denen ist mit Hemelinger Erziehungsmethoden schwer beizukommen, wir sind da ein bisschen ratlos.“ Das Einzige, was wirklich helfe, sei, wenn der Müll sofort abgefahren würde. „Es muss primär darum gehen, dass man das Gebiet sauber hält.“ Denn herumliegender Müll, animiere geradezu, weiteren Müll dazu zu stellen. „Das ist wie Sperrmüllhaufen, die über Nacht wachsen“, erklärt Jörn Hermening.

Verursacher bleiben meist unbekannt

Verschmutzungen, ob durch Müll oder menschliche Fäkalien, sind Ordnungswidrigkeiten und können dementsprechend mit Bußgeldern belegt werden. Allerdings müsste der Verursacher dabei auf frischer Tat erwischt werden – ein nahezu unmögliches Unterfangen. Deswegen gibt es auch Forderungen, dass die Kommunen stattdessen genügend Rastplätze mit entsprechender Infrastruktur anlegen, zum Beispiel bewachte Autohöfe. Das wiederum ist teuer – für die Kommunen, aber auch für die Fahrer.

„Wir haben seit Jahren das Problem, dass Fahrer im gesamten Hafengebiet nächtigen“, sagt Dieter Oehlschläger, Revierleiter Hemelingen. Insbesondere osteuropäische Fahrer fielen dabei auf. Augenscheinlich arbeiteten viele von ihnen als Subunternehmer und könnten oder wollten sich die Kosten des Autohofes nicht leisten.

„Wir haben mehrfach darauf hingewiesen, dass sie den Autohof oder die Parkplätze in der Nähe nutzen sollen, damit sie wenigstens dort die Toiletten nehmen können.“ In der Regel seien die Fahrer auch verständig. Und inzwischen habe es die Polizei hinbekommen, dass es nicht mehr zu Übernachtungen im Hafen oder am Hemelinger See komme. Ansonsten habe die Polizei die Situation im Blick. „Aber wenn etwas auffällt, sollen sich die Menschen gerne an die Polizei wenden, dann kümmern wir uns darum“, sagt Dieter Oehlschläger.

Neue Regelung

Übernachten durften beziehungsweise mussten die Fahrer in den Übernachtungskabinen ihrer Trucks. Im vergangenen Dezember hatte die EU jedoch beschlossen, die Arbeitsbedingungen der Lkw-Fahrer zu verbessern und künftig die Übernachtung in den Fahrzeugen zu verbieten. Spediteure sollen künftig verpflichtet werden, die Unterkünfte für ihre Fahrer zu bezahlen. Allerdings: das gilt nur für die verpflichtende 45-Stunden-Wochenend-Pause­, die die Fahrer nach dem Willen der Verkehrsminister künftig nicht mehr im Führerhaus verbringen dürfen.

Die Ruhezeit nach einer normalen Schicht ist davon nicht betroffen. Damit will die EU Missstände auf den Autobahnrastplätzen beseitigen und Arbeitsbedingungen verbessern. In Deutschland galt diese Regelung schon seit Mai 2017. Bei verkürzten Ruhezeiten von 24 Stunden ist das Übernachten in Kabinen aber immer noch erlaubt. Die Auswirkungen in der Praxis sind daher eher überschaubar. Verstöße können mit Bußgeldern bis zu 500 Euro für den Fahrer und 1500 Euro für den Halter geahndet werden.

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Für die Hansalinie würde dies zumindest immerhin in der Theorie bedeuten, dass am Wochenende mit weniger übernachtenden Lkw-Fahrern zu rechnen sein müsste. Marion Hörmann ist allerdings nicht davon überzeugt, dass diese Neuregelung viele Verbesserungen mit sich gebracht hat. „Was ist denn mit der Ladung, die haben doch viel zu viel Angst, dass die Lastwagen aufgebrochen werden.“ Tatsächlich ist die Frage noch nicht geklärt, wo denn die vielen nötigen Übernachtungsplätze samt Stellplätze für Lkw entstehen sollen.

Beirat will Thema angehen

Die Polizei Bremen teilte auf Nachfrage mit, dass die Lenk- und Ruhezeiten im Güterverkehr vor allem durch die Verkehrsbereitschaft und die spezialisierten Verkehrsüberwachung kontrolliert werde, vor allem durch speziell angesetzte Standkontrollen auf den bremischen Autobahnrastplätzen oder durch Streifen aus dem Fließverkehr.

Schwerpunkt sei das Gewerbegebiet Europaallee mit der Tank- und Raststätte. Dabei gehe es auch um die Einhaltung der 45-Stunden-Ruhezeit. „Die notwendigen räumlichen und logistischen Voraussetzungen zur Übernachtungsmöglichkeit außerhalb der Fahrerkabine sind derzeit jedoch noch nicht gegeben“, sagt auch die Polizei Bremen. So wird wohl auch zukünftig die Europaallee Rastplatz bleiben.

Am Donnerstag, 7. März, um 19 Uhr ist die Erweiterung des Gewerbegebiets Hansalinie Thema im Beirat Hemelingen.

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