Sparkassen-Gelände am Bremer Brill Bürgermeister holt Investoren zurück an den Verhandlungstisch

Mit einem ungewöhnlichen Vorstoß hat Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) die Investoren für das Sparkassengelände am Brill wieder zurück an den Verhandlungstisch geholt.
16.04.2020, 06:00
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Bürgermeister holt Investoren zurück an den Verhandlungstisch
Von Jürgen Hinrichs

Immerhin reden sie wieder miteinander: Verhandlungen über das Sparkassengelände am Brill, das Ende des Jahres von der Bank geräumt wird und dann für eine neue Nutzung zur Verfügung steht. Nachdem im vergangenen Jahr die Pläne des US-amerikanischen Architekten Daniel Libeskind gescheitert waren und monatelang Funkstille herrschte, die mit Groll aufgeladen war, sitzen der Käufer des gut elf Hektar großen Areals und der Senat wieder an einem Tisch.

Es soll dem Vernehmen nach auch schon grobe Skizzen geben, was und wie gebaut werden könnte. Die vier Türme von Libeskind sind es jedenfalls nicht mehr. Streitpunkt bleibt aber, wie viel Nutzfläche entstehen darf. Im September hatte Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne) in einem Schreiben an den Investor klargemacht, dass der spektakuläre Libeskind-Entwurf keine Chance mehr hat.

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Dem vorausgegangen war eine Entscheidung der rot-grün-roten Koalition. Die Absage war kühl formuliert und gelangte außerdem an die Öffentlichkeit. Der Adressat, das israelische Brüderpaar Pinchas und Samuel Schapira, fühlte sich brüskiert und brach den Kontakt zur Bauverwaltung ab. Eine Entwicklung, die mit großer Sorge betrachtet wurde, denn nun bestand die Gefahr, dass die riesige Fläche in der Innenstadt mit wichtiger Scharnierfunktion zwischen der eigentlichen City und dem Stephaniviertel zunächst weitgehend brach liegen könnte.

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) war es, der wieder Bewegung in die verfahrene Situation brachte – mit einem höchst ungewöhnlichen Vorstoß. Bovenschulte traf sich nach Informationen des WESER-KURIER im Januar mit den Schapiras, um sie neu gewogen zu stimmen. Er reiste dafür eigens nach Hamburg, ein Treffen im Luxushotel. Das ist schon besonders genug, normalerweise macht umgekehrt der Investor dem Senat die Aufwartung. Hinzu kam, dass der Bürgermeister auf eigene Faust handelte. Die zuständige Senatorin war nicht eingeweiht. Ein Affront. Schaefer soll geschäumt haben.

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Am 6. März gab es eine weitere Zusammenkunft. Dieses Mal in Bremen, aber nicht bei der Bausenatorin, wie es üblich gewesen wäre, sondern im Rathaus. Themen sollen unter anderem die Höhe der geplanten Gebäude im Geviert zwischen Brill, Hankenstraße, Bürgermeister-Smidt-Straße und Jakobistraße gewesen sein. Gesprochen wurde anhand der Skizzen auch über die Bruttogeschossfläche und die Wegebeziehungen auf der Fläche. Sie soll nach dem Willen der Stadt nicht abgeschottet werden.

Streit um Kompetenzen

Als nächster Termin in der Angelegenheit wurde der 31. März festgelegt, abermals mit einer Sitzung im Rathaus. Doch dazu kam es nicht. Die Bauverwaltung sagte ab, wie der WESER-KURIER aus zuverlässiger Quelle erfahren hat. Aus welchem Grund, ist nicht bekannt. Möglich, dass um Kompetenzen gestritten wird. Verantwortlich für die Stadtplanung ist das Ressort von Maike Schaefer und nicht der Bürgermeister und seine Senatskanzlei.

Die Baubehörde will von einem Konflikt mit dem Rathaus nichts wissen, auch nicht von einer Absage. „So etwas gibt es nicht“, sagt Ressortsprecher Jens Tittmann. Die Gespräche liefen weiter, über Inhalte wolle er nichts sagen, es sei Vertraulichkeit vereinbart worden. Grundlage der Verhandlungen seien die Festlegungen im Koalitionsvertrag. Die Schapiras sprechen auf Anfrage von einem beständigen Austausch mit der Stadt: „Dies sind sehr gute und sehr konstruktive Gespräche.“ Weil die Verhandlungen nicht abgeschlossen seien, könne über Details noch nicht berichtet werden.

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Für die Koalition gilt das, was die Vorgaben für den städtebaulichen Wettbewerb waren, der vor mehr als zwei Jahren für das Sparkassengelände veranstaltet worden war. Gewonnen hatte damals das Berliner Architekturbüro Robertneun. Es hatte noch keine ausgefeilten Entwürfe auf den Tisch gelegt, sondern lediglich die Kubaturen der geplanten Gebäude. Sie sollten eine Nutzfläche von insgesamt 47 000 Quadratmeter umfassen, weniger als jetzt auf dem Areal versammelt ist. Der Plan hat danach freilich keine Rolle mehr gespielt. Stattdessen boten die Schapiras einen anderen Architekten auf: Daniel Libeskind, einen Planer von Weltruf. Und sie wählten eine andere Größenordnung: 75 000 Quadratmeter.

Als Libeskind zusammen mit seiner Frau vor einem Jahr die Entwürfe für vier Türme mit einer Höhe von bis zu 100 Metern vorstellte, gab es bei sämtlichen Fraktionen der Bürgerschaft mehr oder weniger Zustimmung. Die Handelskammer war entzückt und sprach von einer großen Chance, die Bremen sich nicht entgehen lassen dürfe. In der breiten Öffentlichkeit blieben die Meinungen geteilt. Ein klares Kontra kam von Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki, ihm waren die Gebäude deutlich zu hoch. Senatsbaudirektorin Iris Reuther wollte sich zu diesem zentralen städtebaulichen Thema öffentlich nicht äußern. Intern soll sie sich gegen die Libeskind-Pläne gestellt haben. Eine Haltung, die sich im Bauressort schließlich durchsetzte und zu dem Brief mit der Absage führte.

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Areal kostet 50 Millionen Euro

Als Planer von Anfang an dabei und jetzt offenbar in vorderster Linie ist das Architekturbüro Chapman Taylor aus Düsseldorf. Es hat für die Schapiras in der Vergangenheit unter anderem die „Dreiländergalerie“ in Weil am Rhein entworfen. Das Einkaufszentrum ist derzeit in Bau, es gibt allerdings Schwierigkeiten.

Die Kosten werden um einiges höher ausfallen als ursprünglich angenommen, wie der Investor bereits eingeräumt hat. Außerdem könne der Zeitplan nicht mehr eingehalten werden. Die Arbeiten dauern rund ein Jahr länger. Eröffnet werden soll die „Dreiländergalerie“ im Herbst 2021.

Die Brüder Schapira bekommen das Gelände am Brill für 50 Millionen Euro. So steht es im Vertrag mit der Sparkasse. Sie können von dem Kauf allerdings zurücktreten, sollte von der Stadt nicht rechtzeitig Baurecht geschaffen werden. Die Frist dafür gilt bis Ende des Jahres.

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