Baubeginn vor zehn Jahren

Warum die Kosten für den Stadthaus-Tunnel in Vegesack explodierten

Der Fußgängertunnel zwischen Stadthaus und Tiefgarage am Sedanplatz besteht zehn Jahre. Warum die Kosten damals explodierten und Bremen keine Ansprüche geltend machte.
02.03.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Warum die Kosten für den Stadthaus-Tunnel in Vegesack explodierten
Von Patricia Brandt

Die Stahlbetonröhre unter dem Vegesacker Sedanplatz gehört zu den krassesten Beispielen für Kostenexplosionen bei Bauprojekten in Bremen. Der Fußgängertunnel schaffte es 2012 nicht nur ins Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler. Zehn Jahre nach Baubeginn ist klar: Die Stadt ist auf den Mehrkosten sitzen geblieben.

Tunnel in Vegesack: Bremen bleibt auf den Kosten sitzen

"Die Kostenschätzung des 17 Meter langen Tunnels betrug rund 370.000 Euro“, sagt Juliane Scholz von der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB), der Bauherrin des Projekts. „Die tatsächlichen Kosten beliefen sich auf 761.475 Euro.“ Im Verlauf des Bauprojekts hätten unvorhersehbare Faktoren für höhere Kosten gesorgt. Juliane Scholz: „So wurden zusätzliche Leitungsverlegungen erforderlich.“

Heute wie damals betont die WFB, dass die Baumaßnahme selbst notwendig war, da die unterirdische Fußgängerverbindung zwischen dem Discounter im neuen Stadthaus und der Tiefgarage unter dem Sedanplatz Voraussetzung für die aus dem Stadtteil geforderte Ansiedlung eines Nahversorgers gewesen sei. Überdies sei der Tunnel 2008 in Abstimmung mit dem Beirat Vegesack sowie den parlamentarischen Gremien der Hansestadt als Alternative zu einer Parkplatznutzung hinter dem Gebäude geplant worden, die angrenzende Wohnquartiere mit zusätzlichem Verkehr belastet hätte.

Hundertprozentig überzeugt waren jedoch nicht alle Verantwortlichen im Senat von der Notwendigkeit der Baumaßnahme. Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne) jedenfalls hatte in einem Interview mit dem WESER-KURIER gesagt, sie sei „die Erste, die sich darüber freuen würde, wenn wir den Tunnel nicht bauen müssten“. Die Mittel stammten übrigens nach Unterlagen der Wirtschaftsförderer aus der Programmplanung Vegesack und wurden an anderer Stelle eingespart, nämlich beim Umbau des Sedanplatzes.

Die Bauarbeiten begannen im Juni 2011. Nach einjähriger Bauzeit stellte sich heraus, dass sich die Baukosten der 17 Meter langen Verbindung zwischen Stadthaus und Tiefgarage von den geplanten 371.000 Euro locker verdoppelt hatten.

Reflexartig wandte sich der Bund der Steuerzahler Niedersachsen und Bremen an die Bauherrin. „Die Last der Steuerzahler an der unseligen Kostenexplosion muss unbedingt reduziert werden. Die Verantwortlichkeiten müssen restlos geklärt und sich daraus ergebende Schadenersatzansprüche zügig erhoben werden“, forderte der damalige Haushaltsreferent René Quante.

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Die Hauptschuld an der Kostenexplosion schrieb ein von der Verwaltung eingeschalteter Sachverständiger dem Planungsunternehmen des Bauprojekts zu. Unter anderem soll es zu erhöhten Aufwendungen bei Rohbauarbeiten, den technischen Gewerken und den Aufwendungen für das Bauwerk gekommen sein.

Nach einem weiteren Jahr wurde klar, dass Bremen die Mehrkosten nicht so leicht würde wieder reinholen können. Es gelang der WFB schon nicht, ein Gutachten zur Kostensteigerung in Auftrag zu geben. „Die (...) angesprochenen Personen zeigten jedoch kein Interesse für diese Aufgabe beziehungsweise sahen sich aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage, ein entsprechendes Gutachten zu erstellen“, hieß es in einem Papier der Verwaltung.

Unterschiedliche Angaben zu den Kosten des Stadthaus-Tunnels

Ab diesem Zeitpunkt veränderten sich auch die Zahlen. Während die WFB von einer Endabrechnung in Höhe von 609.000 Euro sprach, befasste sich das Wirtschaftsressort hingegen mit einer Schlussrechnung in Höhe von 640.000 Euro. Heute ist die Rede von 761.475 Euro. Den damaligen Bericht der NORDDEUTSCHEN über die erfolglose Gutachtersuche nahm der Bund der Steuerzahler übrigens erneut zum Anlass nachzuhaken. „Dieses erstaunliche Ergebnis weckt das Interesse des Bunds der Steuerzahler, weil die immensen Mehrkosten des umstrittenen Tunnelprojekts womöglich endgültig von der öffentlichen Hand getragen werden müssen“, schrieb Gerhard Lippert in einem Brief an die WFB.

Die WFB strengte schließlich ein Beweissicherungsverfahren vor Gericht an. Doch: „Ansprüche wurden nicht geltend gemacht“, bilanziert WFB-Sprecherin Juliane Scholz. Der Grund: „Die Baukosten wären ebenso hoch gewesen, wenn die Leitungsverläufe und die Notwendigkeit von deren Verlegung bereits im Vorfeld des Bauvorhabens der Bauherrin bekannt gewesen wären. Man wäre in diesem Fall mit einer höheren Kostenschätzung gestartet. Zum Zeitpunkt, als die Mehrkosten bekannt wurden, war das Bauprojekt zudem schon begonnen worden und wurde daher auch in der neuen Kostensituation weiter fortgesetzt.“

Wie häufig die Röhre seit Fertigstellung genutzt wird, ist nicht bekannt. Das wird weder von der WFB noch von der Brepark erfasst, die die Tiefgarage betreibt.

Info

Zur Sache

Umbau mit Hindernissen

Mit der Nachricht von der Kostenexplosion beim Tunnelbau vor zehn Jahren ging der Umstand einher, dass auch beim Umbau des neuen Stadthauses, ebenfalls Bauprojekt der WFB, einiges schiefgegangen war: Die Böden im neuen Stadthaus wiesen nach den Bauarbeiten auf 80 Prozent der Fläche ein Gefälle von rund drei Zentimetern auf.

Der Umbau des ehemaligen Kaufhauses Kramer zum Behördenzentrum galt als ein wichtiger Baustein zur Revitalisierung des Sedanplatzes. Der Fußboden war jedoch – um Kosten zu sparen – auf dem alten Estrich gebaut worden. „Die Architekten haben in ihren Überlegungen die im Bestandsobjekt vorhandenen Bauwerksverformungen sowie die Unebenheiten im Boden offensichtlich unterschätzt“, hieß es in einer früheren Vorlage für die Wirtschaftsdeputierten.

Die Mängelbeseitigung schlug in dem Fall mit einer halben Million Euro für die Sanierung der schiefen Böden zu Buche.

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