Bremer Traditionsveranstaltungen

Wenn Exklusivität schwierig wird

Vielfalt und Gleichberechtigung – damit werben Unternehmen heute für sich. Ist die Teilnahme an Männergesellschaften da ein Problem? Nach dem diesjährigen Eklat bei der Eiswette stellt sich die Frage neu.
26.03.2019, 06:18
Lesedauer: 5 Min
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Wenn Exklusivität schwierig wird
Von Lisa Boekhoff

Die Eiswette hat es in diesem Jahr ins überregionale Fernsehen geschafft. Doch den Veranstaltern dürfte der Beitrag der Journalisten des NDR wenig gefallen haben. Denn das Bremer Traditionsfest landete wegen des Eklats um die Ausladung der Bürgermeisterin Karoline Linnert (Grüne) im „Realen Irrsinn“ des Satiremagazins „Extra 3“: Die Eiswette sei „traditionell frauenfeindlich seit 190 Jahren“. Und die Bremer Kaufmannschaft, die gern hanseatisches Understatement lebt, ist dort die „Schickeria“.

In dieser Woche stehen Eiswette und Schaffermahlzeit im Tagesplan der Bürgerschaft. Die Linke hat einen Antrag gestellt: Bremen müsse sich von den Traditionen distanzieren, weil sie ein Imageproblem geworden seien. Welche Wirkung die Teilnahme an Traditionen hat, das fragen sich nach dem Eklat nicht nur Politiker.

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Für Unternehmer gehören Eiswette und Schaffermahlzeit zu den Großereignissen in der Stadt. In den Runden dabei zu sein, zumal mit karitativem Charakter, das ist eingeübt und lieb gewonnen. Frauen werden dort allerdings anders behandelt oder sind ganz ausgeschlossen. Ist das in Zeiten, in denen sich kein Unternehmen mehr erlauben kann, sich nicht für Gleichberechtigung einzusetzen, ein Problem? Schließlich sind die Männer nicht privat, sondern als Geschäftsführer oder Vorstand eingeladen.

„Alles aus dem Gesicht gefallen“

Die Sparkasse Bremen macht sich Gedanken. Nach der Diskussion um die Eiswette wolle man in den nächsten Monaten auch im Vorstand über das zukünftige Vorgehen sprechen. „Eine schnelle Reaktion, um eventuell Aktivitäten in puncto Spenden und Sponsoring zu verändern, scheint uns aber nicht zielführend“, erklärt Sprecherin Nicola Oppermann dazu.

Vorstandschef Tim Nesemann ist Eiswett-Genosse und Schaffer bei der Schaffermahlzeit. Dort dürfen Frauen als Kapitänin dabei sein, seit ein paar Jahren gibt es eine Handvoll weibliche Gäste, aber bisher keine kaufmännischen Schafferinnen.

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Einem Bremer Unternehmensberater ist vor allem eine Szene im Beitrag, den „Buten un Binnen“ am Abend der Eiswette zeigte, übel aufgestoßen: Eiswettpräsident Patrick Wendisch bekommt bei der Begrüßung Zuspruch für sein „Gender-Gaga“-Zitat: „Endlich sagt mal einer die Wahrheit!“

Die Männer lachen und ziehen die Unterarme, die Hände zur Faust geballt, triumphierend zur „Säge“ hin und her. Zuvor bemerkt ein anderer Gast ironisch, es sei doch schade, dass gar keine „Damen“ da seien.

„Da ist mir alles aus dem Gesicht gefallen“, sagt der Unternehmensberater, der seinen Namen zur Eiswette nicht in der Zeitung lesen will. Er sei erschrocken gewesen über diese „Dummheit“, diesen „Übermut“ gegen Frauen. Im Anschluss habe er zwei Klienten, die vor Ort waren, damit konfrontiert. Denn die hätten von der Szene vor dem Saal sicher nichts mitbekommen. „Ich hätte mich geschämt, wenn ich Gast gewesen wäre.“

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Natürlich könne ein Verein sich Regeln geben. „Doch das geht gar nicht.“ Wie Tim Nesemann ist auch Torsten Köhne, Vorstandschef des Energieversorgers SWB, Schaffer. Wer heute kritisch auf die Veranstaltungen schaue, der müsse auch schauen, woher sie kämen, sagt er: „Die Tradition von Eiswettessen (1828) und Schaffermahl (1561) besteht nicht etwa darin, eine reine Männerveranstaltung zu sein, sondern für das Gemeinwohl zu handeln.“

Traditionen benötigen Zeit zur Weiterentwicklung

Kaufleute profitierten von der Arbeit der Seeleute und würden deren Familien helfen. Außerdem unterstützten die Spenden, Leben retten zu können. „Seefahrt und Kaufmannschaft, das waren über Jahrhunderte vorwiegend männliche Allianzen.“ Erst in den vergangenen Jahrzehnten etabliere sich, dass heute immer mehr Frauen Unternehmen leiteten, Führungspositionen inne hätten und zur See führen. Dem sollte Rechnung getragen werden, aber man müsse beiden Traditionen Zeit geben, sich aus sich selbst heraus weiterzuentwickeln.

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An der Eiswette haben auch zwei Mitarbeiter von Mercedes teilgenommen. Vorstandschef Dieter Zetsche sprach schon beim Stiftungsfest. Allerdings hat sich irgendwann offensichtlich etwas verändert.

„Wir unterstützen die Veranstaltungen nicht mehr als Sponsor“, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. Warum das so ist und seit wann, dazu gibt es keine Antwort. Daimler äußere sich grundsätzlich nicht zu den Details von Sponsoringverträgen – selbst alten. Überhaupt hält man sich eher zurück bei dieser Frage. Flugzeughersteller Airbus will zu ihr gar nichts sagen und begründet das damit, dass die Feste eben keine eigene Veranstaltung seien.

Konzernchef Tom Enders war ebenfalls schon Ehrengast bei der Eiswette. 2019 lud Carsten Sieling Enders' designierten Nachfolger Guillaume Faury zur Schaffermahlzeit ein.

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Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) sieht die Eiswette zuallererst als Chance, da sie gerade den auswärtigen Gästen als besonderes Ereignis in Erinnerung bleibe und die überregionale Wahrnehmung der Stadt positiv beeinflussen könne. Doch Karoline Linnert entgegen des Protokolls nicht einzuladen, damit habe sich die Veranstaltung keinen Gefallen getan.

"Damit die Eiswette ein positives Aushängeschild der Stadt bleibt, sind die Veranstalter in meinen Augen gut beraten, an den vielen guten Traditionen von 190 Jahren Eiswette festzuhalten – die Ausgrenzung von Frauen gehört allerdings nicht dazu.“ Bürgermeister Sieling (SPD) will 2020 nicht an der Eiswette teilnehmen, wenn sich nichts ändert.

„Verschließen uns nicht“

In Bremen, der Stadt der Kaufleute, haben Männerrunden Tradition. In die Riege gehört neben Eiswette und Schaffermahlzeit das Bremer Tabak-Collegium. Die Organisatoren suchen die Öffentlichkeit nicht. Nur die Homepage dokumentiert die Treffen im Kerzenschein. Schon seit vielen Jahren werde darüber gesprochen, ob mehr Frauen als bisher daran teilnehmen sollen.

„Wir verschließen uns da nicht“, sagt der Generalbevollmächtigte des Collegiums Hans-Dieter Lampe. Die Diskussion sei schon im Gange – auch um den Unternehmen und deren Regeln entgegen zukommen. Doch dabei wolle man sich nicht unter Druck setzen lassen. Da nun gleich eine Parität einzuführen, das halte er für verfehlt.

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Das Collegium versteht sich als Ort der Begegnung und des freien Meinungsaustausches mit „Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur“. Keiner hat einen Anspruch darauf, dabei zu sein, Gäste werden speziell für jedes Thema ausgesucht.

„Das ist auch das Geheimnis des Erfolgs“, sagt Lampe. Frauen werden nicht generell ausgeschlossen. Doch die „verbindende Atmosphäre einer Herrengesellschaft zu genießen“, darum soll es laut Homepage auch gehen. Wie weit das Collegium von Parität entfernt ist, zeigt ein Blick in die Gästelisten. Wer die Namen liest, entdeckt oft keine Frau.

Früher war es eine Ehre

Markenexperte Christoph Burmann von der Uni Bremen denkt aber, dass die Diskussion um die Eiswette auf Bremens Image keinen Effekt hat. Dazu müsse das Ereignis längerfristig und umfangreich in den Medien präsent sein. „Ansonsten vergessen es die Menschen schnell wieder.“ Für Unternehmen aus Bremen und umzu sei es zur Zeit sicher nicht mehr so attraktiv wie früher, Mitarbeiter zu den Events zu senden, da man sich dafür „schon fast verteidigen muss wohingegen es früher eine Ehre war, teilzunehmen.“

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