ÖPNV im Wandel Wie sich Mobilität in Bremen verändert

Wer ein Jahresabonnement der BSAG hat, kann damit nicht nur Bus und Straßenbahn fahren, sondern auch Fahrräder und Autos vergünstigt ausleihen. Geplant ist auch eine Kooperation mit Anbietern von E-Rollern.
02.02.2020, 06:00
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Wie sich Mobilität in Bremen verändert
Von Aljoscha-Marcello Dohme

Die Zeiten, in denen ein Jahresabonnement für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ausschließlich für Bus und Bahn gilt, sind schon lange vorbei. Spätestens seitdem die Stadtwerke Augsburg die Kombination aus Bus und Bahn sowie Bike- und Car-Sharing unter dem Begriff „Mobil-Flat“ anbieten, beschäftigt das Thema die Öffentlichkeit.

Während die Stadtwerke Augsburg als Nahverkehrsunternehmen in der bayerischen Metropole Bike- und Car-Sharing selbst anbieten, ist die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) verschiedene Kooperationen eingegangen, um ihren Fahrgästen die Ausleihe von Fahrrädern und Autos vergünstigt anbieten zu können. So können Inhaber einer Mia- beziehungsweise Mia-Plus-Karte das von der Bremer Tageszeitungen AG geschaffene Fahrradverleihangebot WK-Bike 30 Minuten pro Ausleihe kostenlos nutzen. Beim Car-Sharing entfällt die Anmeldegebühr in Höhe von 30 Euro, wenn Fahrgäste mit einem Jahresabonnement für Bus und Bahn ein Auto beim Bremer Anbieter Cambio ausleihen.

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Dass die BSAG ihren Fahrgästen die Möglichkeit bietet, andere Verkehrsmittel vergünstigt zu nutzen, wird im Unternehmen nicht als Konkurrenz für den ÖPNV verstanden. „Wer ein Regal oder einen Fernseher kaufen will, aber kein Auto hat, denkt, dass man es in solchen Fällen braucht“, sagt Jens-Christian Meyer, Sprecher der BSAG. Deshalb habe das Unternehmen im Jahr 2002 eine Kooperation mit Cambio gestartet, damit seine Fahrgäste in Fällen wie diesen auf ein Auto zurückgreifen können.

„Der ÖPNV ist nicht immer das Richtige“, sagt Andreas Busch, bei der BSAG zuständig für die Bereiche Verkehrsplanung und Qualität. „Wenn ich etwa in der Nacht unterwegs bin, ist unser Angebot nicht optimal.“ Außerdem gebe es Strecken, etwa in den Stadtteilen oder im Umland, die mit Bus und Bahn nur schwer zu erreichen seien. Aus diesem Grund ist die BSAG auch die Kooperation mit WK-Bike eingegangen. „Die Angebote der BSAG auf Straße und Schiene sind top“, sagt Katrin Weingarten, Leiterin der Bereiche Marketing und Vertrieb bei der BSAG. „Aber manchmal fehlt der letzte Kilometer, dass ich von der Haltestelle nicht gut weiterkomme oder manchmal gibt es auch einen Stau.“ Für die Mia-Kunden sei es ein Angebot, dass sie sich dann schnell ein Fahrrad nehmen können. „Auf diesem Wege schließen wir Wegeketten“, sagt Weingarten.

Zu vermietende Autos in der Nähe von Haltestellen

Zwar seien die Nutzergruppen von Car-Sharing und ÖPNV nahezu identisch, dennoch sieht auch Cambio die BSAG nicht als Konkurrenten. „Wir ziehen an einem Strang“, sagt Jutta Kirsch, Prokuristin bei Cambio. „Das eigene Auto ist unser Konkurrent.“ Die Autos, die Cambio vermiete, stünden deshalb häufig in der Nähe von Haltestellen. „Das erhöht die Erfolgsaussichten“, sagt Kirsch. Zudem würden neue Verleihstationen die Namen benachbarter Haltestellen tragen. „Weil diese Namen in den Köpfen der Menschen präsent sind, haben wir etwa die Station in der Überseestadt Hansator genannt, genauso, wie die Straßenbahnhaltestelle heißt“, erläutert Kirsch.

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Für die BSAG stehe bei den Kooperationen im Vordergrund, den ÖPNV-Verbund zu stärken und die Zahl der Autos zu reduzieren. „Wenn wir die Menschen davon wegbekommen wollen, ein Auto zu besitzen und den Zwang, damit zu fahren, verringern wollen, dann müssen Verbünde geschaffen werden, in denen auch Car-Sharing dazu gehört“, sagt Andreas Busch. So könnten die Menschen etwa den Weg zur Arbeit mit Bus und Bahn zurücklegen, während sie sich für andere Bedürfnisse ein Auto leihen könnten. „Das entlastet unsere Straßen und führt dazu, dass die Leute tatsächlich auch weniger mit dem PKW fahren“, sagt der Verkehrsplaner.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch das Fahrrad. „Das WK-Bike ist mittlerweile ein wichtiges Element zur Förderung der nachhaltigen Mobilität in Bremen“, sagt Mario Brokate, Leiter Drittgeschäfte bei der Bremer Tageszeitungen AG und damit zuständig für das Verleihangebot WK-Bike. Es habe sich bereits schnell gezeigt, dass es eine „hervorragende Ergänzung zum ÖPNV“ sei.

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Dass sich die Zahl der Autos in der Bremer Innenstadt reduziert, sehen auch die Pläne der rot-grün-roten Regierungskoalition vor. Bis zum Jahr 2030 soll die City autofrei sein. Dadurch verändern sich auch die Anforderungen an die BSAG. So sollen etwa durch die Verlängerung der Linien 1 und 8 über die derzeitige Endhaltestelle Huchting hinaus rund 3000 Autos weniger am Tag in die Bremer Innenstadt fahren. „Das erhöht die Anforderungen an uns, nicht mehr nur in Bussen und Bahnen zu denken, sondern in Mobilitätsketten. Dazu zählen auch Angebote wie das Bike- und Car-Sharing“, sagt Jens-Christian Meyer.

Kooperationen sollen ausgeweitet werden

Deshalb soll die Kooperation zwischen der BSAG und Cambio nun noch einmal ausgeweitet werden. „Wir sind gerade dabei, den Kooperationsvertrag wieder aufleben zu lassen. Der ist zwar noch nicht unterzeichnet, aber wir wollen wieder stärker miteinander kooperieren“, sagt Katrin Weingarten. Dabei ginge es darum, im Marketing zusammenzuarbeiten, um etwa Themen wie die Mobilitätsketten stärker nach vorne zu bringen.

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Angedacht ist auch, die Angebote von WK-Bike und Cambio in die Fahrplaner-App des Verkehrsverbundes Bremen/Niedersachsen (VBN) zu integrieren. „Wir sind mittendrin, das Projekt zu realisieren“, sagt Eckhard Spliethoff, Sprecher des VBN. „Ende des Jahres soll es eine Testversion geben, die abnahmefertig ist.“ Ein Auto oder ein Fahrrad über die App zu buchen, sei allerdings nicht möglich. „Der Nutzer wird über einen Link zum jeweiligen Anbieter geleitet“, sagt Spliethoff.

Die App werde so programmiert, dass der Nutzer auswählen kann, welche Verkehrsmittel ihm für seine Fahrt angezeigt werden sollen. Damit soll das Programm trotz der zusätzlichen Funktionen übersichtlich bleiben. Doch damit all diese Daten zur Verfügung stehen, sind Schnittstellen nötig. „Diese Schnittstellen kosten etwas. Deshalb haben wir nach Förderern für unsere Idee gesucht“, sagt Spliethoff. Finanziert wird das Projekt unter anderem durch den Masterplan Green City Bremen, der vor zwei Jahren vom damaligen Senator für Umwelt, Bau und Verkehr, Joachim Lohse, initiiert wurde.

Auch Standorte der WK-Bikes und Cambio-Autos im Internet

Vereint sind die unterschiedlichen Verkehrsmittel aber schon jetzt im interaktiven Liniennetzplan, der im Internet unter www.bsag-netz.de zu finden ist. Neben allen Bussen und Straßenbahnen, die in Bremen unterwegs sind, sind dort auch Standorte von WK-Bikes und Cambio-Autos verzeichnet. „Es ist auch möglich, von unserem interaktiven Liniennetzplan aus ein Auto zu buchen“, so Weingarten. Gleiches gilt für die im Plan verzeichneten Fahrräder.

Während die Stadtwerke Augsburg für die „Mobil-Flat“ einen Aufpreis von etwa 25 Euro gegenüber dem normalen Monatsticket (circa 52 Euro) nehmen, kosten die Vorteile beim Bike- und Car-Sharing der Mia in Bremen (56,10 Euro) nicht mehr. „Wir wollen damit auf den Umweltverbund aufmerksam machen und haben das nicht eingepreist“, sagt Katrin Weingarten.

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In Zukunft könnte die Verzahnung von ÖPNV, Bike- und Car-Sharing bei der BSAG noch ausgebaut werden. „Wir überlegen, ob wir in den nächsten Jahren ein Flexi-Angebot anbieten“, sagt Weingarten. Diese Mobilitätspakete würden dann neben Bus und Bahn auch Freiminuten oder -tage für Bike- beziehungsweise Car-Sharing beinhalten. Weingarten: „Aber da sind wir noch nicht, das sind erste Ideen, auch aus unseren Zukunftsprojekten.“ Deshalb soll auch die Zusammenarbeit mit Cambio ausgeweitet werden, um über diese Ideen gemeinsam nachzudenken.

„Es ist deutschland- und auch weltweit erst in der Entwicklung, diese verschiedenen Bereiche zusammenzuführen“, sagt Andreas Busch. „In unserer Branche spricht man da von 'Mobility as a service'. Das heißt, man hat eine Karte, mit der man verschiedene Mobilitätsformen bündelt. Wünschenswert wäre, wenn man damit künftig auch im Zug nach Hamburg fahren könnte.“

Denkbar ist übrigens auch, dass BSAG-Kunden in Zukunft Vorteile bekommen, wenn sie sich einen E-Roller ausleihen wollen. „Die ersten Gespräche laufen mit beiden Anbietern, die in der Stadt aktiv sind“, sagt Katrin Weingarten. „Die Gespräche führen wir nicht alleine, sondern gemeinsam mit dem VBN. Angestrebt ist eine Kooperation, aber ob und wann die zustande kommt, ist noch nicht geklärt.“

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