Bremens Flughafenchef im Interview „Die Menschen möchten gerne verreisen“

Bremens Flughafenchef Elmar Kleinert wünscht sich für die gesamte Branche berechenbare Rahmenbedingungen, damit die Airlines für einen längeren Zeitraum planen können.
02.11.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Die Menschen möchten gerne verreisen“
Von Peter Hanuschke

Herr Kleinert, was befürchten Sie vom erneuten, dieses Mal von vornherein zeitlich begrenzten Lockdown für den Bremer Flughafen?

Elmar Kleinert: Wir befanden uns schon vorher in einer Art Lockdown. Die Flughäfen beziehungsweise die Luftfahrt sind in vielerlei Hinsicht immer ein Frühindikator für eine Rezession oder einen konjunkturellen Aufschwung. Volkswirtschaftler gucken sich deshalb gerne die Luftfahrt an, um daraus Schlüsse zu ziehen. Nehmen Dienstreisen zu, ist das immer ein Vorbote einer wirtschaftlichen Erholung. Bricht die Luftfahrt ein, dann weiß man, dass es auch an anderen Stellen in der Wirtschaft gedämpft weitergeht.

Seit wann gibt es für die Flughäfen den zweiten Lockdown?

Wir hatten den harten Lockdown im April und Mai bis in den Juni rein, dann gab es im Juli und August eine leichte Erholung. Wir haben danach gesehen, als deutschlandweit die Teststationen an den meisten Flughäfen wieder abgebaut wurden und stattdessen für Reiserückkehrer aus Risikogebieten Quarantäne verordnet wurde, dass die Buchungszahlen wieder schlagartig eingebrochen sind. Deshalb habe ich meinen Aufsichtsrat schon vor Wochen darüber informiert, dass für unsere Branche die behördliche Verhängung von Quarantäne statt Testverfahren der Marsch in den zweiten Lockdown bedeutete.

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Konkret heißt das?

Wir hatten stark sinkende Flugzahlen in den vergangenen Wochen, und der Winterflugplan, der bis Ende März gilt, ist extrem schwierig, wahrscheinlich schlimmer als wir es erwartet haben, weil keiner weiß, welche Maßnahmen die Bundesregierung vorbereitet. Vieles deutet darauf hin, dass die Zügel noch enger gezogen werden. Es fehlt letztlich die Planbarkeit. Und das ist schlecht fürs Geschäft. Denn die Airlines planen nicht für einen Zeitraum von drei Wochen und dann erneut. Das funktioniert nicht. Dahinter steht ein sehr komplexes Geschäft. Die Airlines benötigen Personal und Fluggerät. Veranstalter müssen Sitzplatz- und Hotelkapazitäten zur Verfügung abstimmen. Das ist eine lange komplizierte Produktionskette. Das ist alles komplett zerbombt und nach vorne gerichtet über viele Wochen nicht berechenbar.

Und immer mehr Reiseziele gehen aus.

Im Augenblick ist fast jede große Stadt in Zentraleuropa, jedes Ballungszentrum, jede Metropolregion als Risikogebiet ausgewiesen.

Ist es denn ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass sich das Fliegen in den vergangenen Monaten nicht als Virus-Inkubator herausgestellt hat?

Im Prinzip schon. Das Fliegen als solches ist ja auch nicht das Problem. Man darf ja auch jetzt ins Risikogebiet fliegen, etwa in die Türkei. Doch es gibt inzwischen einen bunten Flickenteppich, der es Reisenden fast unmöglich macht, zu wissen, wo man wie einreisen darf, welche Quarantäne- oder Maskenvorschriften es gibt. Das Beherbergungsverbot in Deutschland ist dafür ein gutes Beispiel. Keiner weiß mehr, was möglich ist und was nicht, und es verändert sich fast täglich. Ein Beispiel aus unserem Alltag verdeutlicht diesen Irrsinn. Als in Bremen ein Businessflieger aus Schweden ankam, wurden die Reisenden direkt vom Airport gesondert in einem Bus nach Ganderkesee gefahren. Warum? Weil es in Niedersachsen kein Beherbergungsverbot gab, und die Reisenden so nicht in Quarantäne mussten.

Deshalb bleiben die Buchungen aus?

Jeder, der ein bisschen nachdenkt und nicht unbedingt fliegen oder generell verreisen muss, sagt sich doch: In diesem verrückten Umfeld bleib ich doch lieber Zuhause.

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Planung ist derzeit nicht möglich?

Bei diesem Flickenteppich, der sich mit einer gigantischen Halbwertszeit verändert, ist das nicht umsetzbar. Die Airlines wollen fliegen, machen das aber nicht, wenn nicht absehbar ist, wie die Einreisebestimmungen im Zielgebiet in ein paar Tagen sind. Da verändert sich ja manchmal etwas während der Flugzeit. Das spüren die Flughäfen bereits seit ein paar Wochen. Sie haben noch zehn Prozent Auslastung. Da sind noch Flüge nach München oder Frankfurt und noch ein paar andere versprengte Flüge und das war‘s.

Wann könnte es einen normalen Flugverkehr geben?

Unsere Wunschvorstellung wäre, damit meine ich die gesamte Branche, dass wir berechenbare Rahmenbedingungen bekommen. Das heißt nicht, dass es besonders lockere sein müssen. Sie können ruhig strenger sein, aber sie müssen berechenbar sein. Wenn der Kunde von Bremen nach Stuttgart fliegen will, will er wissen, wie das funktioniert und nicht 20 verschiedene Quellen dafür studieren und darauf achten, ob sie noch gültig sind.

Fühlen Sie sich von der Politik ausreichend unterstützt?

Die Bundespolitik hat bislang für die Airports nicht viel gemacht. Für den Überlebenskampf der Reisebüros, der Veranstalter, die im unmittelbaren Zusammenhang mit den Flughäfen zu sehen sind, ist auch noch nicht viel passiert. Was die lokale Unterstützung im Land Bremen angeht, kann ich sagen, dass wir da Gott sei Dank sehr gut aufgestellt sind. Ich erlebe da eine Entschlossenheit, die außerordentlich groß ist.

Woran machen Sie das fest?

Der Gesellschafter hat relativ schnell nach Eintritt der Krise festgelegt, dass es am Flughafen Bremen keine betriebsbedingten Kündigungen gibt. Er hat aber auch klar gemacht, dass er für diese Zusage von allen Mitarbeitern erwartet, dass sie nach besten Kräften mithelfen, die Krise zu bewältigen und dem Unternehmen beim Schlankerwerden und beim Sparen zu helfen. Natürlich muss der Flughafen Bremen auch Arbeitsplätze abbauen, aber eben sozialverträglich und unter Nutzung der altersbedingten Fluktuation.

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Ist das allein auf die Corona-Pandemie zurückzuführen?

Ja, das ist der Zusammenhang. Auch vor Corona waren wir dabei, den Flughafen schlanker zu machen und ihm effizientere Strukturen zu geben. Durch Corona sind wir in den Bemühungen, den Flughafen zu modernisieren, aber ganz rasant überholt worden. Die Anforderungen, die wir jetzt haben, sind reinrassige Sanierungsanforderungen. Dabei kommen alle Prozesse auf den Prüfstand. Und wir werden deshalb 25 Prozent der Arbeitsplätze abbauen müssen, weil wir in den nächsten drei, vier Jahren eine ganz andere Verkehrssituation erwarten.

Steht die Stadt Bremen als Gesellschafterin hinter dem Flughafen?

Auf jeden Fall. Die Stadt Bremen unterstützt uns ganz massiv. Sie stellt aber auch Forderungen an den Flughafen. Daraus resultiert etwa, dass wir beispielsweise das Ordnungsamt mit Mitarbeitern unterstützen. Und wir suchen nach Möglichkeiten, Mitarbeiter, die wir im Augenblick nicht benötigen, weil kaum ein Flugzeug startet oder landet, woanders zu beschäftigen, um so unsere Kosten zu reduzieren. Damit kommen wir gut voran.

Ist absehbar, wie groß die Finanzierungslücke fürs laufende Jahr sein wird?

Wir werden in diesem Jahr einen Verlust von rund 22 Millionen Euro erwirtschaften. Wir sind von der Stadt Bremen ja frühzeitig in den sogenannten Cash-Pool aufgenommen worden. Dadurch haben wir im Grunde genommen eine entsprechende Kreditlinie. Diese Vereinbarung gilt bis Mitte des nächsten Jahres. Und bis dahin sind wir durchfinanziert. Entscheidend wird sein, wie sich die Verkehre im nächsten Jahr entwickeln. Wir haben derzeit noch keine genaue Idee, wie der Sommerflugplan aussehen könnte. Die Zeichen der Airlines stehen aber auf Aufbruch.

Woher nehmen Sie diese Zuversicht?

Die Menschen scharren mit den Hufen, sie möchten gerne verreisen. Und die Airlines und Veranstalter stehen in den Startlöchern. Das könnte ein wirklich schöner Sommer werden. Das könnte der Fall sein, wenn, wie von einigen Wissenschaftlern zu hören, zu Beginn des neuen Jahres eventuell die ersten Impfstoffe auf den Markt sind, um damit zunächst die Risikogruppen zu versorgen. Denn dann könnte es Lockerungen geben. Das ist die Basis für einen vernünftigen Sommerflugplan.

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Was ist denn ihr Wunsch für die nächste Zeit?

Ich wünsche mir für die Branche, dass wir klarere Rahmenbedingungen bekommen, so lange wir noch ein Corona-Thema haben. Es muss einfach für alle wieder planbar, transparent und verlässlich werden - auch, wenn wir noch keinen Impfstoff haben. Und ich möchte, dass der Bund erkennt, wie wichtig alle Flughäfen für ein Funktionieren der gesamten Infrastruktur in Deutschland sind. Man muss nur an den harten Lockdown denken.

Da waren alle Grenzen dicht. Lkw standen an den Grenzen und kamen in beide Richtungen nicht mehr durch. Wie sind denn damals die ganzen Masken und andere Hygienematerialien nach Deutschland gekommen? Die kamen nur noch über den Luftweg rein. Die Flughäfen waren offen, sie waren ein Garant dafür, dass zeitkritische Fracht weiterhin transportiert werden konnte oder Organtransporte stattfinden konnten. In Bremen ist unter anderem deshalb das Großraumlangstreckenflugzeug Boeing 777 eingeflogen, das Millionen von Masken an Bord hatte. Die Flughäfen waren offen und das wird auch in Zukunft so sein.

Das müssen Sie jetzt nur noch dem Bund vermitteln.

Genau deshalb findet auf Mitinitiative der Flughäfen am 6. November im Bundesverkehrsministerium der Luftverkehrsgipfel statt. Wir wollen verdeutlichen, dass die Flughäfen für systemrelevante überregional bedeutende Logistik sorgen. Das kostet Geld. Daran sollte sich der Bund beteiligen.

Das Gespräch führte Peter Hanuschke.

Info

Zur Person

Elmar Kleinert ist seit 2018 Geschäftsführer des Bremer Flughafens. Davor war der Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur unter anderem Geschäftsleiter Operation für Schönefeld und Tegel.

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