Schokoladenhersteller Hachez Kritik an Verlegung der Hachez-Produktion

Die Gewerkschaft NGG will die geplante Verlegung der Hachez-Produktion nicht einfach so hinnehmen. Auch viele Bremer sind vom Schokoladenhersteller enttäuscht.
01.03.2018, 19:19
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Kritik an Verlegung der Hachez-Produktion
Von Stefan Lakeband

Am Ende läuft alles auf eine Frage hinaus. Warum? Warum will Hachez die Schokoladenproduktion verlagern? Warum betont der Hachez-Chef noch vor wenigen Wochen die „Bremer Identität“ der Schokolade? Warum haben die Mitarbeiter auf Weihnachtsgeld verzichtet, wenn sie am Ende ihren Job doch nicht halten können? Warum wurden die Jahrzehnte alten Maschine nicht irgendwann ersetzt? Warum fürchten nun 250 Mitarbeiter um ihre berufliche Zukunft? Antworten auf diese Fragen lassen sich nur schwer finden.

Es bleiben nur Vermutungen und das, was seit Mittwoch bekannt ist. Der dänische Mutterkonzern will die Produktion nach Polen verlagern. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hatte bereits da Widerstand angekündigt und legt am Donnerstag noch einmal nach. „Wir glauben an eine Zukunft der Produktion in Bremen“, sagt Iris Münkel von der NGG. „Wenn sich die Position allerdings nicht verändert, sind für uns alle Optionen offen.“

Volle Auftragsbücher

Laut Gewerkschaft könne die Verlagerung eigentlich nichts mit der Auslastung der Bremer Schokoladenfertigung zu tun haben. „Die Auftragsbücher von Hachez sind gut gefüllt, die Produktion soll auch in diesem Jahr zusätzliche Schichten ableisten“, heißt es von der NGG. Sie betont auch die Besonderheiten des Unternehmens, das seit mehr als 125 Jahren in der Hansestadt ist. „Hachez ist eines der wenigen Unternehmen in dieser Größe, das die Schokoladenmasse noch selber herstellt“, sagt Münkel. Die Verbraucher seien bereit, für die hohe Produktqualität einen angemessenen Preis zu bezahlen.

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Doch gerade diese Kunden wenden sich nun vom Schokoladenproduzenten ab. Auf den Facebook-Seiten von Hachez schreiben einige Nutzer, dass sie künftig keine Hachez-Schokolade mehr kaufen wollen. „Esst eure Schokolade zukünftig mal schön selber“, heißt es dort etwa. Oder aber: „Dann kaufe ich in Zukunft keine Produkte von Hachez mehr! Die regionale Marke war mir sehr wichtig.“

Doch wie regional ist eine Marke überhaupt noch, deren Eigentümer Hunderte Kilometer entfernt sitzen? Schon längst ist Hachez nicht mehr die eigenständige, kleine Schokoladenmanufaktur von damals, sondern Teil eines Konzerns, dessen Produkte es in vielen Ländern Europas gibt. 2012 wurde Hachez von der Toms-Gruppe übernommen, dem größten Süßwarenhersteller Dänemarks. Für die zwölf Millionen Euro Betriebsergebnis im Jahr 2016 haben neben den Marken Hachez und Feodora auch Namen wie Anton Berg gesorgt, der vor allem für kleine, mit Alkohol gefüllte Schokoladenflaschen bekannt ist, aber auch Lakritz und Weingummi.

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Mit diesen Produkten verfolgt das Unternehmen eine ambitionierte Wachstumsstrategie. Die Bremer Produktion könnte diesem Kurs im Weg gestanden haben. Im aktuellen Geschäftsbericht für 2016 heißt es: „Unser deutsches Geschäft steht weiterhin einer Herausforderung gegenüber, was die Rentabilität angeht.“ War die Fertigung in der Neustadt also nicht profitabel genug?

Gegen Bremen könnte aber auch noch etwas anderes sprechen. „Zum Zeitpunkt der Übernahme war Hachez nicht auf dem neuesten technologischen Stand“, sagt Dieter Reinken, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD in Bremen. Es seien wichtige Investitionen ins Unternehmen – und damit in die Zukunft des Standorts – versäumt worden. Nach seinen Informationen hätten die Unternehmenszahlen zuletzt allerdings den Erwartungen entsprochen.

Viele Rückschläge

CDU und FDP nutzten die Nachricht auch, um Kritik an Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) zu üben. Der sei laut Aussagen seines Sprechers von der Entscheidung überrascht worden. „Was unternimmt der Wirtschaftssenator eigentlich dagegen?“, fragt die FDP-Fraktionsvorsitzende Lencke Steiner. Hachez sei neben Coca-Cola und Kellogg nun das dritte große Unternehmen, dessen Produktion innerhalb kurzer Zeit Bremen verlasse. „Bremen droht sein wirtschaftliches Standbein als Standort für die Nahrungsmittel- und Genussbranche zu verspielen“, sagt auch der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Fraktion Jörg Kastendiek.

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Und tatsächlich ist es die Nahrungsmittelbranche, die zuletzt immer wieder durch negative Nachrichten auffällt. Mit mehr als 9000 Beschäftigten und einem Umsatz von etwa vier Millionen Euro ist sie der zweitgrößte Industriesektor im Land Bremen. Doch dieser Status bröckelt seit einigen Jahre. So wurden beim Braukonzern AB Inbev Stellen gestrichen, Jacobs Douwe Egberts hat das Traditionswerk von Kaffee Hag in Bremen geschlossen, Coca-Cola seine Produktion in Hemelingen eingestellt und auch Mondelez hat zuletzt Jobs abgebaut. Und dann war da noch Kellogg: Hier endete im November nach 53 Jahren die Produktion von Frühstücksflocken.

Jetzt also Hachez. Geschäftsführer Christian Strasoldo wollte sich auf Nachfrage des WESER-KURIER nicht weiter zu der geplanten Verlegung und den genauen Gründen äußern. Was vorerst bleibt, ist das Warum.

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Das denken Bremer

Eric Pfüller ärgert es, dass Hachez seine Produktion nach Polen verlagern will. „Mich wurmt es besonders, weil ich ein absoluter Hachez-Fan bin“, sagt er. Fan, weil ihn bei Hachez-Schokolade neben der Bremer Tradition auch die hohe Qualität überzeuge. „Dafür bin ich dann auch bereit, etwas mehr zu bezahlen.“ Jetzt hat er Sorge, dass mit dem Umzug der Produktion auch die Qualität der Schokolade leidet. „Am Ende bleibt vielleicht dann von der Marke nur noch eine leere Hülle“, sagt Pfüller.

Doch auch Bremer, die Hachez lieber verschenken als essen, können den Plänen nur wenig abgewinnen. „Ich habe da kein Verständnis für“, sagt Laura Bartzik. Für sie gehört Hachez zu Bremen. Denn schließlich habe mit Kellogg erst kürzlich ein anderes Traditionsunternehmen die Stadt verlassen. Sie verbindet außer der Schokolade auch Geschichten ihrer Mutter mit der Firma: „Meine Mutter hatte früher dort einen Ferienjob“, sagt sie. So geht es auch Hans Bronk. „Viele alte Schulfreunde von mir haben früher dort in den Ferien gearbeitet“, sagt er. Auch für ihn ist Hachez eigentlich eine Bremer Traditionsmarke, aber ob das jetzt vorbei ist, das weiß er auch nicht: "Ob die Schokolade in der Neustadt oder in Polen produziert wird, merken die Leute vielleicht gar nicht so richtig", sagt er. "Dann ist es ihnen vielleicht egal." Das gilt nicht für Christa Geising. Sie achtet darauf, wo ihre Waren produziert werden. "Mir ist wichtig, dass ich lokal einkaufe", sagt sie. Sie unterstütze lieber die regionale Wirtschaft, als Produkte aus dem Ausland zu kaufen. "Ich finde, dass Hachez in Bremen bleiben sollte."

"Profitgier", sagt Michael Jacobi. Für ihn liegen die Gründe für die Verlagerung der Produktion auf der Hand. Hachez-Fan Pfüller drückt es diplomatischer aus: "Man kennt die Zahlen des Unternehmens natürlich nicht", sagt er. "Aber selbst wenn es die allerletzte Möglichkeit wäre, um die Marke zu retten, wäre das nicht der richtige Schritt." Er vermisst die Bremer Traditionsunternehmen. "Eigentlich ist es ja schon mit dem Verkauf an die dänische Toms-Gruppe losgegangen", sagt er. "Und Beck's ist ja auch nicht mehr Beck's." Für Karin Schmalstieg ist klar: Die Bremer Politik hätte mehr tun müssen, die Unternehmen mehr unterstützen sollen. "Wir brauchen den Mittelstand, die Arbeitsplätze sind die Basis für unseren Wohlstand", sagt sie.

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