Interview

Vonovia-Vorstand: "Natürlich erhöhen wir die Mieten"

Der Großteil der Vonovia-Kunden sei mit den Modernisierungen der Wohnungen zufrieden, sagt Vorstand Klaus Freiberg im Interview. Gleichzeitig gesteht er auch Fehler ein.
26.08.2018, 19:41
Lesedauer: 6 Min
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Vonovia-Vorstand:
Von Stefan Lakeband
Herr Freiberg, 2015 hat die Deutsche Annington ihren Namen in Vonovia geändert, um sich ein besseres Image zuzulegen. Hat das funktioniert?

Klaus Freiberg: Der Grund für den neuen Namen war in erster Linie der Zusammenschluss von zwei Unternehmen. Wir wollten für die Mitarbeiter eine gemeinsame Unternehmenskultur schaffen. Aber wir werden heute auch anders wahrgenommen als früher, vor allem weil die Inhalte besser geworden sind. Es gab viel Kritik an der Deutschen Annington, vieles war berechtigt. Daran haben wir gearbeitet. Sicherlich konnten wir nicht alle Probleme beheben, die meisten aber schon.

Auf der Vonovia-Website heißt es, Sie seien „ausgewiesener Experte in der Ausrichtung von Unternehmen auf Kundenorientierung“. Wie viel Vonovia-Kundenservice trägt Ihre Handschrift?

Sehr viel! Die Situation für die Kunden, aber auch die Substanz der Wohnungen war desaströs, als ich 2010 eingestiegen bin. Die Dinge, die damals vorlagen, sind nun nicht mehr da. Wir sind aber auch so realistisch, dass wir bislang nicht alles verändern konnten.

Sie sagen, es sei schon viel passiert, gleichzeitig häufen sich die Beschwerden von Mietern. Wie passt das zusammen?

Wohnen ist ein sensibles und persönliches Thema. Die Menschen sind da zu Recht empfindlich. Als größtes Wohnungsunternehmen haben wir natürlich die Entwicklung der vergangenen Jahre bestimmt. Das ist häufig Anlass zur Freude, aber auch zu Diskussionen. Wir wollen niemanden ärgern. Ich nehme jede Kritik ernst, alles andere wäre falsch. Gleichzeitig muss man die Beschwerden aber auch in Relation zu den mehr als 400.000 Wohnungen stellen, die wir besitzen. Die Mehrzahl unserer Mieter ist zufrieden mit uns, davon hört und liest man aber selten etwas. Das müssen wir aber aushalten.

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De facto geht es aber darum, dass es in Wohnungen zieht, schimmelt, Sachen über Monate nicht repariert werden. Sollte nicht der Anspruch sein, dass so etwas gar nicht vorkommt?

Das sollte es. Ich muss aber auch realistisch bleiben. Wir haben als einziges Wohnungsunternehmen in dieser Größe einen eigenen Service mit 5000 Handwerkern aufgebaut. Und es wird von Tag zu Tag schwieriger für uns, Handwerker zu bekommen. Wenn ich diese Mitarbeiter nicht hätte, hätten wir das Zehnfache an Beschwerden. Klar ist aber auch, dass manchmal Fehler passieren. Manchmal werden Termine vergessen oder das Ersatzteil. Das werden wir verbessern müssen.

In Bremen wurden schon zwei Fälle verhandelt, bei denen sich Mieter über eine Mieterhöhung von 40 Prozent beschwert haben, nachdem ihr Haus saniert, aber auch energetisch modernisiert wurde. Ist das auch ein Fehler gewesen?

Hier muss man differenzieren. Bei 20.000 Modernisierungen habe ich Klagen im niedrigen dreistelligen Bereich. So gesehen handeln wir in 99,99 Prozent der Fälle formal richtig. Die Fälle in Bremen sind ein formales, juristisches Versäumnis. Wir haben das Ankündigungsschreiben an einer Stelle nicht so formuliert, wie es hätte sein müssen. Das haben wir geändert.

Heißt das, die Mieterhöhung war tatsächlich zu hoch?

Der Fehler lag einzig in der Formulierung. Die Mieterhöhung als solche war korrekt.

40 Prozent mehr Miete können Menschen aber in existenzielle Nöte bringen.

Formal richtig heißt nicht immer auch inhaltlich richtig. Wenn wir einem Ehepaar mit einer kleinen Rente die Miete nach einer Modernisierung so stark erhöhen, dass es die Wohnung nicht mehr halten kann, dann ist das legal. Wir werden aber kein Rentnerpaar oder keine Witwe durch zu hohe Mieten aus ihren Wohnungen vertreiben. Wir wollen mit allen Mietern, die sich als Härtefall bei uns melden, eine Lösung finden. Unser Vorgehen müssen wir aber noch weiter professionalisieren, damit es noch schneller geht. Gleichzeitig müssen wir aber auch dafür sorgen, dass unsere Häuser in einem zeitgemäßen Zustand bleiben. Jedes Jahr wollen wir fünf Prozent unseres Bestands modernisieren. Und viele Mieter begrüßen das. Das darf man nicht unter den Tisch fallen lassen.

In der Lüssumer Heide in Bremen-Nord haben Sie viele Objekte; die Anwohner beklagen sich über die schlechte Substanz und den Sanierungsstau. Sie haben das Gefühl, dass sich niemand um sie und ihre Wohnungen kümmert.

Wir haben vergangenes Jahr 45 Millionen Euro in Bremen investiert, dieses Jahr werden es fast 50 Millionen sein. Auch haben wir hier zuletzt nicht unerheblich zugekauft. Natürlich kann ich nicht alle 10.000 Wohnungen auf einmal modernisieren. Gehen Sie davon aus, dass der Bestand in Bremen in relativ kurzer Zeit auf einem vernünftigen Niveau sein wird. In einem Wohnungsbestand, der so groß ist wie unserer, werden Sie aber immer Beispiele finden, in die wir massiv investiert haben und andere, die noch darauf warten. Ich kann nicht alles innerhalb von zwei Jahren machen, aber wir haben die klare Strategie, dass wir alle Häuser, die eine Modernisierung brauchen, auch auf Vordermann bringen.

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Hier, aber auch in vielen anderen Siedlungen in ganz Deutschland, gibt es Probleme mit sehr hohen Heizkostenabrechnungen. Ihnen wird dabei unterstellt, sich daran zu bereichern.

Solche Behauptungen sind kurz vor ehrabschneidend. Wir bekommen vom Energielieferanten eine Rechnung von 1000 Euro. Ich kann jetzt aber nicht einfach 1500 Euro daraus machen. Das wäre Betrug. Ich bin am Ende nur das Inkassounternehmen: Der Energielieferant schickt mir eine Rechnung, die teile ich dann auf die einzelnen Einheiten auf. Außerdem sind geförderte Wohnungen häufig nicht energetisch modernisiert, das führt zu hohen Heizkosten. Natürlich gibt es auch manchmal Korrekturbedarf, etwa weil sich meine Mitarbeiter bei der Aufteilung dieser Rechnung verrechnet haben. Und manchmal vertut sich auch der Energielieferant.

Sie sind schon jetzt größtes Wohnungsunternehmen in Deutschland. Geht es nur auf diese Art?

Größe ist wichtig. Sie hat Nachteile, weil sie sofort im Mittelpunkt stehen. Etwa wenn es darum geht, neuen, preiswerten Wohnraum zu schaffen. Die Vorteile überwiegen natürlich. Wir haben beispielsweise begonnen, industriell vorgefertigt, standardisiert zu bauen. Wenn Sie das nicht in bestimmten Mengen abnehmen, brauchen Sie erst gar nicht damit anzufangen. Größe hilft beim Skalieren und dabei, Finanzierungen sicherer zu machen, Transparenz zu schaffen. Sie ist die Voraussetzung für vieles.

Sie haben diverse Dinge angesprochen, wo es noch nicht läuft und wo Sie nachbessern müssen. Ist Vonovia zu schnell gewachsen?

Man untersucht die Dinge, wenn sie laufen. Wenn man dann feststellt, dass es besser gehen könnte, ändert man das. Wir sind schon gut, aber nicht perfekt. Zur Not ändern wir Dinge auch zwei-, dreimal bis sie besser werden. Insgesamt haben wir die Zukäufe erstaunlich gut integriert. Dass man nach Übernahmen auch mal nachsteuern muss, ist nicht ungewöhnlich. Ich kenne Beispiele, die nach Zukäufen bedeutend schlechter aussahen.

Soll Vonovia noch weiter wachsen?

Das ist nur ein Teil unseres Geschäfts und nicht der wichtigste. Wenn sich etwas Gutes ergibt, denken wir natürlich darüber nach. Die Betonung liegt aber auf Kunden, Mitarbeitern und Produkt.

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Wenn Sie 50 Millionen Euro in Bremen investieren, wie stark verändern sich dann die Mieten?

Im Schnitt erhöhen wir in Deutschland nach Modernisierungen die Mieten um circa 1,70 Euro pro Quadratmeter. Bei den Modernisierungen legen wir etwa nur die Hälfte auf die Mieter um. 1,70 Euro ist nennenswert, aber sicherlich weit entfernt von Luxusmodernisierungen. Natürlich erhöhen wir die Mieten, da führt kein Weg dran vorbei. Ich glaube aber nicht, dass wir das Problem sind, wenn man über die Explosion der Mieten in Deutschland spricht.

Sondern?

Nur mehr Wohnraum löst das Problem. Ganz ehrlich: Wer hätte vor zehn Jahren in Bremen in Immobilien investiert? Niemand. Jetzt ist die Stadt ein guter Markt geworden. Weil sich in jeder halbwegs großen Stadt in Deutschland die Situation dramatisch zuspitzt. Immer mehr Menschen drängen auf den Wohnungsmarkt. Es entstehen aber nicht genug neue Wohnungen, und die, die gebaut werden, haben mehr Quadratmeter pro Kopf. Da kann die Situation nur eskalieren.

Was würden Sie sich konkret wünschen?

Alle Beteiligten müssen miteinander reden und etwas ausmachen. Von der Politik wünsche ich mir konkret, dass schneller gebaut werden kann. Die Genehmigungsverfahren müssen kürzer werden. Und wir müssen mehr junge Menschen dazu kriegen, wieder eine Handwerksausbildung zu machen. Ohne Handwerker kann nicht gebaut werden. Die Gesellschaft muss aber auch akzeptieren, dass in den urbanen Räumen nachverdichtet wird, also Baulücken geschlossen oder neue Etagen auf Häuser aufgesetzt werden. Und wir müssen uns darauf einstellen, dass wir in den Metropolen künftig weniger Quadratmeter pro Person haben werden. Dass jedes junge, berufstätige Paar eine Neubauwohnung mit 82 Quadratmetern bezieht, können wir uns nicht leisten. Es wird für uns alle enger und lauter werden.

Das Gespräch führte Stefan Lakeband.

Info

Zur Person

Klaus Freiberg ist seit 2010 im Vorstand der Wohnungsgesellschaft Vonovia. Der 56-Jährige wohnt in Münster und hat dort Geschichte, Sozialwissenschaften und VWL studiert.

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