Schwächelnder Windenergiemarkt Windanlagen-Hersteller in der Krise

Die Windkraftbranche leidet in Deutschland unter Preisdruck und schwacher Nachfrage. Deshalb setzen die Unternehmen verstärkt auf internationale Märkte.
14.08.2018, 18:34
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Windanlagen-Hersteller in der Krise
Von Peter Hanuschke

Preisdruck und schwache Nachfrage – damit hat die gesamte Windkraftbranche derzeit zu kämpfen, und das wird deutlich sichtbar bei den Halbjahreszahlen: So brach der Umsatz beim Anlagenhersteller Senvion, der auch ein Produktionswerk in Bremerhaven hat, in den ersten sechs Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 44 Prozent auf 466 Millionen Euro ein.

Der Konzern schrieb einen Verlust von etwa 40 Millionen Euro. Auch das zweite Unternehmen mit Hauptsitz in Hamburg, Nordex, vermeldet deutliche Rückgänge: So sackte der Umsatz um mehr als ein Drittel auf 957 Millionen Euro ab. Dass die gesamte Branche betroffen ist, zeigt sich an den anderen Marktteilnehmern: Bereits Ende Juli hatte der Windanlagenbauer Siemens-Gamesa seine Zahlen veröffentlicht.

Danach ist beispielsweise der Erlös um 21 Prozent auf 2,14 Milliarden Euro gefallen. Und beim Windanlagenhersteller Enercon im ostfriesischen Aurich droht durch die Flaute auf dem heimischen Onshore-Markt ein Stellenabbau. Hoffnung macht bei allen Marktteilnehmern dagegen der anziehende Auftragseingang, der auf eine Belebung des Geschäfts in den kommenden Monaten schließen lässt.

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Wobei sich das vor allem aufs internationale Geschäft bezieht. Entweder sind die Unternehmen bereits im Ausland aktiv oder wollen ihr Geschäft konsequent auf internationale Märkte ausrichten. Allerdings soll sich auch in Deutschland etwas tun – zumindest beim Ausbau der Stromtrassen, ohne die laut Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die Energiewende nicht gelingt.

Dass der deutsche Wind-Markt stark für die Schieflage bei den Unternehmen sorgt, das sieht auch Dirk Briese so. „Durch das massive Absenken der Ausbauziele durch die Bundesregierung ist der Markt stark eingebrochen“, sagt der Geschäftsführer vom Bremer Marktforschungsinstitut Windresearch auf Nachfrage des WESER-KURIER.

Der Markt werde sich quasi halbieren. „Wir waren bei einem Ausbau von über fünf Gigawatt pro Jahr, demnächst sind wir noch bei 2,9 Gigawatt, und diese sind nicht einmal gesichert.“ Nachvollziehbar sei das nicht ganz, weil es so unmöglich werde, die vereinbarten Klimaschutzziele zu erreichen.

Extrem lange Verwirklichungsfrist

Hinzu komme, dass das 2017 eingeführte Ausschreibungssystem laut Briese handwerkliche Fehler hatte: Denn durch die speziellen Bürgerwind-Förderregelungen wurde sogenannten Bürgerwindparkgesellschaften eine Teilnahme an Ausschreibungen ohne Baugenehmigung erlaubt – im Gegensatz zu kommerziellen Projektentwicklern.

Zudem gewährten die Auktionsregeln den Bürgerwindparks eine extrem lange Verwirklichungsfrist bis zum Netzanschluss von bis zu viereinhalb Jahren. Auch hatten sie in der Auktion Vorteile beim Zuschlag beziehungsweise Preis. Da dadurch über 90 Prozent der Zuschläge 2017 an Bürgerwindparks gingen, habe sich das auf das Bestellverhalten ausgewirkt: Nach wie vor sei ungewiss, wie viele Aufträge wann erteilt werden – möglicherweise erst 2020, noch später oder auch gar nicht. „Diese für Hersteller unsicheren Faktoren haben den heimischen Markt stark beeinträchtigt.“

Die im Koalitionsvertrag versprochenen Sonderausschreibungen, die auch im Windbereich diese Delle etwas glätten sollten, lassen weiter auf sich warten. Solche Rahmenbedingungen bekämen vor allem diejenigen Anlagenbauer zu spüren, die bislang stark auf den deutschen Markt ausgerichtet waren oder dort besonders viel Umsatz erzielt haben – so wie etwa Enercon.

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Dass diese Auftragsdelle durch die zum Teil boomenden Auslandsmärkte kompensiert werden soll, sei nachvollziehbar und notwendig, sagte Briese. Allerdings gebe es auch auf den internationalen Märkten inzwischen einen enormen Preisdruck – weil eben alle Hersteller dort punkten wollen und weil die Preise international sowieso schon niedriger sind.

Unternehmen, die dort mithalten wollten, stünden vor der großen Herausforderung, regelmäßig leistungsfähigere Produkte zu entwickeln, was sehr viel Geld koste. Auf der anderen Seite müssten sie Kosten sparen. „Das ist ein Spagat, den nicht alle bewältigen werden.“ Aus Spargründen habe Senvion beispielsweise die Rotorblattfertigung von Bremerhaven nach Portugal verlegt, so der Experte.

Ob das ausreiche, müsse man abwarten. Auf jeden Fall müsse das Unternehmen, das hauptsächlich im Onshore-Markt tätig ist, kräftig investieren, wenn es weiter im Offshore-Markt aktiv sein und mit Rivalen wie Siemens, Vestas und GE mithalten möchte, die schon Turbinen mit einer Leistung von zehn bis zwölf Megawatt entwickeln.

Politisches Handeln notwendig

Und eine Neuentwicklung einer solchen Turbine schlage schnell mit einem Betrag im unteren dreistelligen Millionenbereich zu Buche. Unabhängig davon ist für Briese klar, dass die Konsolidierung bei den Herstellern in den nächsten Jahren weitergeht. Um den Stromleitungs-Ausbau voranzubringen, stellte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am Dienstag einen Aktionsplan vor.

„Wir haben einen Rückstand erreicht, der politisches Handeln notwendig macht“, sagte der CDU-Politiker. Sein Ziel ist es, bis 2021 beim Netzausbau „entscheidend“ voranzukommen. Nach aktuellen Zahlen der Bundesnetzagentur sind von erforderlichen 7700 Kilometern im Zuge der Energiewende derzeit 1750 Kilometer genehmigt und nur 950 realisiert.

„Der Netzausbau kommt nicht so schnell voran, wie er nötig wäre“, sagte der Chef der Bundesnetzagentur, Jochen Homann. Der Aktionsplan sieht vor, den Bau neuer Leitungen zu beschleunigen. Für jedes Vorhaben soll es künftig ein vorausschauendes Controlling geben mit regelmäßigen Treffen der Beteiligten. Daneben sollen Planungsverfahren kürzer und das Vorschlagsrecht der Länder für zeitraubende Alternativplanungen beschränkt werden. Auch sollen bestehende Stromnetze optimiert und höher ausgelastet werden.

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