Torfkahnschiffer Schwarze Boote auf der Hamme

Alle drei Jahre durchkreuzt eine Torfkahnarmada die Hamme zwischen Worpswede und der Einmündung in der Wümme. Unter den Booten sind auch die Schiffe des Osterholzer Torfkahnschiffervereins zu finden.
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Christa Neckermann

Alle drei Jahre wird die Hamme zwischen Worpswede und der Einmündung in die Wümme von einer Armada aus schwarzen Booten mit braunen Segeln befahren, im kommenden Jahr wieder am 25. und 26. April. Dann bestaunen die Menschen vom Ufer aus die leise dahingleitenden Boote, die mit fröhlich feiernden Menschen in den Trachten des Teufelsmoores besetzt sind. Unter den vielen Torfkähnen, die sich Richtung Bremen auf den Weg machen, befinden sich sicher auch Boote der Torfkahnschiffer Osterholz-Scharmbeck. „Moorfee“, „Moorgeist“, „Moorhexe“ und „Moorteufel“ heißen die Kähne, deren Heimathafen in der Kreisstadt ist. „Mit der Torfkahnarmada erinnern die Torfkahnschiffer alle drei Jahre an die Bedeutung dieser Fahrzeuge für die Entwicklung des Landstrichs“, erzählt Manfred Loth, Vorsitzender der Osterholzer Torfkahnschiffer.

Er und seine Kollegen haben noch viel mehr zu berichten, wenn sie in den warmen Monaten zwischen dem 1. Mai und dem 3. Oktober in ihren etwa zwölf Meter langen, 1,90 Meter breiten schwarzen Kähnen mit den gelohten braunen Segeln auf der Hamme unterwegs sind. Von der Ruderpinne aus erzählen die 14, 15 Bootsführer die Geschichten der ersten Moorbauern im Teufelsmoor.

Kolonialwarenläden mit Lebensmitteln und alltäglichen Waren

Etwa, dass Jürgen Christian Findorff zwar die Moordörfer anlegen ließ und auch durch seine Kanäle für Wasserwege und Moorentwässerung sorgte, dafür aber vergaß, für Schulen und Kolonialwarenläden zu sorgen. Das führte dazu, dass an den damals existierenden sogenannten „Holtstellen“, an denen der Torf gesammelt wurde, um von den Eichenfahrern nach Bremen gebracht zu werden, auch kleine Kolonialwarenläden entstanden. Dort konnten sich die Torfbauern mit Waren des täglichen Bedarfs und den Lebensmitteln versorgen, die sie auf ihren Hofstellen nicht selbst herstellen konnten. „Holtstellen“ waren etwa bei Tietjens Hütte, Melchers Hütte, Neu-Helgoland und an der Einmündung der Beek in die Hamme, einer Halbinsel, die wegen der auf ihr stehenden Kopfweiden „das Nadelkissen“ genannt wurde.

Auch an einem geheimnisvollen Platz, „Kiautschau“, konnten sich die Torfkahnschiffer mit Waren versorgen, nachdem sie ihren Torf zum Weitertransport ausgeladen hatten. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das „Kiautschau“, das nur im Boot oder zu Fuß erreicht werden konnte, ein beliebter Treffpunkt für Kanuwanderer, weil die Wirtin, Frau Puff, ein Auge zudrückte, wenn nicht verheiratete Paare auf ihrem Dachboden übernachteten.

Lesen Sie auch

Zwei Jahrhunderte zuvor hatte besagter Jürgen Christian Findorff damit begonnen, im Auftrag König Georg III von Hannover das Teufelsmoor zwischen Wümme und Hamme zu besiedeln. Die nassen Flächen boten den Siedlern so gut wie kein Auskommen – nur den Torfabbau. Dieser Rohstoff wurde in der nächstgelegenen großen Stadt, in Bremen, als Brennstoff genutzt. Als Transportwege boten sich nur die kleinen Flüsse an, denn befestigte Straßen gab es auf dem moorigen Untergrund nicht. Nachdem der Torf mühsam von Hand gestochen war, trocknete er auf dem flachen Land, um dann auf den flach gebauten Kähnen mit nur etwa 30 Zentimeter Tiefgang über Hamme und Wümme in den Torfkanal nach Bremen geschafft zu werden, wo er im Torfhafen in Findorff von den Brockelweibern ausgeladen wurde, um verkauft zu werden.

18 Kilometer in vier Tagen

Zur damaligen Zeit mäanderte die Hamme durch ihre Niederung, manchmal so heißt es, hätten sich die Torfkahnschiffer an den engsten Stellen die Hände reichen können. Die Strecke von Worpswede bis zur Wümme-Einmündung betrug etwa 18 Kilometer. Die Kähne brauchten für die Strecke zwischen Neu St. Jürgen und Bremen oft vier Tage. Vier Tage, an denen oftmals die Frauen die Kähne treidelten, sie also an starken Seilen vom Leinpfad aus durch die Hamme zogen. Währenddessen hielten die Männer die Kähne auf Kurs. Um die Strecke zu verkürzen, wurden viele Flussschleifen an den engsten Stellen durchstochen. Damit verkürzte sich die Tour auf etwa neun Kilometer. „Nicht immer konnten die Segel eingesetzt werden“, berichtet Manfred Loth. Wenn der Wind aus der falschen Richtung blies, brachte nur Menschenkraft das Fahrzeug vom Fleck.

Die historischen Torfkähne waren sogenannte Halbhunt-Schiffe, benannt nach einem alten Maß, das etwa zwölf Kubikmeter oder 100 Körbe Torf fasste. Ein „Halbhunt“ bot demnach also Platz für sechs Kubikmeter oder 50 Körbe Torf. Auf schmaleren Flüssen wie etwa der Wörpe verkehrten kleinere Kähne, die „Viertelhunt“-Schiffe, die drei Kubikmeter oder etwa 25 Körbe Torf fassten.

Lesen Sie auch

Vorn im Bug des Torfkahns gab es einen kleinen Raum, der gerade genug Platz für die Torfschiffer und einen winzigen Kanonenofen bot, auf der ein magerer Buchweizenbrei und heißer Tee oder Eichelkaffee zubereitet werden konnte. „Das war ein gefährlicher Ort, denn wenn die Torfschiffer nicht für die nötige Belüftung sorgten, konnte es vorkommen, dass sich in dieser kleinen Bude Kohlendioxid sammelte, die die Schläfer erstickte“, weiß Manfred Loth.

Bis in die 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts lieferten die Torfkähne den einzigen Rohstoff, den das Moor zu bieten hatte, an die Torfabnehmer. 1952 gab es von den einstmals über 1000 Torfkähnen auf der Hamme gerade noch 67. Immer besser ausgebaute Straßen und zunehmender Kraftverkehr hatten das einstmals wichtigste Lastentransportmittel im Moor überflüssig werden lassen.

Torfkahntouren für Touristen

In den 80er-Jahren begann eine Rückbesinnung auf die heimatlichen Werte und die kulturellen Schätze, die der Landkreis Osterholz zu bieten hat. Vielleicht auch ausgelöst durch die Fernsehserie „Teufelsmoor“ von Autorin Elke Loewe, die die über 230 Jahre dauernde Familiensaga der fiktiven Teufelsmoor-Familie Kähding beschreibt, beschlossen einige Adolphsdorfer Bürger, einen Torfkahn nachzubauen. Im Jahr 2000 hatte der Wirtschaftstreff Osterholz die Idee, zwei Torfkähne in Auftrag zu geben, um damit Touristen die schöne Hammeniederung aus einem ganz eigenen Blickwinkel zu präsentieren. Die Vermarktung der Torfkahntouren erfolgte zunächst über den Wirtschaftstreff, ab 2004 über das Stadtmarketing.

Im Jahr 2012 sah sich die Stadt dann aber außer stande, weiterhin die Zuwendungen für die Torfkahnschiffer zu bezahlen. „Das war für einige unserer Torfkahnschiffer, die eigens einen Bootsführerschein erworben hatten, sehr hart“, erinnert sich Manfred Loth. „Lasst uns das aus Spaß an der Freude machen“, war fortan das ausgegebene Motto, und im Dezember 2012 fanden sich tatsächlich sieben Enthusiasten, um den Verein Torfkahnschiffer Osterholz-Scharmbeck aus der Taufe zu heben.

Lesen Sie auch

Heute hat der Verein 21 Mitglieder und steht finanziell auf gesunden Beinen. „Gerade arbeiten wir an der Beschaffung weiterer Boote. Es sind Boote aus Bootssperrholz, Eichenkähne, so wie sie einst auf der Hamme fuhren, sind inzwischen fast unerschwinglich“, stellt Manfred Loth klar. Etwa 30.000 Euro kostet so ein Torfkahn. Nackt wohlgemerkt, denn „die Innenausstattung, also die Bänke und so weiter, die bauen wir selbst“, sagt Loth nicht ohne Stolz. Angetrieben werden die Kähne der Osterholz-Scharmbecker inzwischen übrigens von Elektromotoren.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+