Gymnasium Lilienthal

Häkeln gegen den Plastikmüll

Es muss nicht immer Plastik sein, zeigen Lilienthaler Gymnasiasten bei einem Umweltprojekt. Damit sie noch mehr Taschen, Badeschwämme und Kosmetikpads herstellen können, hoffen sie auf Spenden.
05.11.2017, 17:41
Lesedauer: 3 Min
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Häkeln gegen den Plastikmüll
Von Undine Zeidler
Häkeln gegen den Plastikmüll

Badeschwämme und Kosmetikpads müssen weder aus Plastik sein noch Wegwerfware, beweisen Gesa, Emily, Clara, Hannah, Vivien und Bo (von links) im Seminarfachkurs Englisch im Lilienthaler Gymnasium.

Hans-Henning Hasselberg

Lilienthal. Manchmal täuscht der erste Blick. Was wie eine Handarbeitsstunde anmutet, erweist sich als ein handfestes Umweltprojekt. „Ready to recycle“ sagten sich die Schüler des Seminarfachkurses Englisch am Gymnasium Lilienthal vor wenigen Monaten. Seitdem surrt an jedem Mittwoch zwei Schulstunden lang die Nähmaschine. Aus Alt wird Neu. Aus abgelegten Jeans schneidern sie Taschen. An anderen Tischen häkeln junge Frauen Stäbchen im Kreis für waschbare Kosmetikpads. Da zerhackt jäh ein Mixer die geschäftige Stille. Sein Messer schreddert Flaschenverschlüsse und eine in Einzelteile zerlegte Waschmittelflasche. Dicht drängt sich eine Gruppe junger Leute darum. Sie beobachten, wie das Rohmaterial für ihr Experiment entsteht. Mit ihrem Projekt wollen die Schüler einen Gegenpol zu Plastikmüll und Plastikverschwendung setzten. Weil sie bis zum Weihnachtsmarkt ihrer Schule noch viele Alternativprodukte herstellen wollen, hoffen sie auf Spenden in Form von alten Jeans, Wolle oder Geld.

Was hat nun aber Umweltschutz mit Englischunterricht zu tun, außer, dass das Wort Recycling durch und durch englisch ist? „Wir müssen das Projekt auf Englisch reflektieren und viele Informationen im Internet sind auf Englisch“, erklärt Anna Groth. Sie ist für die Pressearbeit eingeteilt und erzählt, wie im vergangenen Jahr eine Seminarfacharbeit im Fach Englisch über Plastik die Schüler zu diesem Projektthema angeregt habe. Seit August recherchieren, nähen und häkeln nun 16 junge Leute zwischen 17 und 19 Jahren in Eigenregie und unterstützt von den Schülern des Mathe-Seminarfachkurses. Groth sagt: „Sie helfen uns teilweise beim Bauen von Maschinen und Ausrechnen.“ Schließlich mussten sie umplanen.

Anfangs haben sie an einem internationalen Recycle-Projekt teilnehmen wollen, erklärt später Englisch-Lehrerin Vivien Stevens. Doch das dort verwendete Material sei in Deutschland nicht zugelassen. Also suchten die Schüler eine Alternative und fanden sie im HDPE-Plastik, einem Polyethylen mit hoher Dichte. Das biegsame Material ist im Haushalt in vielerlei Gestalt zu finden, vom Flaschenverschluss bis zur Wasch- oder Duschmittelflasche. Der Vorteil dieses Thermoplastes liegt darin, das es schon ab einer Temperatur von 130 Grad Celsius langsam zu schmelzen beginnt und, so betont Groth: „Es ist ungefährlich.“

Die Projektgruppe arbeitet sichtlich wohl organisiert. Gerade schleppt einer der Schüler einen Tisch-Backofen herein. Den haben sie im Internet ersteigert, erklärt Lehrerin Stevens. Darin soll der Plastikmüll eine neue Form und damit ein Leben nach dem Flaschendeckel erhalten. Anna Groth sagt: „Geplant sind Klemmbretter.“ Diese wollen sie auf dem Schulweihnachtsmarkt verkaufen, genau wie ihre selbst geschneiderten Jeanstaschen oder die gehäkelten Kosmetikpads und Badeschwämme.

Ein Baumwollfaden wandert rasch durch Gesa Jacobs Finger und wird zur nächsten Stäbchenreihe. Schmunzelnd schaut sie kurz auf und meint: „Ich bin die Frau fürs Häkeln.“ An ihrem ersten Badeschwamm hat sie zwei Tage gesessen. Jetzt geht es schneller. Und weil sie zeigen wollen, dass noch mehr aus Baumwolle statt aus Plastik geht, liegt auf ihrem Tisch ein kleiner Stapel runder Kosmetikpads, bei 30 Grad Celsius waschbar. „Ich finde Umweltschutz ganz wichtig“, sagt die 19-Jährige. Durch das Projekt habe sich auch ihre eigene Haltung noch einmal verändert: „Ich trinke nur noch aus Glasflaschen.“ Außerdem findet sie, zwei Äpfel könne man im Supermarkt auch ohne die übliche dünne Plastiktüte zur Kasse tragen und den Einkauf in einem Jutebeutel transportieren. Oder demnächst in einem selbst geschneiderten Unikat aus diesem Projekt.

Ineke Dürer sitzt gegenüber von Gesa Jacob an der Nähmaschine und arbeitet gerade an solch einer Tasche. Sie lobt das Projekt: „Ich finde das gut, weil es wichtig ist und weil es Alternativen gibt, die man selber machen kann.“ Außerdem sei hier für jeden etwas dabei. „Die Jungen haben Spaß am Kaputtmachen“, sagt sie grinsend, blickt kurz zum Mixer am anderen Ende des Raums und lässt die Nähmaschinennadel wieder durch den Jeanstoff sausen. Lehrerin Vivien Stevens schaut mal hier und mal da zu. Sie ist zufrieden mit ihren Schülern und lobt: „Es ist toll, was hier entstanden ist.“

Dabei ist das noch gar nicht das Ende der ganzen kreativen Akribie. Drei Schüler vom Seminarfachkurs Latein besuchen an diesem Nachmittag ihre Zulieferer für den Weihnachtsmarkt am Mittwoch, 20. Dezember. Den organisieren sie als Projekt und beziehen die ganze Schule ein. Von 16 bis 19 Uhr soll es ein Nachmittag für Schüler, Eltern und alle Interessierten werden. Lena Saathoff kündigt dafür Stände mit Keksen, Getränken und selbst gefertigten Weihnachtsdekorationen an. Yannick Schmidt ergänzt: „Wir hoffen, es wird ein Fest für die Sinne.“ Was das Ernsthafte nicht ausschließt. Die Englisch-Schüler wollen auf dem Weihnachtsmarkt auch über die Umweltverschmutzung durch Plastikmüll informieren.

Wer die jungen Umweltaktivisten mit alten Jeans, Wolle oder einer Spende unterstützen will, erreicht diese unter der Telefonnummer 01 62 / 90 97 11 2.

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