Neustrukturierung der Stadtzentren 117 Millionen Euro für Niedersachsens Innenstädte

Niedersachsens Innenstädte drohen zu veröden, dagegen will die Landesregierung etwas tun. Mit einer schnellen Finanzspritze sollen die Stadtzentren attraktiver werden - auch für junge Familien und Senioren.
16.06.2021, 16:56
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
117 Millionen Euro für Niedersachsens Innenstädte
Von Peter Mlodoch

Kundenschwund, Leerstand, Schrottimmobilien, Fachkräftemangel: Viele Innenstädte drohen zu veröden. Online-Handel und Corona verschärfen die Situation weiter. "Die Pandemie ist ein Brandbeschleuniger", sagte Niedersachsens Regionalministerin Birgit Honé (SPD) am Mittwoch in Hannover. "Die Städte werden in wenigen Jahren anders aussehen müssen." Mit einer schnellen Finanzspritze will das Land seinen Kommunen dabei helfen, die Aufenthaltsqualität in ihren Zentren aufzupeppen. Neue Mischformen von Wohnen, Arbeiten und Einkaufen sollen wieder verstärkt Menschen in die Innenstädte locken. "Unsere Städte müssen für alle, wirklich alle attraktiv sein, für junge Familien ebenso wie für Senioren oder Singles", betonte Honé.

117 Millionen Euro aus EU-Corona-Töpfen sollen die Kommunen beim Durchstarten unterstützen. Die Einzelbudgets richten sich nach der Größe. 320.000 Euro gibt es auf Antrag für Orte oder Gemeindeverbünde zwischen 10.000 und 25.000 Einwohnern; 1,5 Millionen Euro fließen an Städte mit über 65.000 Bewohnern. Mit diesen Geldern sollen die Städte speziell auf sie zugeschnittene Konzepte zur Belebung ihrer Zentren entwickeln. Dabei gehe es um mehr als einen Neustart des Einzelhandels, stellte die Regionalministerin klar.

Lesen Sie auch

Zu den förderfähigen Handlungsfeldern gehören neue Dienstleistungen, Kultur- und Freizeitangebote, aber auch Verkehr und Logistik. "Wir müssen raus aus der Abwärtsspirale", meinte Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU). Ein attraktiver Nahverkehr sei ebenso vonnöten wie bessere Bedingungen für Fußgänger und Radfahren. Aber auch neue Mobilitätsformen wie Sammeltaxis, Carsharing oder Plattformen für Mitfahrgelegenheiten könnten mehr Menschen in die Citys bringen.  

"Wir müssen alle mitnehmen, sonst sind wir nicht erfolgreich", mahnte Bauminister Olaf Lies (SPD) einen Ausgleich der Interessen an. Es sei richtig, dass die Innenstädte nicht mehr allein vom Autoverkehr geprägt sein dürften, sondern die Besucher und Bewohner Grünflächen und Erholungsgebiete bräuchten. Ganz aussperren dürfe man aber die Autos keineswegs. "Die Menschen müssen auch weiter in die Innenstädte reinkommen können." 

Die Städte sind bei der Auswahl ihrer Schwerpunkte weitgehend frei. 25 Prozent des Gesamtprogramms sind laut EU-Vorgaben allerdings für Umwelt- und Klimaschutzprojekte reserviert. Das könnten die Entsiegelung von bebauten Flächen oder die Renaturierung von innerstädtischen Gewässern sein, erklärte Lies. Auch neue Mehrwegsysteme gegen die während Corona stark gestiegene Flut von Plastikmüll durch die Essen-Lieferdienste seien denkbar.

Lesen Sie auch

Staatliche Maßnahmen zur Eingrenzung des Online-Handels schlossen alle drei Minister dagegen kategorisch aus. "Dieser Trend ist nicht mehr umkehrbar", erklärte Ressortchefin Honé. "Wir wollen keine Verbote", betonte Althusmann. Es gelte, den örtlichen Einzelhandel nicht zuletzt durch digitale Angebote für Kunden attraktiver zu machen, sodass sich eine "gute Mischung" aus beiden Verkaufsformen entwickeln könne.

Die Landtagsopposition kritisierte das Förderprogramm als unzureichend. "Geld alleine wird die Innenstädte nicht voranbringen", sagte FDP-Fraktionsvize Jörg Bode. "Es braucht bessere Rahmenbedingungen, beispielsweise für die Etablierung neuer Nutzungsformen oder auch im Bereich der Raumordnung, des Planungs- und Baurechts sowie des Ladenöffnungsrechts." Dazu liege längst ein umfassender Antrag der FDP vor. "Die Landesregierung verweigert sich allerdings bislang der Umsetzung."

Grünen-Fraktionsvize Christian Meyer warnte davor, die Krise der Innenstädte allein mit Corona zu begründen. "Insbesondere der Internethandel und verändertes Einkaufs- und Freizeitverhalten führen zu immer mehr Schließungen im Einzelhandel in den Stadtkernen." Gleichzeitig stelle die Klimaerwärmung die Innenstädte vor immer mehr Herausforderungen. Statt immer der gleichen Ladenketten brauche man neue Ideen für lebendige Innenstädte. "Dazu gehören Co-Working-Spaces, attraktives Wohnen, flächensparende Aufstockung von Häusern und Geschäften, weniger Autoverkehr und mehr schattenspendendes Grün."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+