Steigende Inzidenzwerte Jo-Jo-Effekt beim Öffnen und Schließen in Niedersachsen

In mehreren niedersächsischen Landkreisen und Städten haben die Inzidenzwerte die wichtige Grenze von 100 überschritten. Jetzt wird kontrovers diskutiert: Lockerungen zurücknehmen? Oder weiter so?
17.03.2021, 21:16
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Jo-Jo-Effekt beim Öffnen und Schließen in Niedersachsen
Von Marc Hagedorn

Die Eingangstür ist geschlossen. Die Rolltreppen, frisch gewartet zur Wiedereröffnung, stehen still. Die Angebote, die Jeans von Pierre Cardin für 59,99 Euro oder die Damenbluse von Tommy Hilfiger für 49,99 Euro, werden so schnell keine neuen Besitzer finden. L+T in Osnabrück, bekannt für sein Surfbecken im Keller des Hauses, hat nach acht Öffnungstagen seit diesem Mittwoch wieder geschlossen, weil die Sieben-Tage-Inzidenz in der Stadt innerhalb kürzester Zeit von unter 100 auf 152 gestiegen ist.

„Die sachlichen Begriffe, die mir einfallen, um meine Gemütslage zu beschreiben, lauten enttäuscht und traurig“, sagt L+T-Geschäftsführer Mark Rauschen. Tatsächlich sitzt der Frust aber wesentlich tiefer. „Wenn wir im Vorfeld gewusst hätten, dass wir so schnell wieder schließen müssen, hätten wir gar nicht erst geöffnet.“

Einzelhändler stecken im Dilemma

Es ist das Dilemma, in dem die Einzelhändler in diesen Wochen überall in der Republik stecken. Sie wollen so schnell wie möglich wieder für ihre Kunden erreichbar sein. Dafür gehen sie in Vorleistung, indem sie Hygienekonzepte entwickeln und personalintensive Modelle wie das Terminshopping auf die Beine stellen. Nur damit wenigstens etwas Leben in die angeschlagene Branche zurückkehrt. „Unsere Mitarbeiter und wir sehnen uns nach Arbeit“, sagt Rauschen, „und nach den Kunden.“ Außerdem braucht der Einzelhandel dringend Umsätze.

Gekoppelt ist die schrittweise Rückkehr in eine Art von Normalität an die Entwicklung der Infektionszahlen. Der Inzidenzwert ist eine der magischen Größen, nach denen sich entscheidet, wie sehr Corona-Einschränkungen zurückgenommen werden dürfen. Bei 100 wird es knifflig. Wird dieser Wert an drei aufeinander folgenden Tagen übertroffen, sollen Lockerungen wieder rückgängig gemacht werden, so hat es die Bund-Länder-Konferenz mit Kanzlerin Angela Merkel vor zwei Wochen entschieden.

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Seit einigen Tagen sind die Krisenstäbe in mehreren Städten und Landkreisen Niedersachsens deshalb in erhöhter Alarmbereitschaft. Die Inzidenz steigt seit Tagen landesweit kontinuierlich an und nähert sich der 100. Aktuell steht sie bei 81. Immer mehr Landkreise und Städte haben die 100 aber auch schon überschritten. Im Bremer Umland sieht es vergleichsweise gut aus. Im Landkreis Diepholz liegt die Inzidenz relativ konstant bei unter 60, in Rotenburg sogar unter 40, im Landkreis Verden stabil um die 40. Im Landkreis Oldenburg ist die Sieben-Tage-Inzidenz zuletzt stark gestiegen, aber immer noch unter 70. Die höchsten Werte in der Region haben die Stadt Delmenhorst mit 85 und der Landkreis Wesermarsch mit 105. Dort sinkt der Wert aber gerade wieder, nachdem er am vergangenen Freitag noch bei 141 gelegen hatte.

In Osnabrück konnte L+T-Chef Rauschen am vergangenen Wochenende Tag für Tag verfolgen, wie es langsam, aber sicher immer enger wurde. Am Freitag stieg die Sieben-Tage-Inzidenz in der Stadt erstmals wieder auf über 100. Sonnabend kletterte sie weiter auf 120, Sonntag auf 123. „Und damit war klar, was am Montag passieren würde“, sagt Rauschen. Der Krisenstab der Stadt tagte und griff ein. Seit Mittwoch sind der Einzelhandel, der Zoo sowie Museen und Galerien in der Stadt wieder geschlossen.

Der Landkreis Emsland ist um diese Entscheidung in den vergangenen Stunden ganz knapp herum gekommen. Am Sonntag und Montag hatte die Sieben-Tage-Inzidenz die 100 überschritten – um am Dienstag auf 91,8 zu fallen. Inzwischen allerdings liegt sie schon fast wieder bei 100. „Wir befinden uns im ständigen Austausch mit dem Gesundheitsamt“, sagt Anja Rohde, Sprecherin des Landkreises, „aber wir haben dabei auch einen Ermessensspielraum.“ Heißt nach emsländischer Interpretation: Die Notbremse bei den Lockerungen muss nicht zwingend bei 100 gezogen werden – eine Sichtweise, die nicht unumstritten ist.

Mehr Entscheidungsfreiheit wünscht man sich auch in Osnabrück. Die Osnabrücker Stadtverwaltung denkt jetzt trotz des hohen Inzidenzwertes über Lockerungen für den Einzelhandel und den Zoo nach. Osnabrück wolle sich in dieser Hinsicht mehr „Beinfreiheit“ von der Landesregierung erbitten, sagte die Leiterin des städtischen Corona-Krisenstabes, Katharina Pötter, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

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Einzelhandel und Zoo sollen nach Plänen der Stadt mit einer lokalen Schnellteststrategie ihre Türen weiter öffnen dürfen, wenn Kundinnen und Kunden ein negatives Testergebnis vorweisen können. Längere Öffnungszeiten könnten helfen, den Andrang in den Geschäften zu entzerren. Für den Fall, dass die Landesregierung dem Wunsch der Stadt mit ihren 165.000 Einwohnern nicht nachkommt, schloss Pötter einen Alleingang der Kommune nicht aus. „Es gibt Städte, die machen einfach“, so Pötter.

L+T-Chef: Wir fühlen uns als Bauernopfer

Das sind Worte, die L+T-Chef Rauschen gern hört. „Symbolpolitik“ nennt er die Vorgabe, bei einem Wert von 100 wieder schließen zu müssen, „wir fühlen uns als Bauernopfer.“ Rauschen sieht die Sache so: Der hohe Wert in der Stadt lässt sich nicht wegdiskutieren. „Aber Fakt ist auch: Drei Viertel unserer Kunden und unserer Belegschaft kommt aus dem Landkreis“, sagt Rauschen. Der Inzidenzwert dort liegt seit Tagen konstant bei unter 80. Warum also schließen?, fragt er.

Unterstützung erhält Rauschen von Mechthild Möllenkamp. Sie ist Chefin von fünf Edeka-Märkten in der Stadt, außerdem ist sie Präsidentin des Handels- und Dienstleistungsverbandes Osnabrück-Emsland. Möllenkamp sagt: „Es reicht. Wir haben bisher jede Maßnahme mitgetragen, aber irgendwann muss es auch einmal gut sein.“ Sie berichtet von Kollegen, die sie anriefen und den Tränen nahe seien, weil die Existenz auf dem Spiel stehe. „Ein Juwelier hat mir erzählt, dass er in dieser Woche vier Hochzeitspaare zu Einzelgesprächen in sein Geschäft eingeladen hat“, sagt sie, „nur er, die beiden angehenden Eheleute und 100 Quadratmeter Platz – warum soll das gefährlicher sein, als ein Besuch im Gartencenter oder beim Friseur?“

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Für Möllenkamp steht fest, dass der Einzelhandel keine Schuld am Anstieg der Infektionen hat. „Die Lockerungen gibt es ja erst seit einer Woche“, sagt die Geschäftsfrau. Sie will auch nicht falsch verstanden werden, es gehe ihr nicht um Lockerungen um jeden Preis. „Aber es gibt noch andere Möglichkeiten, als die Geschäfte einfach wieder zu schließen“, sagt sie. Die Händler seien bereit, Geld dafür in die Hand zu nehmen, etwa um Schnelltests zu beschaffen und Kunden zur Verfügung zu stellen. „Ich kann auf meinem Parkplatz sofort eine Teststation errichten lassen“, sagt Möllenkamp.

L+T-Chef Rauschen wäre sofort dabei. „Wir nennen es Test&Shop-Strategie“, sagt er. Wer negativ getestet ist, darf in den Laden. „Das ist eine Lösung, die allemal besser ist, als das, was wir hier zurzeit praktizieren, denn das ist Jo-Jo: zu, auf, wieder zu. Das will keiner. Auch nicht die Politik, glaube ich.“

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