Massentierhaltung Fast tausend Kühe auf einem Hof in Riede

Auf einem Hof in Riede geht die Zahl der Kühe auf die tausend zu. Vor fünf Jahren begann der Megastall mit 400 Tieren, heute sind es bereits 800 – und es sollen noch mehr werden.
20.07.2019, 19:22
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Fast tausend Kühe auf einem Hof in Riede
Von Jürgen Hinrichs

Fünf Jahre her, dass in Riede, einem Dorf zwischen Bremen und Bruchhausen-Vilsen, ein Projekt begann, das großes Aufsehen erregte, eine Mischung aus Argwohn, Widerstand und Bewunderung. Knapp 400 Milchkühe, die von anderen Höfen zusammengezogen wurden und nun an einem Ort standen. Ein neuer Stall auf einem Stück Land, das vorher Acker war. Ein Megastall, wie ihn die Region noch nicht gesehen hat.

Heute sind es 800 Kühe, das Doppelte, und noch ist kein Ende erreicht. Es könnten in den nächsten zwei oder drei Jahren 1000 Tiere sein, später vielleicht noch mehr. Kühe, die in Massen gehalten werden. Die jeden Tag eine gigantische Menge Milch liefern, aktuell sind es 25:000 Liter. Dumm nur, dass es keine Pipeline gibt, eine Leitung zur Molkerei. Das wär’s noch, die Milch direkt aus dem Euter.

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Kai Glander ist der Chef auf dem Hof. Seine Eltern sind Gesellschafter und übernehmen auf den anderen drei Höfen der Familie Aufgaben wie die Aufzucht der rund 700 Jungrinder. Insgesamt sind es also nicht 800, sondern 1500 Tiere, die zu dem Unternehmen gehören. Millionen, die investiert werden, auch in die Digitaltechnik, mit der die Kühe gläsern werden und die Produktion insgesamt wie ein Automat funktioniert.

So ist das in Riede, und Glander, ein junger Mann, 31 Jahre, schaut erst ungläubig und schüttelt dann mit dem Kopf. „Das mache ich nicht“, sagt er, als der Fotograf ihn um eine Pose bittet: „Können Sie für’s Foto eine Mistgabel in die Hand nehmen?“ Absurd, da hat Glander recht. Ein Bauer aus dem Bilderbuch ist er schon lange nicht mehr.

Preis für einen Liter Rohmilch ist entscheidend

Der Mann muss rechnen, seine Bank muss es auch. So viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Der erste und entscheidende ist der Preis für den Liter Rohmilch. Zurzeit liegt er bei 32,5 Cent, das ist so mittel, sagt Glander, damit kann er zwar leben, aber keine großen Sprünge machen. Ein Jahr bevor der Landwirt mit dem neuen Hof anfing, gab es mit 39 Cent ein Rekordhoch. Danach sackte der Preis dramatisch ab und war zuletzt fast im freien Fall: 21 Cent, eine Katastrophe für die Erzeuger, existenzgefährdend. Vor drei Jahren war das, seitdem geht es wieder aufwärts.

Eine andere Größe in der Kalkulation ist das Futter. Glander verfügt über 490 Hektar, auf denen er Mais und Gras erntet. 100 Hektar gehören ihm, der Rest ist Pachtland. Das Problem ist auch in diesem Jahr wieder die Trockenheit. Es wächst nicht genug heran, eine gehörige Portion Futter muss hinzugekauft werden – für teuer Geld, die Situation wird ausgenutzt, normal in einer Marktwirtschaft, die auf Angebot und Nachfrage fußt.

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Mais und Gras, das allein reicht nicht für Kühe, denen Höchstleistungen abverlangt werden. Glander füttert zusätzlich mit einem Mittel, das ihm Beck’s aus Bremen liefert. Der sogenannte Biertreber fällt beim Brauen an, als Rest vom Malz, und ist reich an Eiweiß und Energie. Ein weiterer Kraftspender, den der Landwirt verwendet, ist Luzerneheu, eine Spezialität, die er aus Frankreich bezieht.

Die Kühe werden in Ställen gehalten, die an den Seiten geöffnet sind. So bekommen die Holsteiner Luft und Licht. Wenn es zu warm wird, springen die Ventilatoren an, es gibt auch eine Sprinkleranlage. Der Boden besteht aus Beton, er ist aufgeschlitzt, um die Rutschgefahr zu mindern. Zum Hinlegen sind Boxen da, die mit einem Gemisch aus Mist, Stroh und Kalk einen weicheren Untergrund haben als die Lauffläche, auf der die Tiere sich frei bewegen können. „Das ist wie eine feste Ma­tratze“, erklärt Glander. Gerne genommen werden auch die fest installierten Bürsten, Hautpflege im großen Stil. Kündigt sich ein Kalb an, gehen die Kühe raus aus der Herde und stehen separat, im Stall und außerhalb, auf einer direkt angrenzenden Weide.

Ein Tierarzt gehört zu den Mitarbeitern

Dreimal am Tag ist Melkzeit, fünfeinhalb Stunden, bis die Arbeiter damit durch sind. Glander hat auf seinem Hof elf Angestellte, die sich die Schichten teilen. Der Chef selbst packt auch mit an und sitzt nicht nur am Computer im Büro. Zu den Mitarbeitern gehört ein Tierarzt, das ist günstiger, als immer wieder jemanden zu rufen, wenn eine Kuh krank geworden ist, künstlich besamt wird oder ihr beim Kalben geholfen werden muss.

Die Kuh bringt das Geld, sie ist aber auch ein Kostenfaktor. Sentimentalitäten kann sich Glander nicht leisten, auch wenn er die meisten Tiere immer noch erkennt, am Euter, da hat er einen Blick für. „Wir wissen genau, auf welchem Stand sie sind, was sie kosten und leisten“, sagt der Unternehmer. Die Premiumkühe werden zusammengezogen und bekommen das beste Futter. Eine eigene Liga, Champions.

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Wer nicht mehr so viel Milch gibt oder gar krank wird, steigt aus der Liga ab. Berappeln sich die Tiere nicht wieder, ist es um sie geschehen. Ein Gnadenbrot gibt es nicht. Es geht zum Schlachter, und das ist die letzte Gabe der Kuh für den Landwirt. Sie bringt rund 1000 Euro, wenn ihr Fleisch verarbeitet wird, etwa zehn Prozent dessen, was sie vorher mit der Milch in die Kassen gespült hat. Nach der zweijährigen Aufzucht sind es in der Regel fünf Jahre, in denen die Kuh gemolken wird.

So ein Tier, das frisst und scheidet aus. Wohin mit so viel Gülle? 55 Kubikmeter sind es bei Glander an jedem Tag. Er hat auf dem Betriebsgelände zwei riesige Behälter stehen, die jeweils 6000 Kubikmeter fassen. Demnächst kommt in gleicher Größe ein dritter dazu. Der Gesetzgeber hat die Auflagen verändert und mehr Lagerkapazität vorgeschrieben. Einen Teil der Gülle, gut 60 Prozent, wird der Landwirt auf seinen eigenen Flächen los, den anderen nehmen ihm benachbarte Ackerbauern ab. Während der Wintermonate darf nichts von der Jauche auf den Böden verteilt werden.

Behörden müssen erneute Erweiterung genehmigen

Sollte Glander seine Produktion noch einmal erweitern, benötigt er wieder die Genehmigung der Behörden. Er muss nachweisen, dass er auch mit den zusätzlichen Kühen die Quoten erfüllt. Eine der Vorgaben ist, dass 51 Prozent des Futters für die Tiere aus eigener Produktion stammen. Eine zweite, dass die Gülle zu hundert Prozent verwertet werden kann, ohne dass die Natur Schaden nimmt.

Der Landwirt liefert an die Frischli-Molkerei in Rehburg/Loccum. Dort werden Produkte wie H-Milch, Milchpulver und Sahne hergestellt. Glander ist bei Frischli einer von fast 1300 Erzeugern. Wenn er so weitermacht, stellt er sie alle in den Schatten, dann ist er der größte, der mit der meisten Milch.

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