Plötzlich Risikogebiet

Eindrücke aus dem Corona-Hotspot Delmenhorst

In Delmenhorst ist der Sieben-Tage-Wert höher als in vielen Großstädten. Dabei ist die Stadt nicht für ihr ausschweifendes Nachtleben bekannt. Woher kommen die vielen Infektionen stattdessen? Ein Ortsbesuch.
13.10.2020, 09:47
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Eindrücke aus dem Corona-Hotspot Delmenhorst
Von Nico Schnurr

Am Montagmorgen läuft ein junger Mann, vielleicht Anfang 20, hinter dem Delmenhorster Bahnhof auf und ab. Er trägt Kopfhörer ohne Kabel, die so klein sind, dass es von Weitem wirkt, als würde er mit sich selbst reden, was natürlich Quatsch ist. Der Typ telefoniert, und was er da in seine weißen Stöpsel kräht, sind Sätze, die an diesem Tag so vielleicht nur in Delmenhorst gesprochen werden. „Du wachst auf, und dann einfach bäm, Corona, über 130 Fälle“, schreit der Typ, „was ist falsch mit dieser Stadt?“

Man hätte gerne gewusst, was für eine Antwort der Mann auf seinen Stöpseln im Ohr gehört hat. Vielleicht hat sein Gesprächspartner entgegnet, dass Delmenhorst seit vergangenem Donnerstag Corona-Risikogebiet ist. Mit einem Sieben-Tage-Wert von 135 Fällen auf 100.000 Einwohner führte die Stadt am Sonntag kurz die Statistik im ganzen Land an.

Lesen Sie auch

Es ist natürlich sehr unfair, aber wenn Delmenhorst bundesweit wahrgenommen wird, dann oft weil die Stadt in einem Ranking mal wieder besonders schlecht abgeschnitten hat. Delmenhorst war in den 1990er-Jahren kurz Kriminalitätshauptstadt. Vor ein paar Jahren galt Delmenhorst dann als unbeliebteste Stadt des Landes, weil nirgendwo so wenige Touristen übernachtet hatten.

Dazu die anderen Negativschlagzeilen: Delmenhorst, die Stadt mit dem Wollepark, wo Mieter monatelang ohne Gas und Wasser lebten. Delmenhorst, der Kliniktatort, wo ein Krankenpfleger Dutzende Patienten tötete. Immer Delmenhorst. Und nun, oben drauf, als wäre all das nicht schon schlimm genug: Delmenhorst, der größte Corona-Hotspot in einem Land voller Hotspots. Zumindest für ein paar Stunden. Verständliche Frage also, die der Mann hinterm Bahnhof in seine Kopfhörer gerufen hat: Warum wieder Delmenhorst?

Lesen Sie auch

Der Marktplatz wirkt, als wäre Delmenhorst schon im Lockdown. Nichts los, keiner draußen. Die Plätze unter den Schirmen vor den Restaurants, die sie vor das Rathaus gepflanzt haben, sind leer. Es ist nass, es ist grau, es ist ungemütlich, und für einen Moment glaubt man, dass es schwer werden könnte, in diesem Land einen noch verlasseneren Stadtkern zu finden. Vielleicht liegt es am Wetter. Vielleicht an den hohen Infektionszahlen. Vielleicht aber auch einfach daran, dass man an einem Montag in Delmenhorst ist.

Wenn Politiker zuletzt über Corona sprachen, wenn sie versuchten, den sprunghaften Anstieg der Fälle zu erklären, landeten sie immer wieder bei Großstädten und ihren jungen Bewohnern, von denen es heißt, sie würden feiern, als wäre die Pandemie schon wieder vorbei. Es ging um Partys und illegale Raves, um Sperrstunden und Alkoholverbote. Die Debatte drehte sich so sehr ums Feiern, man hätte fast meinen können, das Virus breite sich nur noch im Nachtleben aus. Delmenhorst beweist das Gegenteil.

Lesen Sie auch

„Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist, und das ist immer Delmenhorst“, singt der Bremer Sven Regener im bekanntesten Song über die Stadt, den man im Jahr des Abstandhaltens natürlich noch mal ein bisschen anders hört. Wenig los in Delmenhorst, das kann von Vorteil sein. Regener wird dabei eher an Schutz vor schlimmem Liebeskummer gedacht haben, nicht an Infektionsschutz, aber lange hat auch das in der Corona-Krise gestimmt. Wenig los, dafür waren die Infektionszahlen niedrig in Delmenhorst.

Am Marktplatz liegt die „Tanzbar“, ein Kellerclub, der letzte der Stadt. Korn-Cola vier Euro, die Getränkeliste ist verblichen. Über den Kasten, in dem die Karte hängt, hat sich eine Staubschicht gelegt. Der Betreiber hat gerade das endgültige Aus verkündet. Der Laden ist seit Monaten dicht. Er wird nicht wieder öffnen. In einem Nachtleben, das es nicht gibt, kann man sich nicht anstecken. In Delmenhorst breitet sich das Virus plötzlich aus, auch ohne Partys.

Lesen Sie auch

Man könne die vielen Fälle nicht auf Feiern zurückführen, heißt es aus dem Rathaus. Die meisten Delmenhorster hätten sich im Familienkreis angesteckt. Helge Schumann, Leiter des Gesundheitsamtes, vermutet, dass der Anstieg auch durch Infektionen von außerhalb der Stadt zunehme. „Delmenhorst ist kein gallisches Dorf“, sagte Schumann dem „NDR“. Mit den Nachbarn Bremen und dem Landkreis Wesermarsch finde „ein vielfältiger Austausch“ statt. Delmenhorst, die Pendlerstadt. Nicht viel los, aber mit dem Zug ist man in zehn Minuten in der Großstadt. Vielleicht war man darüber hier auch schon mal froher.

Ob es nur an den Nachbarn liegt? Die Polizei bezweifelt das. Zweimal in der Woche ist doch Leben auf dem Marktplatz, mittwochs und samstags, dann ist Wochenmarkt in Delmenhorst. Immer wieder hätten sie dort Leute ohne Maske erwischt, sagt die Polizei. Die führt nun Strichlisten über eingeleitete Verfahren gegen Maskenmuffel auf dem Markt. 16. September: neun Verstöße. 30. September: 40 Verstöße. 2. Oktober: 50 Verstöße.

Lesen Sie auch

„Wie kann das sein, in Delmenhorst ist doch nichts los“, sagt Mohamed Hassein, „ich verstehe überhaupt nicht, warum wir Probleme mit Corona haben.“ Hinter Hassein drehen sich zwei Fleischspieße, links Lamm, rechts Hähnchen. Vor ihm schichten sich Zwiebeln und Salat in der Auslage. Hassein, 27, arbeitet im Elvan Grill, einer Dönerbude im Bahnhof, die seit Jahren auch dafür sorgt, dass die Arbeiter am Morgen nach einer Spätschicht nicht auf einen Imbiss verzichten müssen. Um 9 Uhr öffnet der Elvan Grill. Früher, als man in Delmenhorst noch ausgehen konnte, schloss der Laden manchmal erst morgens. Egal was ist, Döner gibt es immer in Delmenhorst.

Selbst im Frühjahr, zu Beginn der Corona-Krise, machte der Elvan Grill nicht dicht, sondern lieferte das Essen aus. „Geht immer irgendwie weiter“, sagt Hassein, „aber seit ein paar Tagen ist es wirklich heftig.“ Im Dönerladen ist es warm, die Luft riecht nach Fett, und alle paar Minuten vibriert die Decke. Wenn oben die Züge über die Schienen brettern, wummert es in dem Laden so laut, dass Hassein seine Sätze unterbrechen muss.

Lesen Sie auch

„Seit Freitag ist nichts mehr los“, sagt er, „die Schulen sind dicht, der Bahnhof ist leer, zu uns kommt kaum noch einer.“ Seit Corona würden sie nur noch halb so viel Zwiebeln und Salat für die Auslage vorbereiten, doch selbst die kleineren Mengen bekämen sie nun nicht mehr verkauft. „Die Leute wollen hier gerade nicht mal mehr Döner“, spricht Hassein mit lauter Stimme gegen das Wummern im Raum an, „die bleiben jetzt alle zu Hause.“ Weil das so ist, haben sie in einem Reisebüro in der Delmenhorster Innenstadt gerade besonders viel zu tun.

Die drei Frauen, die hinter Plexiglasscheiben an ihren Schreibtischen sitzen, sind noch in Kurzarbeit, aber eigentlich müssten sie in Vollzeit schuften, um alle Anrufe und Mails der Hotels zu beantworten. Gäste aus Delmenhorst? Tut uns leid, müssen wir stornieren. So gehe das hier seit Tagen, erzählen die Frauen. Irgendwie blöd gelaufen. Sie hatten ihren Kunden doch extra empfohlen, die Sommerreisen auf die Balearen umzubuchen, zu unsicher, Risikogebiet. Ein Herbsturlaub in Deutschland sei die sicherste Lösung, so hatten es sie den Kunden empfohlen. Aber da konnten sie ja nicht ahnen, wie sich die Dinge entwickeln würden. Jetzt sitzen sie in einem Reisebüro, das in einem Risikogebiet liegt, und sie fragen sich, warum es mal wieder Delmenhorst treffen musste.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+