Werder Bremen gegen den HSV

Erstmals in 2. Bundesliga: Das Nordderby betritt Neuland

Am Sonnabend empfängt der SV Werder den Hamburger SV zum Nordderby. Das Duell der Nordrivalen hat nicht nur Premierencharakter, weil es erstmals in der zweiten Liga gegeneinander geht.
13.09.2021, 18:56
Lesedauer: 4 Min
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Von Daniel Cottäus Carsten Sander
Erstmals in 2. Bundesliga: Das Nordderby betritt Neuland

Werder empfängt am Samstag den HSV - erstmals in der 2. Liga. Auch diesmal wird aber ein großes Polizeiaufgebot vor Ort sein.

Carmen Jaspersen /dpa

Es ist die bereits 137. Auflage, gewissermaßen also ein alter Hut. Doch wenn der SV Werder den Hamburger SV am Samstag (20.30 Uhr) zum ersten Nordderby seit dreieinhalb Jahren empfängt, dann steht zwar „Klassiker“ auf der Verpackung, der Inhalt ist aber brandneu – und das nicht nur, weil sich die beiden Rivalen das erste Mal überhaupt in der 2. Liga treffen. Sondern auch, weil es ein Spiel der Nordderby-Novizen wird.

In beiden Kadern steht kaum noch ein Akteur, der in seiner Karriere bereits einmal teil hatte an einem Duell zwischen Werder und dem HSV. Bei den Bremern sind es Milos Veljkovic (vier Einsätze) und Jiri Pavlenka (zwei Partien) sowie Niclas Füllkrug (mit einem neun Jahre zurückliegenden Zehn-Minuten-Einsatz), die schon mal Derby-Luft geatmet haben. Beim HSV ist Bakery Jatta der einzige Profi mit Vorerfahrungen in den immer brisanten Nordduellen. Zweimal war er dabei. Und sonst? Niemand dabei, der weiß, welche emotionale Wucht am Samstag auf ihn zukommt, welch die Dimensionen des Normalen sprengende Bedeutung das Spiel besitzt. Nachhilfe gibt es von einem Trio, das 2004 gemeinsam das Double gewann und sich bestens auskennt mit den Besonderheiten eines Nordderbys. Ivan Klasnic, Ailton und Fabian Ernst haben das Nordderby vorwiegend als Werder-Profis erlebt, kennen aber auch die Gegenperspektive.

Eines sollte dabei gleich vorweggeschickt werden – und das auch nur, damit es noch mal gesagt ist: „Nordderby ist einfach das Geilste!“ Meint Ailton. Und dabei interessiert es ihn auch nicht, ob es in der 1., 2. oder 3. Liga ausgetragen wird: „Derby ist immer Derby – eines der absoluten Top-Spiele in Deutschland.“ Dessen sollten sich auch die 22 Akteure bewusst sein, die am Samstag ins Wohninvest-Weserstadion einlaufen. Dann stehen sie formal zwar vor einem Zweitliga-Spiel, aber die Aufmerksamkeit, die die Partie auf sich zieht, hat absolutes Erstliga-Niveau. Ernst, der sieben Nordderbys im Werder-Trikot und zwei im HSV-Dress bestritten hat, will deshalb auch keinen Unterschied zwischen früheren Werder-HSV-Duellen und der aktuellen Partie machen: „Für die Fans ist dieses Spiel immens wichtig – und für die Stimmung innerhalb einer Mannschaft auch, weil dir niemand mehr das Gefühl eines Derbysiegs nehmen kann.“

„Ein früher Gradmesser“ sei die Partie, so Ernst, der mit dieser Aussage natürlich auf die Tabelle abzielt, in der der HSV zwei Punkte hinter dem Tabellendritten aus Bremen liegt. Klasnic hat das auch im Blick, sagt: „Beide müssen gewinnen, um oben dran zu bleiben.“ Der HSV noch ein bisschen mehr als die Bremer, die im Optimalfall mit einem Sieg sogar auf Platz eins springen können. Nach den 3:0-Erfolgen über die Aufsteiger Hansa Rostock und FC Ingolstadt wird das Spiel gegen den Nachbarn aber zum richtigen Härtetest, so Ailton: „Jetzt muss Werder Bremen zeigen, welches Potenzial die Mannschaft wirklich hat.“

Aber das sind Ausgangslagen, wie sie vor jedem anderen siebten Spieltag und jedem anderen Duell zwischen einem x-beliebigen Tabellendritten und einem x-beliebigen Tabellenneunten auch gelten können. Wenn Werder und der HSV gegeneinander spielen, dann geht es laut Klasnic aber „auch um den kleinen Titel, wer der König ist im Norden“.

Klasnic wollte immer der mit der Krone sein. Als Hamburger bestritt er 14 Nordderbys – allerdings alle für Werder. „Mein Herz war und ist grün-weiß“, sagt der einstige Torjäger und schwört seine Nachfolger auf den Samstagabend ein: „Auch wenn du Freunde im Team des Hamburger SV hast: Im Spiel ist es 90 Minuten Feindschaft. Dennoch musst du auf dem Platz immer deine Emotionen unter Kontrolle behalten.“

Klasnic hat von seinen 14 Nordderbys nur zwei verloren. Ailton, im Double-Team von 2004 Klasnics Sturmpartner, kommt auf elf Teilnahmen, jedoch nur zehn als Werder-Profi. Das elfte Duell war das, das ihm immer nachhängen wird. Jedenfalls in Hamburg. Es war der 13. Mai 2006, letzter Spieltag der Saison und der HSV mit Ailton im Team hätte gegen Werder mit einem Unentschieden die direkte Champions-League-Qualifikation klarmachen können. Beim Stand von 1:1 verfehlte Ailton jedoch das leere Bremer Tor. Am Ende gewann Werder mit 2:1 und stand seinerseits in der Königsklasse. Aus dem, was danach auf ihn einprasselte an Häme und Kritik, hat der Brasilianer eine Nordderby-Lehre gezogen, die er gerne an die Novizen, vor allem an die Stürmer unter ihnen, weitergibt: „Wenn du im Nordderby eine Chance hast, musst du sie auch nutzen. Es kommt keine zweite, dritte oder vierte. Wenn du triffst, bist du der Held, wenn nicht, bist du der Idiot.“ Immerhin: Auch über den Umweg Qualifikation schaffte es der HSV damals in die Gruppenphase der Champions League.

Der Ailton-Fehlschuss ist eine dieser zahlreichen Anekdoten aus 136 Nordderbys und der Glanz dieser Zeit ist längst verblasst, bei beiden Teams. Was aber nicht heißt, dass der Lack ab ist beim Nordderby. Für Ivan Klasnic ist es weiterhin „ein Highlight, auf das die Fans jetzt schon viel zu lange warten mussten“. Ailton weiß, dass es ihm bis Samstag so gehen wird wie früher vor den Nordderbys: „Ich habe dann immer schlecht geschlafen. Die Rivalität war unglaublich.“ Und Fabian Ernst lässt alle Neulinge – egal, ob auf Bremer oder Hamburger Seite – wissen: „Als junger Spieler oder Nordderby-Debütant kannst du die Bedeutung dieser Partie zunächst gar nicht richtig einschätzen. Das kommt erst später.“ Nach einem umjubelten Sieg zum Beispiel. Oder eben nach einer deprimierenden Niederlage. 

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