Ex-Werder-Stürmer Wie Josh Sargent mit Verspätung sein Glück gefunden hat

Ereignisreiche Jahre liegen hinter Ex-Werder-Stürmer Josh Sargent. Nun ist er für die USA bei der WM am Ball - und scheint endlich sein Glück gefunden zu haben.
24.11.2022, 18:11
Lesedauer: 4 Min
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Wie Josh Sargent mit Verspätung sein Glück gefunden hat
Von Malte Bürger

Josh Sargent verstummt für einen Moment, ein riesiges Lächeln ist in seinem Gesicht zu sehen. Aber nur kurz, denn wenige Augenblicke später lässt der frühere Stürmer des SV Werder Bremen seinen Oberkörper nach hinten fallen, zieht sein T-Shirt über den Kopf und versucht auf der Matratze seines Bettes irgendwie zu verstehen, was ihm da gerade passiert ist. Denn Sekunden vor dem berauschenden Gefühlschaos hat Sargent einen Anruf von Gregg Berhalter bekommen. Der ist Nationaltrainer der USA und hat dem Angreifer soeben vor laufender Kamera mitgeteilt, dass er bei der Weltmeisterschaft in Katar dabei ist. Die Erfüllung eines ganz großen Traumes. Der emotionale Clip wurde zigfach in den sozialen Medien geteilt – und ist der beste Beweis dafür, dass Josh Sargent gerade so richtig glücklich mit seinem Leben ist.

Ereignisreiche Jahre liegen hinter dem Rotschopf. So ereignisreich, dass sich sein aktueller Verein, der englische Zweitligist Norwich City, dazu entschieden hat, dem 22-Jährigen eine Dokumentation zu widmen. Eine echte Hochglanzproduktion, nicht nur ein paar lieblos aneinandergereihte Videoschnipsel. Fast 75 Minuten ist das Werk lang, frühere Wegbegleiter, Familienmitglieder, Sargent selbst und mehrere Journalisten kommen zu Wort. Auch unsere Deichstube ist vertreten. „Resilient“ lautet der Titel der Doku, die bei Youtube zu finden ist, und gibt äußerst treffend vor, was den Zuschauer erwartet: einen Spieler, der immer wieder Widerstände aushalten und überwinden musste.

So wie damals, als Sargent als Teenager über den großen Teich hinweg an die Weser kam. „Ich erinnere mich noch an die ersten zwei, drei Wochen und dass ich zu Hause weinend angerufen und gesagt habe, dass ich es vermasselt habe“, erzählt der Offensivmann. „Die Deutschen waren nicht unbedingt die freundlichsten Typen auf dem Trainingsplatz. Es wurde viel geschrien und wahrscheinlich haben sie damals gedacht, dass da jetzt dieser junge Amerikaner kommt, der meint, das nächste große Ding zu sein.“ Hinzu kamen weitere Probleme. Sargent sprach die Sprache der Menschen um ihn herum nicht, war erstmals so weit weg von zu Hause. Nicht für ein bisschen Urlaub, sondern um die eigene Karriere in Schwung zu bringen. „Ich saß in meinem Zimmer, habe viele Netflix-Serien geschaut und versucht, alles um mich herum zu vergessen“, gesteht Sargent. Auch Werders früherer Kaderplaner Tim Steidten erinnert sich schmunzelnd noch gut an die schwierige Eingewöhnungszeit: „In den ersten Wochen hat er mich fast jeden Tag angerufen und gefragt, wo der nächste Supermarkt ist oder wo er eine Pizza bestellen kann.“

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Auch sportlich gab es Hürden. Josh Sargent war 17 Jahre alt, der erste Profivertrag noch etwas entfernt. So kickte er in Bremen nur bei Übungseinheiten, mehr als ein paar harmlose Testauftritte waren noch nicht drin. „Ich durfte für fünf harte Monate nur trainieren und mich nicht in Spielen beweisen. Aber sich dort zu beweisen und Tore zu erzielen, ist das Beste, um sich den Respekt der anderen Jungs zu verdienen“, betont Sargent. „Es war eine seltsame Situation, aber nach ein, zwei Monaten bin ich zurechtgekommen.“

Und wie. Im Februar 2018 unterzeichnete er seinen Profivertrag in Bremen, im Sommer wurde Sargent vom damaligen Coach Florian Kohfeldt endgültig zum Bundesligateam beordert. Zunächst gab es zwar noch ein paar Einsätze bei der U23, doch spätestens nach dem 7. Dezember 2018 wussten alle Werder-Fans, wer der neue junge Stürmer denn war. Sargent debütierte im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf und erzielte nur kurz nach seiner Einwechslung mit seinem allerersten Ballkontakt den 3:1-Endstand. „In der Nacht danach konnte ich mich an nichts anderes von dem Spiel erinnern. Das war das verrückteste Gefühl aller Zeiten“, sagt Sargent noch heute.

Die weitere Entwicklung war dennoch steinig. Werder strauchelte in der Liga, kämpfte mehr und mehr gegen den Abstieg. Ein zwar lehrreiches, aber auch unruhiges Umfeld, um als junger Spieler zu reifen. Sargent arbeitete viel, wurde jedoch nicht immer auf seiner Lieblingsposition im Zentrum eingesetzt und traf obendrein nicht so häufig. „Es war für uns alle schwierig, aber ganz speziell auch für Josh“, meint Clemens Fritz als Werders Leiter Profifußball rückblickend. „Du konntest ihm ansehen, dass er über alles nachgedacht hat, was er besser machen kann, was im letzten Spiel passiert ist.“ Den Gang in die Zweitklassigkeit verhinderte das nicht, der Sommer 2021 wurde zur Zäsur. Für den Verein. Für Josh Sargent.

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„Ich war und bin noch immer jung. Ich wusste, dass es jetzt auch nicht die schlimmste Sache auf der Welt wäre, in der 2. Bundesliga zu spielen“, erklärt Sargent, „denn ich war mir bewusst, dass ich wichtige Erfahrungen hätte sammeln und viel Spielzeit bekommen können. Aber natürlich war ich auch offen für eine Veränderung.“ Und die kam. „Zum Glück hat Norwich sich gemeldet.“ Und wieder huscht Sargent ein Lächeln über das Gesicht.

Doch anfangs lief es auch dort nicht rund. Neben Sargent war Milot Rashica von Werder nach Norwich gegangen. 20 Millionen Euro hatte sich der Club den Doppel-Transfer kosten lassen. Der sportliche Erfolg blieb überschau, Sargent erlebte den zweiten Abstieg in Folge. Anders als Rashica, der inzwischen zu Galatasaray Istanbul gewechselt ist, blieb der US-Amerikaner und blühte eine Etage tiefer so richtig auf. Neun Treffer hat Sargent in 19 Partien markiert, avancierte zum Publikumsliebling und liegt mit seiner Mannschaft aktuell auf Tabellenplatz vier. „Meiner Meinung nach habe ich mehr als genug bewiesen, dass ich in diese Mannschaft gehöre“, hatte der Angreifer, der im Januar erstmals Vater geworden ist, noch kurz vor seiner WM-Nominierung selbstbewusst festgehalten. „Im Moment ist das die größte Sache für mich. Ich weiß, dass ich noch jung bin, aber ich will unbedingt in diese Mannschaft und bei der Weltmeisterschaft dabei sein.“ Nur gut, dass wenig später tatsächlich der Anruf von Gregg Berhalter kam. Auch der ist jetzt in der Dokumentation zu sehen.

Am nächsten Kapitel schreibt Josh Sargent bereits. Direkt beim ersten Gruppenspiel der USA gegen Wales (1:1) stand der Ex-Bremer tatsächlich in der Startelf, erstmals seit einem Qualifikationsspiel im September 2021 in Honduras. Beinahe hätte Sargent sogar getroffen. Womöglich gibt es am Freitag die nächste Chance dazu, dann geht es für ihn und sein Team gegen England (20 Uhr). Auch am Osterdeich werden sie dann wieder ganz genau hinschauen, was er zeigt, der ehemalige Profi des SV Werder. Dort, wo er einst viele Widerstände überwinden musste. Und das Lachen trotzdem nicht verloren hat.

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