Serie: 9 Arten, den Freimarkt zu erleben Auf Freimarkt-Streife mit der Polizei: "Immer wissen, wo Stress ist"

Der Freimarkt bedeutet für die Polizei Bremen zwei Wochen Ausnahmezustand. Wir haben eine Streife begleitet. Eine Geschichte über widerspenstige Jugendliche, Selfie-wütige Besucher und die Lust auf gebrannte Mandeln.
19.10.2017, 10:41
Lesedauer: 6 Min
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Auf Freimarkt-Streife mit der Polizei:
Von Alice Echtermann

Sie sind immer da. Manche fallen sofort auf, in Uniform und gelber Warnweste. Andere verschmelzen unauffällig mit der Menge, sehen aus wie Besucher und schlendern entspannt zwischen den Buden umher. Im dritten Teil der Freimarkt-Serie des WESER-KURIER gehen wir auf Streife mit zwei Kollegen von der Polizei Bremen. Und erleben, dass es auch an einem ruhigen Wochentag ganz schnell zur Sache gehen kann.

17.10 Uhr: Freimarkt-Wache in der Stadthalle

Sie stehen mit Mütze und Funkgerät im Eingangsbereich der Freimarkt-Wache. Die Luft im Büro riecht nach Essen, es ist ein bisschen stickig. Die beiden beginnen ihren Streifendienst auf dem Freimarkt immer mit einem Besuch am Wachtresen, mit der Frage an die Kollegen, ob sie gerade irgendwo speziell gebraucht werden. Doch im Moment ist alles ruhig. Es ist ein Nachmittag in der Woche, kein Tag, an dem viel Ärger zu erwarten ist. Am Wochenende feiern die Leute härter, trinken mehr Alkohol.

17.15 Uhr: Freimarkt-Gelände

Polizist A.: "Wir gehen immer entgegen der Laufrichtung, damit wir möglichst viele Leute sehen. Ansonsten würden wir uns immer im selben Pulk bewegen." Er und seine Kollegin laufen entspannt nebeneinander her, er rechts, sie links. Landen sie aus Versehen mal in anderer Konstellation, wechseln sie schnell wieder die Position und lachen. Es ist ein bisschen wie ein Tanz, den die beiden aufführen.

A.: "Wir müssen immer so laufen, weil wir die Ohrstecker auf unterschiedlichen Seiten haben."

Sie halten Ausschau nach Jugendlichen, die rauchen, oder nach Verstößen gegen das Glasflaschenverbot. Viele Besucher kaufen Bier an einem Stand und laufen damit los; dass das auch verboten sei, wüssten viele nicht, erklärt A. Auch Rosenverkäufer oder Junggesellenabschiede hat die Polizei im Blick.

A.: "Bei den Junggesellenabschieden tut es mir auch im Herzen weh, weil ich weiß, dass die einfach nur einen lustigen Abend haben wollen. Aber das geht halt nicht, dass sie hier Sachen verkaufen."

17.30 Uhr: Ein Herz für die Polizei

Gleich von zwei Seiten werden sie angesprochen. Eine ältere Frau zeigt ihnen ein Lebkuchenherz in einer Schachtel. "Für unsere Polizei" steht darauf; sie hat es für die Wache in ihrem Stadtteil gekauft.

Während sie dort stehen spricht eine zweite Frau die Polizisten an. Sie drückt André ihren halb gegessenen Maiskolben in die Hand und will ein Foto mit ihm und Bente machen. Die beiden lehnen ab.

A.: "Die Leute empfinden es als selbstverständlich, uns zu fotografieren..."

B.: "...oder uns anzufassen."

A.: "Ich finde es schade, dass man gar nicht mehr gefragt wird."

Den beiden ist bewusst, dass ihre Uniform polarisiert, sagen sie. An diesem Nachmittag reagieren die meisten Besucher sehr positiv auf die Polizisten. Vor allem kleine Kinder winken ihnen zu und strahlen, wenn sie angesprochen werden. Überall auf dem Weg treffen sie Bekannte. Oft sind es Kollegen.

A.: "In 30 bis 60 Sekunden ist hier normalerweise Verstärkung da. Wir sind so viele, auch Zivilkräfte - da hinten sind auch schon wieder zwei."

Der Freimarkt bedeutet für die Polizei Ausnahmezustand. Von den 17 Tagen haben die Beamten drei bis vier Tage frei. Manchmal werden auch unter der Woche Fälle bis spät in die Nacht bearbeitet und Berichte geschrieben. "Die zwei Wochen lebt man für den Freimarkt", sagt A. Ob er dann privat auch noch Lust hat, hierher zu kommen? Er lacht: "Ja, ich bin unersättlich!" Bente kann aber auch verstehen, wenn manche Kollegen keine Lust mehr auf den Freimarkt haben: "Manchmal will man auch einen oder zwei Tage Ruhe."

17.45 Uhr: Bayernzelt

An diesem Nachmittag ist das Bayernzelt spärlich besucht. Doch am Wochenende hat die Polizei hier am meisten zu tun.

A.: "Oft sind es Kleinigkeiten, die zu Streit führen. Der eine hat dem anderen das Bier übergeschüttet, der reagiert und die Security schmeißt beide raus. Dann geht es draußen weiter und wir müssen eingreifen. Es ist oft viel Geduld, Ruhe und Empathie nötig, um herauszufinden, was los war. Weil die Leute eben meistens sehr betrunken sind."

18 Uhr: Lust auf gebrannte Mandeln

Überall riecht es verführerisch nach Zucker oder Gebratenem. Wenn sie dürften, was würden die beiden jetzt essen?

A. (mit einem sehnsüchtigen Blick): "Gebrannte Mandeln. Mein absoluter Schwachpunkt."

B.: "Eine Bratwurst. Ich bin mehr für das Herzhafte."

A.: "Aber dazu kommt man nicht. Ist vielleicht auch besser für die Linie."

18.10 Uhr: Autoscooter "Top In"

Laute Musik dröhnt aus den Boxen. Sie drehen eine Runde um die Fläche, auf der die Autos ihre Runde drehen. Die Sicht ist schlecht, buntes Licht flackert durch die Schwaden aus der Nebelmaschine. Auf den Metallgeländern hocken Jugendliche, manche grüßen die Polizisten.

Plötzlich beschleunigen die beiden ihren Schritt und sprechen zwei Jungen an, die auf einer Bank sitzen. Die beiden müssen mitkommen, raus an die Seite. Taschen leeren. Kleingeld, Kaugummi, Feuerzeug und Tabakpäckchen landen auf dem Kopfsteinpflaster.

A.: "Der eine ist gleich losgeflitzt, als er uns gesehen hat. Ich dachte, er wollte seinem Freund schnell seine Kippen geben. Und siehe da, er hat Tabak dabei."

Die Jungen sind noch minderjährig. Die Polizisten nehmen ihre Personalien auf, doch einer von ihnen hat keinen Ausweis dabei und kann auch nicht genau sagen, wo er wohnt. Eine Unterkunft für Jugendliche sei es, er sei erst vor Kurzen dahin verlegt worden. Sie nehmen ihn mit zur Wache, nehmen seine Fingerabdrücke ab.

A.: "Weißt du, was passiert, wenn man so früh raucht? Dann wächst man nicht mehr. Geh zu deinem Kumpel und dann schnell nach Hause. Ist schon spät." Der 14-Jährige darf zurück zu seinen Freunden auf dem Freimarkt, doch seinen Tabak behalten sie auf der Wache. Wenn die Betreuerin des Jungen das Päckchen nicht bis zum Ende des Freimarkts abholt, wird es vernichtet.

18.45 Uhr: Ausgang Findorffstraße

Ein Security-Mann hat etwas gesehen. Eine Gruppe Jugendlicher, die Streit hatten. Sie rennen los, weg von den Lichtern des Freimarkts. Auf der anderen Straßenseite haben sich etwa zehn Jungen versammelt, sie stehen dicht beieinander. "Polizei", ruft A. "Was ist hier los?" Einer der Jugendlichen deutet auf einen Jungen im blauen Pullover. Der habe ihn abstechen wollen. Er habe gesagt, er habe ein Messer.

A. spricht schnell in sein Funkgerät. Innerhalb weniger Minuten stehen zehn Polizisten in Uniform oder zivil bei der Gruppe. Schnell stellt sich heraus, dass das Messer nicht existiert. Der Junge im blauen Pullover nimmt die Situation nicht ernst, er lacht immer wieder, albert herum. "Du kannst aufhören zu lachen, so witzig ist das nicht", sagt A. "Woher wisst ihr immer, wenn Stress ist?", fragt ein anderer Jugendlicher. Es scheint ihn wirklich zu interessieren.

A.: "Wie so oft, man kann nicht ganz aufdröseln, was passiert ist. Der eine hat sich wohl aufgespielt. Jetzt nehmen wir ihn mit und rufen einen Erziehungsberechtigten an." (Er schüttelt den Kopf.) "Also ich bin mit 14 nicht durch die Gegend gelaufen und habe erzählt, ich hätte ein Messer."

Zu der Gruppe Jugendlicher sagt er: "Das hier ist ein Volksfest, da hat man sich zu benehmen. Den Rest von euch will ich hier heute nicht mehr sehen."

19.30 Uhr: Freimarkt-Wache

Zusammengesunken sitzt der Junge auf der Bank vor dem Wachtresen. A. setzt sich neben ihn.

A.: "Warum sagst du, du hast ein Messer?"

Junge: "Weiß nicht, ist einfach rausgekommen."

A.: "Das ist doch scheiße. Bist du im Sportverein?" Früher habe er Fußball gespielt, sagt der Junge. Jetzt nicht mehr, wegen Knieschmerzen. "Dann mach doch was anderes", sagt A. "Wär doch gut. Man unternimmt was und kommt nicht auf so blöde Ideen."

B. kommt rein. "Ich habe seinen Vater erreicht, der arbeitet und kann ihn nicht abholen."

Junge: "Wie? Der lügt." Er habe noch einen Onkel, kenne aber die Nummer nicht.

B. geht wieder telefonieren. A. schließt die Tür zum Eingangsbereich. "Schon traurig, wenn den keiner abholen will."

Schließlich erreicht B. den Onkel des Jungen, der ihn abholen kommen will. Die beiden Polizisten setzen ihre Streife auf dem Freimarkt fort - der Abend ist noch lang. Als sie die Treppe hinuntergehen, ruft der Junge ihnen von seiner Bank hinterher: "Viel Spaß!"

9 Arten, den Freimarkt zu erleben

Für diese Serie begleitet der WESER-KURIER ganz unterschiedliche Menschen bei ihrem Besuch des Bremer Freimarkts. Wie erlebt ihn ein Sanitäter, wie eine Mutter mit ihrem Kind, ein Mitarbeiter eines Fahrgeschäfts oder jemand mit Handicap? In diesen zwei Wochen sehen wir den Freimarkt durch ihre Augen.

Teil 1: Frösche und saure Gurken: Mit dem TuS Huchting beim Eröffnungstag

Teil 2: Autoscooter - Nebel, Sprüche und ganz viel Coolness

Teil 4: Pflaster und Helene Fischer: Mit den Johannitern beim Frühschoppen

Teil 5: Mutter-Tochter-Besuch: Nichts geht über Schmalzkuchen

Teil 6: Lichter, Musik, Gerüche: So erlebt eine blinde Frau den Freimarkt

Teil 7: Mit dem Rollstuhl im Riesenrad

Teil 8: Höher, schneller, weiter: Drei Flüchtlinge erkunden den Freimarkt

Teil 9: Seniorenheim: "Wir machen unseren eigenen Freimarkt"

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