9 Arten, den Freimarkt zu erleben Seniorenheim: "Wir machen unseren eigenen Freimarkt"

Ein Besuch auf dem Freimarkt auf der Bürgerweide ist für viele ältere Menschen körperlich nicht möglich. Deshalb organisiert ein Bremer Seniorenwohnheim für seine Bewohner ein eigenes Volksfest.
29.10.2017, 15:00
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Von Alice Echtermann

Es riecht nach frischen Waffeln, Menschen schunkeln zu Schlagermusik, und vorm Dosenwerfen bildet sich eine Schlange. Es ist voll und laut. Kurz: Es ist wie auf dem Freimarkt – und doch ganz anders. Das Seniorenheim Blumenkamp der Bremer Heimstiftung in Bremen-Nord organisiert für seine Bewohner einen eigenen Freimarkt. Wie lange es diese Tradition schon gibt, wissen die Mitarbeiter selbst nicht genau; es müssen gut 30 Jahre sein. Für den neunten und letzten Teil der Freimarkt-Serie des WESER-KURIER haben wir Henri Henke (87) und Frieda Blanke (83) begleitet.

15.30 Uhr: Stiftungsdorf Blumenkamp

Bei der Ankunft sucht man den Freimarkt zunächst vergeblich. Wo sind denn Buden und Musik? Zwischen den Häusern und hohen Bäumen des Stiftungsdorfes am Rande von Knoops Park herrscht Stille. Der Freimarkt beginnt hinter den Türen zum Hauptgebäude, und er erinnert an eine Geburtstagsparty: Bunte Girlanden durchziehen die Flure, an denen links und rechts hölzerne Buden aufgebaut sind. Die haben Sozialdienstleiterin Linda Pitzschler und der Hausmeister am Morgen aufgestellt.

Ein Besuch auf dem richtigen Freimarkt wäre für die meisten Bewohner nicht mehr möglich, sagt Linda Pitzschler. Das Kopfsteinpflaster sei ein großes Hindernis, und bei vielen Menschen mit Demenz käme die Orientierungslosigkeit hinzu.

Seit Jahren gibt es beim Blumenkamp-Freimarkt das gleiche Programm, es ist eine feste Tradition: Dosenwerfen, Tombola, Entenangeln, Glücksrad, Luftballon-Darts. Dazu gibt es Live-Musik, Waffeln, Fischbrötchen und gebrannte Mandeln. Schon wenige Minuten nach der Eröffnung ist das Gedränge groß; an den Kreuzungen der Gänge bilden sich Staus aus Rollstühlen und Rollatoren.

15.40 Uhr: Dosen werfen

Henri Henke schiebt seinen Rollator langsam, aber bestimmt vorwärts. Er versucht sein Glück zuerst beim Dosenwerfen. Seit etwa zwei Jahren wohnt der 87-Jährige im Stiftungsdorf Blumenkamp, an den Freimarkt im vergangenen Jahr kann er sich aber nicht mehr richtig erinnern. An seiner Seite ist Betreuerin Renate Petzold; sie hilft ihm und leistet ihm Gesellschaft bei seinem Bummel über diesen besonderen Freimarkt.

Der Trubel gefällt Henke sichtlich, immer wieder erhellt ein Lächeln sein Gesicht. Um seinen Hals hängt wie bei allen Bewohnern ein Lebkuchenherz mit einem Bummelpass, einem Kärtchen, auf dem die bereits besuchten Buden angekreuzt werden. "Du bist der Hammer", steht auf Henkes Herz.

Henke: "Es wird immer gesagt, die Alten werden vergessen. Aber das ist nicht immer so."

Er wartet geduldig, bis er beim Dosenwerfen an der Reihe ist. Beim zweiten Versuch fallen drei Dosen scheppernd zu Boden. Henke sackt seinen Gewinn ein und marschiert sofort weiter zum Glücksrad.

Auch Frieda Blanke und ihre Tochter Bärbel Sieler haben schon einige Buden auf dem Bummelpass angehakt. Ein Fischbrötchen hatte die 83-Jährige schon, auch wenn sie es nicht ganz aufessen konnte. Ihre Tochter hatte Waffeln mit heißen Kirschen und Sahne.

Frieda Blanke stammt aus Bremen. Auf dem Freimarkt liebte sie die gebrannten Mandeln und Schmalzkuchen, und als Jugendliche auch die Fahrgeschäfte, die Wilde Maus oder das Kettenkarussell. Für sie ist es der erste Freimarkt im Stiftungsdorf Blumenkamp. Wie lange sie hier schon wohnt? "Schon immer", sagt sie. Bärbel Sieler schüttelt den Kopf: "Seit drei Monaten."

Fäden ziehen und das Glücksrad stehen noch auf dem Programm. "Denn mok wi dat", sagt Frieda Blanke.

16 Uhr: Tombola

Hausleiterin Meike Fiorucci steht mit einem Korb mit Losen beim Eingangsbereich. Die Preise haben zahlreiche Sponsoren der Bremer Heimstifung gespendet. Jeder Bewohner darf drei Lose ziehen. Henri Henke hat Glück; er hat gleich zwei Gewinne.

Von einem großen Regal, vollgepackt mit Geschenken, Kosmetik, Schokolade und Kuscheltieren, bekommt er eine Creme, einen Thermo-Kaffeebecher und ein Puzzle mit 1000 Teilen. Ist das was für ihn?

Henke: "Oh ja, Puzzle und Sudoku. Da bin ich richtig süchtig nach. Aber sonst habe ich eher Puzzle mit 2000 Steinen."

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Henri Henke und seine Betreuerin Renate Petzold verstehen sich gut, sie necken sich oft gegenseitig und scheinen ein eingespieltes Team zu sein.

Henke: "Sie ist das Mädchen für alles hier."

Petzold (lacht): "Und für Blödsinn, nicht wahr? Ich stifte die Bewohner immer zu Unsinn an."

Henke kommt ursprünglich aus Niedersachsen, aus Sulingen. Er habe bei der Post am Hauptbahnhof gearbeitet, erzählt er. 29 Jahre lang war er Briefträger in Walle. Stolz schwingt in seiner Stimme mit, als er das sagt. Den Freimarkt auf der Bürgerweide habe er früher oft besucht, vor allem wegen der Kinder. Er hat eine Tochter und zwei Enkelkinder.

Henke: "Ich hatte immer meine bestimmten Stellen, wo ich hingegangen bin. Fischbrötchen essen, und Eis. Wir hatten auch nicht so viel Geld." Ja, der Freimarkt sei teuer, aber "man muss das immer von zwei Seiten betrachten. So ein Karussell kostet ja auch einiges." Seine Frau sei nicht so für den Rummel gewesen, auf dem Freimarkt waren ihr immer zu viele Menschen. Er selbst kam vor allem für das Essen; Achterbahnen seien nie sein Ding gewesen. "Meine Tochter ist da immer rein, mit dem Schwiegersohn. Die mussten ja immer alles mitmachen."

16.10 Uhr: Fäden ziehen

Beim Fäden ziehen hat Henri Henke weniger Glück; er bekommt eine kleine Plastikrose geschenkt. Er ist jetzt in Hochstimmung und schenkt die Blume dem Schlagersänger, der neben einer Frau auf einer Bank sitzt und "Blau, blau, blau blüht der Enzian" singt.

Als nächstes holt sich Henke ein Fischbrötchen und setzt sich in einem ruhigeren Zwischenraum auf seinen Rollator, um zu verschnaufen. Renate Petzold holt für sie zwei Becher Punsch. Er bietet ihr seinen Sitzplatz an, sie winkt ab. Die beiden stoßen an.

Henke: "Danke für deine Begleitung."

Ob er den großen, den richtigen Freimarkt vermisst? "Nein, diese Zeiten sind vorbei."

9 Arten, den Freimarkt zu erleben

Für diese Serie begleitet der WESER-KURIER ganz unterschiedliche Menschen bei ihrem Besuch des Bremer Freimarkts. Wie erlebt ihn ein Sanitäter, wie eine Mutter mit ihrem Kind, ein Mitarbeiter eines Fahrgeschäfts oder jemand mit Handicap? In diesen zwei Wochen sehen wir den Freimarkt durch ihre Augen.

Teil 1: Frösche und saure Gurken: Mit dem TuS Huchting beim Eröffnungstag

Teil 2: Autoscooter - Nebel, Sprüche und ganz viel Coolness

Teil 3: Auf Freimarkt-Streife mit der Polizei: "Immer wissen, wo Stress ist"

Teil 4: Pflaster und Helene Fischer: Mit den Johannitern beim Frühschoppen

Teil 5: Mutter-Tochter-Besuch: Nichts geht über Schmalzkuchen

Teil 6: Lichter, Musik, Gerüche: So erlebt eine blinde Frau den Freimarkt

Teil 7: Mit dem Rollstuhl im Riesenrad

Teil 8: Höher, schneller, weiter: Drei Flüchtlinge erkunden den Freimarkt

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