Serie: 9 Arten, den Freimarkt zu erleben Mutter-Tochter-Besuch: Nichts geht über Schmalzkuchen

Schule, Hausaufgaben, Arbeit: Egal, was am Tag ansteht, für Melanie Hartwich und ihre Tochter Lara ist der Besuch auf dem Bremer Freimarkt eine echte Tradition. Wir haben das blonde Energiebündel und ihre Mutter begleitet.
24.10.2017, 09:45
Lesedauer: 8 Min
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Mutter-Tochter-Besuch: Nichts geht über Schmalzkuchen
Von Ina Schulze

Lara ist ganz aufgeregt: Endlich soll es auf den Bremer Freimarkt gehen. Die Sechsjährige wird in der Schule viel zu erzählen haben. Es ist ihr erstes Schuljahr in der St.-Marien-Schule in Walle. Also auch das erste Mal, dass sie als Grundschülerin den Freimarkt besucht. Dieses Jahr ist sie bereit für etwas schnellere Karussells und vielleicht auch eine Geisterbahn.

Wie ist es, als alleinerziehende Mutter nach einem langen Arbeitstag auf den Freimarkt zu gehen? Mit einem kleinen Kind, das viel erleben möchte und voller Energie steckt? Im fünften Teil der Freimarkt-Serie des WESER-KURIER begleiten wir die 34-jährige Melanie Hartwich und ihre sechsjährige Tochter Lara über den Freimarkt.

17.10 Uhr: Torfhafen in Findorff

Melanie Hartwich hat ihre Tochter direkt nach der Arbeit abgeholt. Anstrengend sei das nicht, schließlich freuen sich beide sehr auf den gemeinsamen Ausflug.

Natürlich sei so ein Besuch immer teuer, aber der Freimarkt ist Tradition. Genauso, wie einmal im Jahr in den Freizeitpark zu fahren, erklärt die 34-Jährige.

Lara: „Als ich drei war, war ich auch auf dem Freimarkt.“ Daher weiß die Sechsjährige genau, was als Erstes getan werden muss: „Erst Schmalzkuchen. Dann Geisterbahn und ‚Happy Sailor‘. Und das Entenspiel. Aber nicht ins Riesenrad.“

Melanie: „Das Riesenrad ist zu langweilig. Und vielleicht auch etwas hoch. Ich freue mich auf’s Essen, und am Schluss muss es immer eine Schoko-Banane oder Schoko-Erdbeeren sein.“

Bis es Schmalzkuchen gibt, muss Lara aber noch etwas warten. Die Ungeduld ist ihr ins Gesicht geschrieben. Eine kleine Skulptur am Torfhafen in Findorff lädt zum Spielen ein. Doch ablenken lässt sich das blonde Mädchen nur schwer. „Wann geht es los?“, fragt sie ihre Mutter. Warten – eine der größten Herausforderungen, die Kinder zu bewältigen haben.

Melanie: „Es war der Horror, mit dem Auto hierher zu kommen.“ Die Straßen sind voll. Die Parkplatzsuche eine Katastrophe. In irgendeiner Seitenstraße in der Nähe des Torfkanals mussten die Zwei parken. Melanie Hartwich hat zur Sicherheit die entsprechende Straße fotografiert, damit sie das Auto auch in der Dunkelheit schnell wieder finden.

Melanie Hartwich ist Arzthelferin. Während sie kurz vor dem Ausflug noch eine Besprechung hatte, war Lara schon fleißig. Ihre Hausaufgaben hat sie im Hort und bei der Babysitterin schon erledigt. Dieses Mal musste sie die richtigen Wörter ankreuzen, in denen sich ein „L“ versteckt. Ganz klar, für ihren Betreuer im Hort muss sie etwas Leckeres mitbringen. Vielleicht Schmalzkuchen?

Melanie: „Die schmecken morgen nicht mehr. Die schmecken nur frisch, wenn sie noch warm sind. Wir schauen mal. Lara bringt gerne Leuten etwas mit.“

17.20 Uhr: Los geht's!

Hand in Hand schlendern die beiden in Richtung Freimarkt. Die Erinnerung an Schmalzkuchen wird deutlicher.

Melanie: „Wenn man pustet, rieselt der Puderzucker runter, und das sieht aus wie Schnee.“ Je näher die beiden der Bürgerweide kommen, desto intensiver wird auch der Geruch.

Lara: „Wo ist denn der Orgelspieler? Normalerweise steht hier immer der Orgelspieler.“ Zu ihrer Erleichterung steht ein paar Meter weiter direkt am Eingang der ältere Mann mit seinem Rauschebart und dreht das altertümliche Musikinstrument. Lara schaut ihm fasziniert zu. Doch lange still stehen ist nicht drin, sie will weiter.

Lara: „Ich rieche schon Schmalzkuchen. Wo sind denn die Schmalzkuchen?“

17.30 Uhr: Schmalzkuchen essen

Nur wenige Stände weiter entdeckt Lara die Berliner Bäckerei. Nun ist sie kaum noch zu halten. Sie zieht ihre Mutter regelrecht in Richtung der duftenden Leckereien. Keine Chance. Hier ist die erste Station. Melanie Hartwich zückt den 50-Euro-Schein und bezahlt. Während Lara mit dem langen Holzstäbchen das Gebäck aus der Tüte pickt, streift sie umher. Schaut sich die benachbarten Spieleautomaten an und beobachtet die ersten Karussells. Gehen die über Kopf?

Lara: „Jetzt will ich in die Geisterbahn.“

Melanie: „Wir müssen erst gucken, ab wie viel Jahren die ist.“

Weiter geht es durch die Menge. Noch ist es nicht so voll. Die beiden kommen gut vorwärts. Aber nichts drängt sie. Mutter und Tochter genießen die Zeit zu zweit. Melanie Hartwich streicht ihrer Tochter liebevoll über den Kopf. Immer wieder wird kurz gekuschelt, und Lara bekommt einen Kuss auf die Wange. Langsam wird es dunkel. Die Lichter wirken heller. Überall gibt es etwas zu sehen und zu entdecken. Beim Riesenrad halten die beiden kurz inne. Legen den Kopf in den Nacken. Ganz schön hoch. Ein Gänseschwarm fliegt über ihre Köpfe hinweg.

Lara: „Guck mal, ein ‚L‘.“

Der Blick schweift hin und her. Der Finger wird immer wieder ausgestreckt. „Was ist das?“, wird eine der meistgestellten Fragen an diesem Abend. Das Fahrgeschäft „Break Dancer“ sieht spannend aus. Schnell drehen sich die Gondeln über die Scheibe. Die Menschen jauchzen.

Melanie: „Das ist noch nichts für Kinder. Da geht höchstens Mama rein.“

Na, gut, wenn es das nicht sein darf, dann vielleicht das nächste? „Können wir da rein?“, fragt Lara und meint damit das „Remmi Demmi“. Plötzlich wird Lara aber von der Riesenrutsche abgelenkt, die sie im vergangenen Jahr schon ausprobiert hatte. „Remmi Demmi“ ist vergessen, und es geht weiter.

17.45 Uhr: Luftballons mit Dartpfeilen abschießen

Luftballons mit einem Dartpfeil abzuschießen, ist gar nicht so einfach. Lara kniet auf dem Tresen des „Matchbox“-Standes und versucht, die bunten Ballons zu treffen. Doch die weichen den Pfeilen immer wieder aus. Melanie feuert sie an. Dann plötzlich knallt es. Die Freude ist groß. Am Ende gibt es ein kleines rosa Pony für Lara.

Lara: „Können wir Lose ziehen?“

Natürlich, auch das ist Tradition. Aber nicht an dem Stand, wo man nur Blumen ziehen kann. Lieber etwas zum Aufreißen und Punkte sammeln soll es sein. Also müssen die beiden noch etwas warten.

17.55 Uhr: Die erste Geisterbahn-Fahrt

Eine Geisterbahn kommt in Sichtweite. Vor dem „Daemonium“ streift ein verkleideter Schausteller umher und erschreckt die Besucher. Von oben lässt ein anderer eine riesige Spinne an einer Leine in die Menge fliegen. Blutrotes Wasser fließt aus den Augen und dem Mund eines Skelettes. Auf dem Grund des Beckens liegen Leichenteile. Genau das Richtige für Lara. Da möchte sie rein. Und sie hat Glück: In Begleitung darf sie auch.

„Das war voll gruslig. Und da war einer mit einer Kreissäge“, ruft Lara danach begeistert.

Melanie: „Und wer hat geschrien?“ Lara zeigt auf ihre Mutter. Die lacht: „Ja, stimmt. Einmal habe ich mich wirklich erschrocken.“

Lara: „Aber das war zu kurz. Können wir Dosen werfen?“

Melanie: „Möchtest du Enten angeln oder Dosen werfen? Es geht nicht alles.“ Ungefähr drei Karussells und drei Spiele, so ist die Regel. Das muss reichen.

18.04 Uhr: Enten angeln

Dann also lieber Enten angeln. Gekonnt fischt Lara die gelben Enten aus dem rotierenden Becken heraus. Jeder Versuch ein Treffer. Für zehn Tierchen hat sie dann die Qual der Wahl. Ganz genau inspiziert sie die Ware und umrundet den Stand. Am Ende entscheidet sie sich für ein pinkes Schwert. Und das muss auch prompt ausgepackt und geschwungen werden.

Lara: „Da, schon wieder Dosenwerfen.“

Melanie: „Ja, das gibt es an jeder Ecke.“

Und schon gerät die „Wilde Maus“ ins Blickfeld. Die ist dieses Jahr besonders groß und atemberaubend.

Melanie: „Nächstes Jahr darfst du in die ‚Wilde Maus‘. Jetzt ist das noch zu schnell. Wenn du jetzt einen Luftballon möchtest, können wir aber in kein Karussell mehr gehen.“

18.15 Uhr: Alleine im "Schnauferl"

„Darf ich, darf ich?“ ruft Lara begeistert und zeigt auf das Fahrgeschäft „Schnauferl“.

Melanie: „Das kannst du aber alleine fahren.“ Kein Problem. Lara setzt sich in den gelben Ford mit der Nummer 8 und dreht kräftig am Steuer. Nach der kleinen Fahrt kommt sie freudig in die Arme ihrer Mutter gehüpft.

Melanie: „Na, bist du irgendwo gegen gefahren?“

Lara: „Nein.“ Natürlich nicht. Was für eine Frage.

18.22 Uhr: Lose ziehen

An der Losbude „Fortuna“ hat Lara im vergangenen Jahr eine dicke Biene gewonnen. Auch dieses Jahr versucht sie ihr Glück und sammelt die Herzen. Die Nieten darf sie ausnahmsweise auf den Boden werfen. Und das lässt sich die Sechsjährige nicht zwei Mal sagen. Mit Schwung feuert sie die leeren Blätter auf den Asphalt. Ist ein Herz dabei, ruft sie begeistert die Farbe heraus. Am Ende sind es 13 Herzen. Und die Wahl fällt auf ein weißes Plüsch-Einhorn.

Lara: „Wo geht’s weiter, Mama?“

18.34 Uhr: Eine Runde Schiffe fahren

Endlich kommt „Happy Sailor“ in Sicht. Auch dieses Fahrgeschäft stand auf der Wunschliste. Mutter und Tochter setzen sich in ein rosa Segelschiff. Auf der Flagge steht „Hans“. Als sich die Schiffchen in Bewegung setzen, strahlen die beiden noch mehr, kuscheln sich aneinander und genießen die schnelle Fahrt. Im Hintergrund schwingt die Gondel des „Infinity“. Doch am Ende fällt Laras Fazit ernüchternd aus: „Happy Family“ ist cool, aber auch „zu langsam“.

Der Freimarkt wird nun immer voller. Die beiden laufen Hand in Hand, um sich nicht zu verlieren.

18.44 Uhr: "Happy Family"

Im „Rotor“ die Schwerelosigkeit austesten, oder lieber sportliche Betätigung in „Happy Family“? Die nächste große Entscheidung des Abends steht an. Die gepunkteten Schaumstoffmatten und wackeligen Hängematten haben Lara in ihren Bann gezogen. Also geht es mit Mama noch mal in den Kletterparkour „Happy Family“.

Melanie: „Warte auf mich.“

Lara hopst über die wackeligen Platten und hat schnell den ersten Teil absolviert. Gemeinsam geht es schnell aufwärts. Auf der oberen Hängebrücke bleiben beide kurz stehen und winken nach unten. Runter geht es nur über eine geschwungene Rutsche. Am Ende sind die kreisenden Räder für Lara kein Hindernis mehr, und auch ihre Mutter absolviert diese letzte Prüfung des Hauses mit Leichtigkeit.

Lara: „Noch mal, noch mal!“

Melanie: „Du kannst nächste Woche noch mal mit Opa rein. Nun möchte ich was essen.“ Die Wahl fällt auf Pferdewürstchen. Für Melanie Hartwich gibt es zwei, Lara knabbert an dem dritten. Die ist noch etwas heiß. Ihre Mutter muss noch mal ordentlich pusten.

18.57 Uhr: Zum Schluss ins Kettenkarussell

Der Freimarktbesuch ist zwar noch nicht ganz zu Ende, aber zum Schluss darf Lara noch mal ins Kettenkarussell „Wellenflug“ vor dem Hauptbahnhof. Das erste Mal in ihrem Leben probiert sie das große aus. Ab sechs Jahren darf sie da rein. Aber sie solle sich bloß gut festhalten, trichtert Melanie Hartwich ihr ein. Die Sicherung wirkt etwas unsicher. Lara öffnet und schließt die Schiene immer wieder. Mama soll doch mitfahren. Also läuft diese noch mal zum Schalter, kauft ein weiteres Ticket und setzt sich mit ihrer Tochter in einen Zweier-Sitz. Das Karussell startet. Die Beine baumeln in der Luft und Lara kann die Aussicht in Ruhe genießen. Ihre Mama passt schließlich auf.

Am Ende kommen beide sichtlich glücklich aus dem Fahrgeschäft gehüft. Zu langsam war es dieses Mal auf jeden Fall nicht.

9 Arten, den Freimarkt zu erleben

Für diese Serie begleitet der WESER-KURIER ganz unterschiedliche Menschen bei ihrem Besuch des Bremer Freimarkts. Wie erlebt ihn ein Sanitäter, wie eine Mutter mit ihrem Kind, ein Mitarbeiter eines Fahrgeschäfts oder jemand mit Handicap? In diesen zwei Wochen sehen wir den Freimarkt durch ihre Augen.

Teil 1: Frösche und saure Gurken: Mit dem TuS Huchting beim Eröffnungstag

Teil 2: Autoscooter - Nebel, Sprüche und ganz viel Coolness

Teil 3: Auf Freimarkt-Streife mit der Polizei: "Immer wissen, wo Stress ist"

Teil 4: Pflaster und Helene Fischer: Mit den Johannitern beim Frühschoppen

Teil 6: Lichter, Musik, Gerüche: So erlebt eine blinde Frau den Freimarkt

Teil 7: Mit dem Rollstuhl im Riesenrad

Teil 8: Höher, schneller, weiter: Drei Flüchtlinge erkunden den Freimarkt

Teil 9: Seniorenheim: "Wir machen unseren eigenen Freimarkt"

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