Serie: 9 Arten, den Freimarkt zu erleben Mit dem Rollstuhl im Riesenrad

Auf dem Freimarkt sind nicht alle Buden und Karussells barrierefrei. Doch das hält Frank Stobäus und Jörn Neitzel nicht davon ab, den Freimarkt im Rollstuhl zu besuchen. Wir haben die beiden begleitet.
27.10.2017, 07:15
Lesedauer: 7 Min
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Mit dem Rollstuhl im Riesenrad
Von Vanessa Ranft

Frank Stobäus und Jörn Neitzel möchten den Freimarkt nicht missen. Das gute Essen, die vielen Lichter, die unterschiedlichen Menschen – all das könnten sie auch als Rollstuhlfahrer genießen. Und immerhin: Einige Fahrgeschäfte sind sogar barrierefrei.

Wie ist es als Rollstuhlfahrer auf dem Bremer Freimarkt? Welche Hürden gibt es, was ist möglich? Im siebten Teil der Freimarkt-Serie des WESER-KURIER haben wir Frank Stobäus (50) mit seiner Frau Grit (37) und Freund Jörn Neitzel (40) am Mittwoch über den Rummel begleitet.

15.55 Uhr: Nordausgang des Hauptbahnhofs

Jörn wartet schon, seine Augen leuchten. Es ist das erste Mal, dass er in diesem Jahr auf den Freimarkt geht. Vorher hat er es einfach nicht geschafft. Er freut sich auf heißen Käse – und will vielleicht sogar das eine oder andere Karussell fahren. "Das wird so cool", sagt er und wirkt ganz hibbelig. "Nirgends schmeckt der Käse so gut, wie hier."

Dann ist auch Frank da. Der Bus konnte ihn zunächst nicht am Bahnhof rauslassen, weil der Hublift nicht funktionierte. Darum musste er erst einige Haltestellen weiter fahren und anschließend wieder zurück. Auch Frank war in diesem Jahr noch nicht auf dem Freimarkt. "Hat aber nichts mit dem Rollstuhl zu tun, ist eher was Persönliches", sagt er. "Mir ist der Freimarkt einfach viel zu bayrisch. Er ist doch kein Oktoberfest."

Trotzdem will er in dieser Woche noch zwei weitere Male gehen, einmal davon mit den "The Wheelers", dem Rollstuhlfahrer-Fanclub von Werder Bremen, in dem er Mitglied ist. Da wird auch Jörn mitkommen, obwohl er eigentlich nicht zum Verein gehört.

16.10 Uhr: Die Gruppe ist komplett

Jetzt ist auch Grit da, Franks Ehefrau. Es kann losgehen. Für die Gruppe ist die Uhrzeit optimal.

Frank: "So um diese Zeit rum gehe ich immer." Dann sei es noch nicht ganz so voll, aber die Lichter würden langsam sichtbar.

Direkt am Ausgang des Bahnhofs zur Bürgerweide erregt der Boden seine Aufmerksamkeit. "Fällt dir was auf?", fragt er seine Frau. Grit schüttelt den Kopf. "Es gibt keine Klebestreifen auf dem Boden", sagt Frank. Im letzten Jahr war vor dem Nordausgang der Bereich vor den Türen abgeklebt, um diesen freizuhalten. In der Sicherheitszone durfte sich niemand aufhalten, die Markierung war unter den Reifen der Rollstühle spürbar.

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16.26 Uhr: Erster Stopp an den Toiletten

Wegen der Probleme im Bus hat Frank es vor dem Freimarktbesuch nicht mehr auf Toilette geschafft. Er deutet auf ein Schild. Dort ist neben den Piktogrammen für Frauen und Männer auch das Rollstuhl-Symbol gut sichtbar. "Die Toilettensituation hat sich mächtig gebessert", sagt Frank. "Früher gab es hier für Rollstuhlfahrer immer nur eine." Benutzt werden kann sie jedoch nur mit Hilfe des Toilettenmannes, denn die Tür ist verschlossen.

Aus den Lautsprechern vom "Happy Traveller" schallt das Lied "Major Tom" herüber. "Völlig losge-he-löst von der Erde, schwebt das Ra-hahaum-schiff schwe-he-he-reee-loos". Jörn summt leise mit und wippt dazu mit seinem Oberkörper. Er lächelt und fährt seinen Rollstuhl nach oben, sodass er fast auf Augenhöhe mit den vorbeilaufenden Menschen ist. Seine Augen zucken hin und her, so begeistert ist er. "Ist das schön!", ruft er.

16.35 Uhr: Hansezelt

Frank ist zurück und Jörn hat seinen Rollstuhl wieder nach unten gefahren. "Sonst fahre ich noch langsamer", erklärt er. Zu Frank gewandt sagt er: "Können wir auch nicht rein, oder?" Sein Blick wandert zum Hansezelt.

Frank: "Doch, da an der Seite ist eine Rampe. Dafür habe ich mich vor ein paar Jahren selbst eingesetzt."

Frank und Jörn sind beide im Vorstand des Vereins "Selbstbestimmt Leben e.V.". Sie testen regelmäßig, wie barrierefrei Bremen ist, stehen in Kontakt mit der BSAG, um neue Straßenbahnen und Busse vorab auf deren Barrierefreiheit zu prüfen und geben der Stadt Rückmeldung, wo behinderten Menschen der Alltag erleichtert werden kann.

16.50 Uhr: Käsehütte

Ins Hansezelt geht es heute nicht, dafür taucht aber wenig später endlich die lang ersehnte "Käsehütte" auf.

Jörn ruft über den Tresen: "Ein Knoblauchbrot mit Käse." Er kommt nicht richtig an den Stand ran, weil die Bude eine Umrandung hat. Sie macht es Jörn unmöglich, näher als einen Meter an die Verkaufstheke heranzufahren, und das widerum erschwert die Kommunikation erheblich. Außerdem hat Jörn eine Spastik. Die Verkäuferin versteht ihn nicht. "Ohne Käse?", fragt sie. "Nein, mit", wiederholt Jörn und gibt sich sichtlich Mühe, deutlich zu sprechen. Die Verkäuferin versteht ihn, doch bei der Bezahlung braucht Jörn trotzdem Hilfe. Grit reicht der Verkäuferin das Geld und nimmt das dampfende Baguette entgegen, um es Jörn zu geben. Der nimmt direkt einen großen Bissen.

"Willst du nicht lieber am Tisch essen?", fragt Grit und schiebt die Bank einer Bierzeltgarnitur beiseite, die links neben dem Stand steht, damit Jörn an den Tisch heranfahren kann. Er lässt sich das Baguette schmecken, doch so richtig los lässt ihn die vorherige Situation nicht. "Wenn es voll ist, sehen die mich noch nicht einmal", sagt er. "Das kommt immer mal wieder vor."

16.56 Uhr: Pizzastand

Die "Pizzeria Mamamia", bei der Frank und Grit jedes Jahr ein Stück Pizza essen, ist schon in Sichtweite. Auch an diesem Stand gibt es eine metallische Schräge, die Rollstuhlfahrern den Zugang erschwert. "Wir kommen trotzdem jedes Jahr hierher",sagt Frank. "Die Pizza schmeckt hier einfach zu gut." Diskriminierend finde er das trotzdem: "Ich frage mich immer: Warum?"

Grit kommt mit einem duftenden Stück Pizza mit Camenbert und Preiselbeeren zurück. Das Ehepaar teilt es sich. "Wir essen immer eine Portion zu zweit. Dann kann man mehr probieren", sagt Frank.

Grit deutet auf das Riesenrad: "Fahren wir da mit?" Jörn nickt freudig.

Frank: "Ne, da habe ich Angst, dass die Bolzen brechen." Eigentlich sei er total abenteuerlustig, fahre mit dem Rollstuhl in der Seilbahn mit und vieles mehr. "Aber hier habe ich Angst, dass das Riesenrad mein Gewicht nicht hält."

Grit (lacht): "In der Seilbahn hattest du davor auch Angst."

17.12 Uhr: Riesenrad

Die Gruppe steuert auf das Riesenrad zu. Jörn legt seinen Kopf in den Nacken und schaut hoch zu den Gondeln. "Da ist sie", sagt er. Wenn man genau hinsieht, kann man das kleine Rollstuhl-Symbol auf einer der Gondeln erkennen. Jörns Vorfreude ist ansteckend. Immer wieder sagt er: "Das ist so cool."

Grit besorgt die Tickets, bittet einen Mitarbeiter des Fahrgeschäftes darum, die Hebebühne zu öffnen. Jörn fährt rauf, die Bühne hebt sich langsam. Dann stoppt sie nach wenigen Zentimetern. "Stecken geblieben?", fragt Grit. Und auch Jörn kommen Zweifel: "Vielleicht ist sie doch nicht für so viel Gewicht ausgelegt." Der Mitarbeiter muss immer wieder nachhelfen. Doch schließlich ist die Hürde überwunden und Jörn rollt hinter dem Mann her in Richtung der Gondeln.

"Das ist eines der wenigen Karussells, mit denen ich fahren kann", erzählt er während der Fahrt. Es ist das dritte Mal, dass er im Riesenrad sitzt. "Ich war auch schon mal in einer Geisterbahn. Aber die ist nicht so barrierefrei wie hier. Da muss man aussteigen, und das geht nur mit einem Assistenten." Er lässt seinen Blick in Richtung des Waller Fernsehturms und wieder zurück zu den anderen Fahrgeschäften schweifen. "Schön, oder?"

Grit: "Ja und wir haben so ein Glück mit dem Wetter." Ihr Werder-Schal weht im Wind. Sie und Frank wollen später an diesem Abend noch ins Stadion, wenn Werder gegen Hoffenheim spielt.

17.40 Uhr: Wieder am Boden

Frank lächelt, als die beiden anderen auf ihn zukommen. Ob er traurig ist, nicht mitgefahren zu sein? "Man kann je nach Handicap eben nicht alles machen." Allein sein Rollstuhl wiegt 200 Kilogramm. Die Hebebühne des Riesenrads kann aber nur mit 225 Kilogramm belastet werden. "Das ist aber ok, die Fahrgeschäfte können sich nicht auf alles einstellen", sagt er. Das Karussellangebot für behinderte Menschen sei insgesamt schon in Ordnung.

Die Pflastersteine auf der Bürgerweide bereiteten ihm dagegen mehr Probleme. "Es gibt sehr viele Stellen, wo noch Kopfsteinpflaster verlegt worden ist, das oben rund ist und wo man mit dem Rollstuhl nicht so gut rüberfahren kann." An einigen Stellen sei das bereits ausgebessert worden, stattdessen wurden flache Steine verlegt – aber eben nicht überall. "Rundes Kopfsteinpflaster ist aber natürlich auch was Historisches und darum nicht so leicht zu ändern", sagt er und fährt weiter.

Frank: "Jetzt ist so der Punkt, da würde ich eigentlich gerne was essen, aber weiß nicht was. Die Auswahl ist einfach zu groß." Er fährt vorbei an Poffertjes, Schmalzkuchen, Champignons und Frühlingsrollen. Grits Hand ruht auf seiner Schulter, in der anderen Hand hält sie einen der Rollstuhlgriffe locker umschlossen.

Schließlich kommen sie an einem Fischstand neben dem Bayernzelt zum Stehen. Auch hier bestellt und bezahlt Grit. Es gibt Fischfrikadelle mit Remoulade und Zwiebeln.

Frank: "Normalerweise essen wir hier immer Brathering. Aber heute probieren wir mal was anderes."

Das Gedränge wird dichter, das Fahren schwerer. Immer wieder müssen Frank und Jörn anderen Freimarktbesuchern ausweichen. Die Pflasterung ändert sich jetzt häufiger. Sie nehmen den nächsten Ausgang; es ist ohnehin schon spät, sie wollen rechtzeitig im Stadion sein.

"So, letzte Gelegenheit", sagt Frank und blickt zu dem Stand mit den gebrannten Mandeln. Jörn und Grit schütteln den Kopf. Und dann verlassen die drei den Freimarkt. Grit mit der einen Hand auf Franks Schulter.

9 Arten, den Freimarkt zu erleben

Für diese Serie begleitet der WESER-KURIER ganz unterschiedliche Menschen bei ihrem Besuch des Bremer Freimarkts. Wie erlebt ihn ein Sanitäter, wie eine Mutter mit ihrem Kind, ein Mitarbeiter eines Fahrgeschäfts oder jemand mit Handicap? In diesen zwei Wochen sehen wir den Freimarkt durch ihre Augen.

Teil 1: Frösche und saure Gurken: Mit dem TuS Huchting beim Eröffnungstag

Teil 2: Autoscooter - Nebel, Sprüche und ganz viel Coolness

Teil 3: Auf Freimarkt-Streife mit der Polizei: "Immer wissen, wo Stress ist"

Teil 4: Pflaster und Helene Fischer: Mit den Johannitern beim Frühschoppen

Teil 5: Mutter-Tochter-Besuch: Nichts geht über Schmalzkuchen

Teil 6: Lichter, Musik, Gerüche: So erlebt eine blinde Frau den Freimarkt

Teil 8: Höher, schneller, weiter: Drei Flüchtlinge erkunden den Freimarkt

Teil 9: Seniorenheim: "Wir machen unseren eigenen Freimarkt"

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