Serie: 9 Arten, den Freimarkt zu erleben Nebel, Sprüche und ganz viel Coolness

Der Autoscooter ist der Treffpunkt der coolen Kids auf jedem Volksfest. Doch wie ist es, dort zu arbeiten? Ein Nachmittag mit den Mitarbeitern des Traditionsgeschäftes "Top In".
18.10.2017, 18:18
Lesedauer: 5 Min
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Nebel, Sprüche und ganz viel Coolness
Von Carolin Henkenberens

Bei schnellen Disko-Beats durch den Nebel kurven, die flackernden Lichter im Gesicht. Eine Hand liegt auf der Schulter der Jugendliebe, die andere lenkt das Elektroauto.

Wenn es einen Ort auf dem Freimarkt gibt, der zur Jugendkultur gehört, dann ist es der Autoscooter. Seit Generationen wird dort angebandelt, geflirtet und gerauft. Doch wie ist es, an diesem Treffpunkt der Jugend sein Geld zu verdienen? Im zweiten Teil der Freimarkt-Serie des WESER-KURIER werfen wir einen Blick auf die Arbeit beim Autoscooter "Top In" der Bremer Schaustellerfamilie Robrahn-Böker.

Kurz nach 15 Uhr, zwischen Champignon-Bude und Messehalle vier:

Bislang hängen nur wenige Kids am Autoscooter "Top In" ab, sitzen lässig auf den Metallstangen am Fahrbahnrand. Einige Eltern sind mit ihren Kindern da, fotografieren ihre Sprösslinge stolz mit dem Smartphone. Im Kassenhäuschen sitzt Dennis Lippke, 26 Jahre alt, trägt Jeans mit modischen Löchern, Kapuzenpulli, kurze, gegelte Haare.

Dennis arbeitet, seine Zeit als Aushilfe neben der Schule eingerechnet, seit elf Jahren beim Autoscooter "Top In". Dennis ist ein Libero, das bedeutet: Mal kassiert er, mal hilft er Kindern in den Anschnallgurt, mal legt er Musik auf und quatscht ins Mikrofon. Heute macht er letzteres: Recommandieren.

Dennis: "Ich bin früher, wie die Jugendlichen jetzt, selber hier rumgesprungen und habe mein Geld ausgegeben. Nach der Schule habe ich eine Ausbildung angefangen als Koch, aber gleich gemerkt, dass das nichts für mich ist. Bin dann gleich wieder hierhin."

Neben Dennis sitzt sein Chef Ralf Böker, 48 Jahre alt. Er kassiert heute. Ralf und seiner Frau Bettina Robrahn-Böker gehört der Autoscooter. Es ist ein Familienbetrieb in dritter Generation.

Ralf: "Jetzt, nachmittags, ist eher Kinderbetrieb."

Dennis: "Samstagabends ist hier richtig High Life." Jetzt lässt er die Runden auch mal etwas länger laufen. Vier Minuten statt drei.

15.23 Uhr:

"Moin, moin. Letzter Aufruf, letzte Gelegenheit. Hopp, hopp, hopp, hinein bitte", sagt Dennis und wenige Sekunden später: "So, los geht's hier. Die Fahrbahn räumen bitte, die Fahrbahn frei. Wir starten. – Tröööööt. – Viel Spaß." Mit dem Finger drückt er auf die Drei auf dem Ziffernfeld der Computertastatur vor ihm und schon ertönt das bekannte Tröten. Dann drückt er mit dem Fuß auf das rechte Pedal unter seinem Tisch: der Startschuss für die Autos. Per Klick am PC startet er den nächsten Popsong und ab geht die Fahrt.

15.26 Uhr:

"Da sind wir wieder. Kurzer Halt. Fahrtwechsel. Hopp, hopp, hopp, hinein. Macht mal bitte mit, seid mal dabei", sagt Dennis ins Mikro.

"Noch einmal, bitte", sagt ein kleiner Junge, dessen Nase kaum über das Verkaufsfenster ragt. Er legt drei Euro auf den Tresen und strahlt. Ralf gibt ihm einen blauen Fahrchip.

Ralf: "In einigen Städten wie in Bremerhaven, wo sonst abends die Bürgersteige hochgeklappt werden, stehen die Kinder schon da, wenn wir kommen und aufbauen." Wird er manchmal zu einer Art Sozialarbeiter auf der Kirmes? "Oh ja! Das ist teilweise schon heftig. Manchmal kommen Mädchen in Tränen aufgelöst, weil der Freund Schluss gemacht hat. Da tröstet man schonmal."

15.31 Uhr:

Dennis startet das Lied "Nice Girl" und singt ins Mikrofon: "Sie macht alles, was ich will." Druck auf das linke Fußpedal und Nebel strömt auf das Autoscooter-Feld. Die Lichter der Elektrowagen leuchten.

15.37 Uhr:

Ein Jugendlicher kommt. "Kann ich laden?", fragt er und zeigt sein Handykabel. "Nee", sagt Dennis knapp und schüttelt den Kopf. Zwar funktioniert der Autoscooter noch genauso wie vor 50 Jahren, doch mittlerweile hat die Digitalisierung auch die Fahrgeschäfte erreicht. Der "Top In" etwa hat eine eigene Facebook-Seite. Dort können sich Besucher Lieder beim DJ wünschen.

15.40 Uhr:

Ralfs Tochter Carolin, 15 Jahre alt, betritt das Kassenhäuschen. Sie reicht ihrem Vater eine Packung Asia-Nudeln.

Ralf: "Heute müssen wir uns mal behelfen, die Mama arbeitet in unserem Imbiss-Wagen auf dem kleinen Freimarkt." Sonst koche seine Frau für ihn und die Mitarbeiter.

Carolin hilft, genau wie ihre 18 Jahre alte Schwester, manchmal an der Kasse aus oder passt auf ihre vierjährige Schwester auf. Ein Schaustellerkind zu sein, bedeutet für sie, früh Eigenständigigkeit zu lernen. Sieht sie ihre Zukunft auf Volksfesten? "Ich denke nicht, denn ich sehe bei meinen Eltern, wie stressig das ist. Aber erst einmal mache ich meine Schule und eine Ausbildung und dann sehen wir." Der Vater, selbst Schaustellerkind, nickt. "Es ist wichtig, die Wahl zu haben, etwas anderes machen zu können." Seine Frau etwa hat eine Lehre als Bankkauffrau gemacht.

15.45 Uhr:

So langsam wird es voller. Immer mehr Jugendliche drängen zu den kleinen Autos. Jungs mit Baseball-Mützen und engen Jeans sitzen neben Mädchen mit Lippenstift und Smartphone in der Hand.

Dennis macht ordentlich Stimmung: "Hoch die Hände, bald ist wieder Wochenende." Er startet den Song "Do it right" von Martin Solveig und Tkay Maidza. Die harten Beats verschaffen ihm gute Laune. Sein Fuß wippt im Takt mit. Seine Hände trippeln auf dem Tisch. Die gute Laune, das "Feeling" beim Autoscooter, das ist es, was ihm am Job so viel Spaß macht. "Ich flippe schon gerne mal aus", sagt er.

16.05 Uhr:

Dennis steht breitbeinig am Fahrbahnrand, überblickt das Geschehen. Sein Kollege sitzt jetzt am Mikro. Dennis soll jetzt aufpassen, dass im Fahrbetrieb alles glatt läuft. Als er von einem Ende der Fahrbahn zum anderen will, geht er nicht außen herum. Er springt auf den Gummiring eines Autos, hält sich lässig mit einer Hand an der Stange fest, die zum Stromnetz führt, und lässt sich mitnehmen. Kurz bevor das Auto seine Kurve dreht, hüpft er herunter. "Hatte keinen Bock, außen rum zu gehen", sagt er nur und grinst.

9 Arten, den Freimarkt zu erleben

Für diese Serie begleitet der WESER-KURIER ganz unterschiedliche Menschen bei ihrem Besuch des Bremer Freimarkts. Wie erlebt ihn ein Sanitäter, wie eine Mutter mit ihrem Kind, ein Mitarbeiter eines Fahrgeschäfts oder jemand mit Handicap? In diesen zwei Wochen sehen wir den Freimarkt durch ihre Augen.

Teil 1: Frösche und saure Gurken: Mit dem TuS Huchting beim Eröffnungstag

Teil 3: Auf Freimarkt-Streife mit der Polizei: "Immer wissen, wo Stress ist"

Teil 4: Pflaster und Helene Fischer: Mit den Johannitern beim Frühschoppen

Teil 5: Mutter-Tochter-Besuch: Nichts geht über Schmalzkuchen

Teil 6: Lichter, Musik, Gerüche: So erlebt eine blinde Frau den Freimarkt

Teil 7: Mit dem Rollstuhl im Riesenrad

Teil 8: Höher, schneller, weiter: Drei Flüchtlinge erkunden den Freimarkt

Teil 9: Seniorenheim: "Wir machen unseren eigenen Freimarkt"

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