In Findorff funktionierts

Wochenmärkte als Anker der Nahversorgung in Bremen

Einkaufen unter freiem Himmel: In den Bremer Stadtteilen sind die Wochenmärkte Anker der Nahversorgung und soziale Treffpunkte.
07.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wochenmärkte als Anker der Nahversorgung in Bremen
Von Jürgen Hinrichs

Fünf Männer im Schnee. Sie unterhalten sich und lassen ihre Blicke schweifen. Die Männer stehen um einen grauen Kasten herum, auf dem Thermoskannen abgestellt sind, und das ist ein Anblick, der Fragen aufwirft: Was, herrje, machen die da? Und wer sind die Frauen in ihrer Nähe? Warten die alle, kann ja sein, aber worauf?

Die Antwort: Es sind Exilanten, vertrieben aus dem Paradies und nun im schnöden Ausweichquartier. Die legendäre Kaffeebude auf dem Findorffmarkt ist verschwunden, vorübergehend, und solange Corona das will. Seit 20 Jahren ist das ihr Treffpunkt – Männer und Frauen aus der Nachbarschaft, meist Ehepaare, die am späten Vormittag gemeinsam einen Kaffee nehmen oder zwei und sich was erzählen, die Lage peilen, was so los ist im Stadtteil.

Das geht nun schon länger nicht mehr, nicht am alten Ort, aber deswegen zu Hause bleiben? Ausgeschlossen, es würde etwas fehlen, viel fehlen. Also hat sich die Gruppe, in der Mehrzahl Rentnerinnen und Rentner, etwas abseits vom Markt einen Ersatz gesucht – den grauen Kasten, in dem der Postbote auf seiner langen Tour durch Findorff einen Teil der Briefe und Pakete zwischenlagert. Der Kasten ist jetzt gleichzeitig eine kleine Theke, auf der Kannen, Becher und Kekse Platz finden. Die Rentnergang improvisiert, sie lässt sich nicht so schnell unterkriegen.

„Wir halten durch“, sagt einer der Männer. Die Pandemie? Pah! „Wir sind Rentner, das trifft uns nicht so richtig“. Anders sei es mit den jungen Menschen. „Wer 18 ist oder 20, der will doch was erleben, der will sich auch verlieben.“ Das tut ihnen leid, echt blöd, aber dann ist’s auch schon wieder gut, eine fidele Runde, die den Reporter mit einem Spruch entlässt. Es ist glatt auf der Straße: „Passen Sie auf, dass der Artikel nicht im Krankenhaus landet.“ Ein Grinsen in den Gesichtern, und jetzt noch einen Kaffee, den letzten.

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Der Findorffmarkt ist das Kleinod unter den Wochenmärkten in Bremen. Nirgendwo ist das Angebot so vielfältig und wird so schön präsentiert wie dort. Der Markt findet an drei Tagen in der Woche statt und ist vor allem am Sonnabend eine Attraktion, weil dann besonders viele Händler da sind und die Stände zusammen eine Kompaktheit bilden, wie es sie zum Beispiel auf dem Domshof selbst am Wochenende nicht gibt. So ein Flair suchen die Kunden, das Einkaufen hat dann zwar immer noch Zweck und Ziel, es ist aber auch ein Erlebnis. Die Menschen lassen sich treiben, mit Glück oder Verabredung treffen sie Freunde und Bekannte, oder finden bei den Händlern hier und da etwas Besonderes, eine Spezialität, die den Weg in den Korb findet und zu Hause probiert wird.

Doch nun ist Corona. Hat das was verändert? Mehr verändert, als dass die Kaffeerunde ausweichen muss und die Menschen auf dem Markt Masken tragen?

„Es ist anstrengend“, sagt Hagen Löhmann, „der Frust nimmt zu.“ Der 37-Jährige verkauft Tee, Nüsse, Trockenfrüchte und Gewürze. Das Geld sollen die Kunden in eine Schale werfen, verstehen können sie das nicht. „Das gibt ständig Diskussionen. ‚Wieso?‘, werde ich gefragt, ,Sie nehmen das Geld danach ja doch in die Hand`.“ Löhmann trägt keine Maske, er muss nicht, solange er sich in seinem Stand aufhält. Der Mann, der jetzt bedient wird, hat keine andere Wahl, sonst setzt es ein Bußgeld. Er erkundigt sich nach Pfefferminztee. Den gibt es natürlich, ganz klassisch. Löhmann lockt aber auch mit der orientalischen Variante, dann ist zusätzlich Zimt, Kardamom und Orangenschale im Tee und gibt ihm einen runden Geschmack. „Nee“, schüttelt der Kunde den Kopf, „lieber Standard.“

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Bei Spiekermann stehen die Menschen Schlange, und weil sie Abstand halten, ist die Schlange lang. Wurst, Schinken, Käse, Salat, alles da. Den Grünkohl gibt es fertig gekocht im Schlauch. Eine Kochwurst dazu, klar, und zweierlei Pinkel, Bremer und Ammerländer, das ist Geschmackssache. Schon heiß ist der Kohl am Stand um die Ecke, die kleine Portion zum Mitnehmen für 5,90 Euro. Was fehlt und sonst da ist, sind an dieser Stelle in der Mitte des Marktes die Pötte und Pannen. Liegt’s an Corona? Dürfen nur Lebensmittel verkauft werden? Nein, sagt die Marktverwaltung, alles, was vor der Pandemie angeboten wurde, sei weiterhin erlaubt. Und so werden auf dem Findorffmarkt auch Socken angeboten, Jacken und Pullover.

Die beiden, Mann und Frau, sind durch mit allem und auf dem Weg zum Wagen. Das Ehepaar hat sich reichlich mit Brot, Kuchen, Blumen und Fleisch eingedeckt, „das Gulasch hier ist herrlich“, sagt die Frau. Mindestens zweimal in der Woche kommen sie her, um einzukaufen – nicht wegen Corona, weil es vielleicht angenehmer an der frischen Luft ist als im Supermarkt, sondern weil sie’s klasse finden und deshalb schon seit Jahren mit dem Auto von Oslebshausen zum Wochenmarkt in Findorff fahren.

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„Am Geschäft hat das Virus nicht viel verändert“, sagt Stefanie Kramer, die Obst und Gemüse verkauft. Entscheidend sei unverändert das Wetter. Ist es gut oder einigermaßen, kommen die Leute. Sonst bleiben sie weg, so einfach. Schon gar, wenn wie zurzeit Glatteis und Schnee auf den Straßen sind.

Kramer ist seit zehn Jahren Beschickerin auf dem Findorffmarkt. Sie hat zum Beispiel Kartoffeln im Angebot, „die müssen sie nicht schälen, die sind klein und lecker.“ Eine junge Frau mit Kind im Kinderwagen nimmt Karotten, „bitte ohne Grün“, Gurke, Paprika und eben diese Sorte Kartoffeln, nicht ein Pfund, auch keine Handvoll: „15 Stück, bitte.“

Die Verkäuferin trägt eine Maske, „aus Kulanz gegenüber den Kunden“, sagt die 53-Jährige. Corona sei das große Thema in den Gesprächen, 80 Prozent drehe sich darum. „Je nachdem, wie die Nachrichten sind, sind die Leute gut oder schlecht drauf“, beobachtet Kramer, „jetzt hoffen sie gerade wieder.“

So wie bei Spiekermann herrscht auch beim Bäcker reger Andrang. Die Erklärung ist schnell gefunden. Es liegt an der Art, wie das Brot entsteht. Bäcker Ripken hat im ammerländischen Augustfehn sieben Öfen stehen, die jeden Abend mit Eichen- und Buchenholz befeuert werden. Das bringt mehr Aroma in die Backware und hält sie länger frisch. Die Berliner macht Ripken anders, auf die moderne Art. Es gibt sie an diesem Tag mit selbst gemachter Erdbeermarmelade oder mit Baileys. „Mit Baileys, bitte“, bestellt eine Kundin. Sie braucht das jetzt.

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