Esa-Chef Jan Wörner im WESER-KURIER-Interview

„Wir fliegen gemeinsam zum Mond“

Im Interview erklärt Esa-Chef Jan Wörner, wann Europäer auf dem Mond landen könnten – und warum ein „Dorf auf dem Mond“ wohl ohne Kirche und Bestatter auskommen muss.
08.11.2019, 04:06
Lesedauer: 5 Min
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„Wir fliegen gemeinsam zum Mond“
Von Stefan Lakeband

Herr Wörner, Sie wünschen sich ein Dorf auf dem Mond. Wie soll das aussehen?

Jan Wörner : Ein Dorf auf der Erde ist eine Gemeinschaft von verschiedenen Interessen – das schwebt mir auch für das „Moon Village“ vor. Nur dass sich hier eben öffentliche und private Einrichtungen zusammenschließen, forschen und neue Technologien entwickeln. Es geht nicht darum, ein paar Einfamilienhäuser, ein Dorfgemeinschaftshaus, eine Kirche und ein Bestattungsunternehmen auf dem Mond zu bauen.

Der Mond soll also keine zweite Erde werden?

Ich bin gegen eine Kolonialisierung. Die Erde ist viel zu schön, als dass man in Büchsen auf anderen Himmelskörpern leben sollte. Ich kann mir aber vorstellen, den Mond als achten Kontinent der Erde zu nutzen, um dort Forschung zu betreiben.

Wie wird Europas Beitrag bei der Rückkehr zum Mond aussehen?

Wenn die Amerikaner 2024 wieder zum Mond fliegen, ist Europa mit dabei. Denn dafür ist das Europäische Servicemodul, das bei Airbus in Bremen gebaut wird, erforderlich. Es ist ein entscheidender Bestandteil der Raumkapsel Orion. Was mir wichtig ist: Die Mondmissionen jetzt stehen unter anderen Vorzeichen. Vor 50 Jahren war die Mondlandung vom Kalten Krieg getrieben. Heute ist das zum Glück anders: Wir fliegen gemeinsam zum Mond. Also nicht zurück zum Mond, sondern vorwärts zum Mond.

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Wann wird der erste Europäer auf dem Mond landen?

Das wird vermutlich ein Dienstag sein. Montags sind die Amerikaner dran. (lacht)

Und in welchem Jahr liegt dieser Dienstag?

Das ist natürlich eine andere Frage. Ich schätze, dass es innerhalb des nächsten Jahrzehnts so weit sein wird.

Ende des Monats steht einer der wichtigsten Termine für die europäische Raumfahrt an: Auf der Ministerratskonferenz entscheiden die Mitgliedsstaaten der Esa über das Budget für die kommenden Jahre. Was erhoffen Sie sich?

Ich habe als Generaldirektor im Vorfeld eine Reihe von Vorschlägen gemacht – von der Wissenschaft über Exploration, Erdbeobachtung, Navigation, Telekommunikation und neue Raketen bis hin zur Sicherheit im Weltraum. Nun erwarte ich, dass die wesentlichen Programme unterstützt werden. Insgesamt reden wir hier von einem Budget von etwas mehr als 14 Milliarden Euro für die nächsten drei Jahre.

Wo liegen die Schwerpunkte?

Klar ist, dass die Exploration künftig noch wichtiger wird. Auch wenn sie nicht ganz trivial ist, sehe ich einen großen Nutzen in der Erforschung des Weltalls. Schwieriger könnte es werden, die Mitgliedsstaaten vom Thema Sicherheit im Weltraum zu überzeugen. Dabei geht es darum, wie man Weltraumschrott entsorgen, Asteroideneinschläge verhindern und Sonnenstürme beobachten kann. Drei wichtige Punkte, bei denen der finanzielle Nutzen nicht für jeden unmittelbar zu erkennen ist.

Haben die Länder schon durchblicken lassen, welche Projekte sie finanzieren wollen?

Die Mitgliedsstaaten sind zum Glück sehr unterschiedlich; jeder hat andere Interessen. Daher sieht es momentan auch so aus, als würde es für jedes Projekt mehr oder weniger Zustimmung geben.

Gibt es Staaten, die mehr Geld ausgeben wollen?

Ich habe von einem Land gehört, das seinen Anteil um 20 Prozent steigern will. Ich darf nicht sagen, welcher Mitgliedsstaat das ist. Nur, dass er groß ist. Deutschland ist es aber nicht.

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Würden Sie sich denn von der Bundesrepublik wünschen, dass sie mehr Geld für die Esa ausgibt?

Sie stellt aktuell rund 23 Prozent unseres Budgets. Würde Deutschland noch ein bisschen was drauflegen, fände ich das gut. Etwa für Programme, die mit dem Klimawandel zu tun haben. Deutschland täte gut daran, hier die Verantwortung zu übernehmen – auch finanziell.

Auf dem Raumfahrtkongress IAC, der vor wenigen Wochen in Washington stattfand, hat US-Vizepräsident Mike Pence eine viel diskutierte Rede gehalten. Seiner Meinung nach sollen die Raumfahrtnationen kooperieren – die USA aber ihre Führungsposition behalten. Entspricht das Ihrer Vorstellung von Raumfahrt?

Mike Pence hat eine gute Rede gehalten – aber für das falsche Publikum. Die Zuhörer kamen aus allen Teilen der Welt, die Rede war aber für US-Amerikaner gedacht. Angela Merkel würde vor so einem Publikum sicher andere Töne anschlagen. Die Führungsrolle, die Pence angesprochen hat, ist auch Ansichtssache. Ja, bei der Exploration führen die USA – weil sie mehr Geld als andere dafür ausgeben. Europa liegt hingegen bei der Erdbeobachtung und der Satellitennavigation vorne. Galileo ist zum Beispiel dreimal besser als das amerikanische GPS.

Sollte es in der Raumfahrt überhaupt darum gehen, dass irgendwer führt?

Mein Ziel ist es, dass Europa eine gute und wettbewerbsfähige Raumfahrtindustrie hat. Um Führung geht es mir nicht.

Auf der Erde gibt es zurzeit einige Konflikte, etwa den Handelsstreit zwischen den USA, China und EU. Hat das Einfluss auf die Raumfahrt?

Bislang arbeiten wir weltumspannend mit den USA, China, Japan, Russland, Kanada und anderen Partnern zusammen. Raumfahrt sollte nicht nur physikalisch Grenzen überwinden, sondern auch geopolitisch.

China ist aber zum Beispiel nicht an der internationalen Raumstation ISS beteiligt, weil die USA ein Veto eingelegt haben.

Das ist richtig. Ich habe mehrfach vorgeschlagen, das zu ändern. Wir Europäer machen auch wissenschaftliche Projekte mit China. Mit aller Vorsicht, aber wir machen sie.

Ist der Weltraum im besten Fall also politikfrei?

Politikfrei ja, aber natürlich hat Raumfahrt eine geopolitische Wirkung. Wenn wir trotz Krisen auf der Erde auf der ISS zusammenarbeiten, ist das ein wichtiges politisches Signal.

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Für Bremen ist unter anderem die Ariane 6 sehr wichtig. Momentan ist die Nachfrage allerdings noch gering. Wie sehen Sie die Zukunft der Rakete?

Die Ariane ist ursprünglich entstanden, um Europa einen autonomen Zugang zum All zu ermöglichen. Mittlerweile geht es um Wettbewerbsfähigkeit. Die Ariane 6 soll 50 Prozent günstiger als die Ariane 5 sein. Das ist ein großer Schritt – er reicht aber nicht. Deswegen müssen wir sehen, dass alle europäischen Nutzlasten auch mit einer europäischen Rakete geflogen werden. Für die Amerikaner ist so ein Vorgehen selbstverständlich.

Diese Forderung gibt es schon länger. Wie realistisch ist es, dass sie umgesetzt wird?

Die institutionelle europäische Nutzung europäischer Trägerraketen ist von großer Bedeutung, um die Wettbewerbsfähigkeit auch im kommerziellen Bereich zu sichern. Deshalb haben wir im letzten Herbst mit einer Reihe von europäischen Ländern ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet.

Aber wird die Ariane 6 ohne direkte Subventionen überleben können?

Das ist die große Frage. Weil der globale Wettbewerb so hart geworden ist, bin ich mir nicht ganz sicher, ob das funktionieren wird. Aber wir müssen alles dafür tun und gleichzeitig die Zukunft vorbereiten.

Das Gespräch führte Stefan Lakeband.

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Info

Zur Person

Jan Wörner

ist seit 2015 Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation Esa. Der 65-Jährige ist eigentlich Bauingenieur. Vor seinem Wechsel zur Esa leitete er das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. An diesem Freitag ist er Festredner beim Roland-Essen des Industrie-Clubs Bremen.

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Zur Sache

Redner beim Roland-Essen

Auch wenn das Roland-Essen keine jahrhundertelange Tradition wie Eiswette oder Schaffermahlzeit hat, ist es doch ein gesellschaftlicher Höhepunkt: In diesem Jahr erwartet der Industrie-Club Bremen 360 geladene Gäste an den eingedeckten Tafeln in der Oberen Rathaushalle. Welche Strahlkraft das jährliche Essen hat, zeigt sich schon an der Liste der Festredner:

Im vergangenen Jahr sprach Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts; weitere prominente Gäste waren unter anderem Joachim Gauck, der kurz vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten zu Gast war, Deutsche-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, Ex-Kanzler Helmut Schmidt (SPD) und der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow.

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