30 Jahre Mauerfall Wie ein DDR-Bürger nach Bremen flüchtete

Erst beim dritten Versuch glückte Steffen Wenigerkind die Flucht in den Westen. Seine Stasi-Akte mochte er lange nicht studieren - erst jetzt kann er sich überwinden.
03.11.2019, 19:11
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Wie ein DDR-Bürger nach Bremen flüchtete
Von Frank Hethey

Für Steffen Wenigerkind war der 9. November schon immer ein besonderer Tag. Schon bevor in Berlin die Mauer fiel. Am 9. November hat Wenigerkind nämlich Geburtstag. Vor 30 Jahren, an seinem 23., saß er in Bremen vor dem Fernseher. Erst ein paar Tage zuvor war er über die Prager Botschaft in den Westen gelangt, zu seinen Verwandten an die Weser. Nach zwei gescheiterten Fluchtversuchen hatte er endlich das Ziel seiner Träume erreicht. Und jetzt das – plötzlich offene Grenzen. „Das hat mir die Sprache verschlagen“, sagt Wenigerkind. „Ich war sogar ein bisschen neidisch auf die Leute, die über die Mauer kletterten.“

Noch immer nagt seine DDR-Vergangenheit an ihm. Zum Gespräch im Pressehaus hat der sportliche 1,90 Meter-Mann seine Stasi-Akte mitgebracht. Lange konnte er sich nicht überwinden, sie eingehend zu studieren. „Werturteile über sich selbst zu lesen, das macht etwas mit einem“, sagt er. Erst recht, wenn sie von Freunden oder Bekannten stammen. Bis heute weiß Wenigerkind nicht, wer sich als Informant über ihn ausgelassen hat. „Und das alles nur, weil ich ‚politisch labil‘ war.“ Ein Zitat aus seiner Stasi-Akte, in der es wörtlich heißt, Wenigerkind habe eine „labile politische Grundeinstellung zur DDR und zur Anwendung der Schusswaffe an der Staatsgrenze“.

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Vier Stunden lang spricht Wenigerkind über seine Erfahrungen und Erlebnisse. „Ich bin im Gefängnis gewesen, weil ich in ein anderes Land wollte. Ich will nicht, dass es vergessen wird“, sagt er. Seine Geschichte ist nicht zuletzt eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Von den Grenzen, die man als Jugendlicher auslotet. Aber gleichzeitig eben auch eine Geschichte von der innerdeutschen Grenze, die in Zeiten des Kalten Krieges den Ostblock vom Westen trennte.

Hippie, Popper und Punk sei er gewesen, sagt Wenigerkind. Ein aufmüpfiger, vorlauter Typ, der gern mal provozierte. Der in seiner Clique das große Wort führte, ohne sich viel dabei zu denken. „In der Akte steht, ich sei arrogant und selbstherrlich gewesen“, sagt Wenigerkind und zuckt mit den Achseln. Keine guten Eigenschaften für jemanden, der es in der DDR zu etwas bringen wollte. „Man musste nicht in der Partei sein“, betont er, „aber man durfte bloß nicht auffällig werden.“

Familie stramm auf Parteilinie

Dabei hatte Wenigerkind eigentlich keine schlechten Voraussetzungen. Seine Familie kam aus dem Arbeitermilieu und bewegte sich stramm auf Parteilinie. Die Eltern gehörten der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) an, die Mutter engagierte sich als örtliche Leiterin der Freien Deutschen Jugend (FDJ), der einzig zugelassenen Jugendorganisation in der DDR. Ein Onkel war als Stadtrat in Apolda aktiv, der Großvater bekleidete eine führende Position als Gewerkschaftsfunktionär. Doch irgendwann habe er gemerkt, dass seine Familie es gar nicht ernst meinte mit ihren politischen Aktivitäten. Mit zehn oder zwölf Jahren wusste Wenigerkind: „Ich will nie so werden wie meine Familie.“

In autoritären Systemen verschwimme die Individualität, sagt Wenigerkind. Gerade darum habe er immer Leute bewundert, die gegen das Establishment aufbegehrten. „Mich reizte die andere Perspektive.“ Und die bekam er zu sehen, wenn mal wieder Westbesuch vor der Haustür stand: die Cousine seiner Mutter mit ihrem Lebensgefährten aus Bremen. Der DDR-Doktrin zufolge handelte es sich um Klassenfeinde. Was der aufgeweckte Junge aber schlecht mit seinen persönlichen Eindrücken in Einklang bringen konnte. „Ich dachte: Die können doch nicht mein Feind sein.“

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Gleichwohl war Wenigerkind bereit, sich zu arrangieren mit einem System, an dem ihm nichts lag. Heimlich trat er in die SED ein, als er volljährig wurde. Niemand wusste davon, noch nicht einmal seine Familie. Sein Kalkül: Als Parteimitglied würde er es leichter haben, ein Studium aufzunehmen. Deshalb auch seine Entscheidung, sich für drei Jahre bei der Nationalen Volksarmee (NVA) zu verpflichten. Zu den Fallschirmspringern wollte Wenigerkind, die körperlichen Voraussetzungen dafür hatte er.

Dann plötzlich die ernüchternde Bauchlandung, als sein Kaderstempel nicht erneuert wurde, eine Art Gütesiegel, ohne den nichts lief. „Wegen meiner Westverwandtschaft durfte ich nicht springen“, sagt Wenigerkind. Für den jungen Mann eine frustrierende Erfahrung. Seine Empfindung: „Was wollt ihr denn noch, ich krieche euch doch schon in den Hintern.“ Weil das nichts brachte, wollte er seine Dienstzeit auf eineinhalb Jahre reduzieren. Vier Mal verfasste er ein Entpflichtungsgesuch, alle wurden abgeschmettert. Wohl oder übel blieb er bei der NVA, muckte aber immer mal wieder auf. Seither hatten ihn seine Ausbilder auf dem Kieker, er wurde schikaniert. „Die haben mich ausgezählt, ich habe mich durch die Armeezeit gerettet.“

Parteiaustritt erschwerte Berufsausübung

Innerlich hatte er zu diesem Zeitpunkt längst abgeschlossen mit der DDR, aus der SED trat er noch als Soldat wieder aus. Einen anspruchsvollen Beruf konnte sich Wenigerkind bei seiner Rückkehr ins Zivilleben abschminken, auch an Montageausflüge in den Westen war für den gelernten Maschinenbauer nicht zu denken. Sogar sein Onkel konnte ihm keinen Job beschaffen. „Der war peinlich berührt, als er von meinem Austritt hörte.“

In dieser Situation kam der Abbau der ungarischen Grenzanlagen im Sommer 1989 wie gerufen. Per Touristenvisum reiste Wenigerkind ins sozialistische Bruderland. Doch er hatte sich zu früh gefreut, noch gab es kein Durchkommen. „Die Grenze war dicht“, erinnert sich Wenigerkind. Unverrichteter Dinge kehrte der damals 22-Jährige nach Hause zurück und wartete auf eine neue Gelegenheit, der DDR den Rücken zu kehren.

Als der Eiserne Vorhang zwischen Österreich und Ungarn im August zusehends durchlässiger wurde, wagte Wenigerkind einen neuen Anlauf. Mit einem Freund schlug er einen Umweg über die heutige Slowakei ein, als Wanderurlauber getarnt überquerten sie die grüne Grenze nach Ungarn. Doch das gelobte Land schob die beiden Freunde wegen illegaler Einreise nach 24 Stunden wieder ab. Mit etlichen anderen DDR-Flüchtlingen landeten sie in einem Gefängnis in Bratislava. „Bis dahin war alles noch Abenteuer“, sagt Wenigerkind. Doch nun kippte seine Stimmung.

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Mit dem Flugzeug ging es zurück nach Ostberlin und mit einem Gefangenentransporter weiter nach Erfurt. Dort angekommen, musste er die ganze entwürdigende Prozedur bei einem Haftantritt über sich ergehen lassen. „Wir mussten uns nackt ausziehen, es wurde uns alles abgenommen.“ In dieser Nacht erlitt Wenigerkind einen psychischen Zusammenbruch. „Ich wollte der coolste Mensch auf der Erde sein. Aber ich habe die ganze Nacht geheult wie ein Baby.“ Zu seinem Glück musste er nicht lange einsitzen. Bereits am nächsten Tag kam der 22-Jährige wieder auf freien Fuß. Der Wärter habe ihm eröffnet: „Da können Sie froh sein, dass Sie so einen Fürsprecher haben.“ Wer dieser Fürsprecher war, weiß Wenigerkind bis heute nicht – mithilfe einschlägiger Unterlagen will er es aber jetzt in Erfahrung bringen.

Als merkwürdige Zwischenzeit hat Wenigerkind die Wochen nach seiner Haftentlassung in Erinnerung. „Die Lage war angespannt, immer mehr Leute wollten gehen.“ Auch Wenigerkind wartete nur auf seine nächste Chance. Wieder setzte er sich mit einem Freund in den Zug, diesmal ging es angeblich zu einem Tanzwettbewerb nach Prag. „Dabei haben wir uns als schwules Pärchen ausgegeben.“ Kaum angekommen, suchten die beiden die deutsche Botschaft auf. Kurz darauf der denkwürdige Auftritt des damaligen Bundesaußenministers Hans-Dietrich Genscher, der den Geflüchteten verkündete, ihre Ausreise sei bewilligt worden.

ADAC-Atlas leistete gute Dienste

Bremen als Ziel stand außer Frage. Bei seiner Ankunft kam ihm zugute, dass er bei den Besuchen seiner Verwandten immer sehr eifrig deren ADAC-Atlas studiert hatte. Dank seines exzellenten Erinnerungsvermögens konnte sich Wenigerkind problemlos an der Weser orientieren. Und dann fünf Tage später der Fall der Mauer. „Und da nehme ich noch den ganzen Mist auf mich, habe ich damals gedacht“, sagt Wenigerkind. „Am liebsten wäre ich zurück nach Apolda gefahren und von dort aus nach Berlin, um vom Ostteil über die Mauer zu klettern.“

Im Westen kam Wenigerkind schnell an. Er machte seinen Meister und bildete sich weiter, heute lebt der dreifache Vater in Findorff und arbeitet als Berufsschullehrer in Wildeshausen. Die individuellen Möglichkeiten einer freien Gesellschaft schätzt Wenigerkind als hohes Gut ein. „Ich bin jetzt aus dem Nichts Oberstudienrat und musste dafür keiner Partei angehören“, sagt er. Und natürlich genießt Wenigerkind die Reisefreiheit. Allein in diesem Jahr habe er schon fünf legale Grenzübertritte ohne jegliche Kontrolle absolviert. Wie man gegen Europa sein kann, versteht er nicht. Ebenso wenig kann er Vorbehalte gegen Migranten nachvollziehen. „Man darf sie nicht stigmatisieren, jeder sucht sein Glück.“

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Die DDR stecke noch immer in ihm, so Wenigerkind. „Die DDR war meine Heimat, dort habe ich meine ersten erotischen Momente erlebt, meinen ersten Alkohol getrunken.“ Über die jüngsten Wahlerfolge der AfD im Osten will er sich kein Urteil erlauben, sagt aber: Schon zu DDR-Zeiten habe es eine rechte Szene gegeben. Eher skeptisch beurteilt er die Aussichten einer Annäherung zwischen Ost- und Westdeutschen. „So schnell wachsen die beiden Teile nicht zusammen, das wird noch zwei bis drei Generationen dauern.“

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