OHB-Chef im Interview „Wir sind nicht im Schlaraffenland“

Zum Auftakt des IAC in Bremen spricht OHB-Chef Marco Fuchs über das Wachstum seiner Firma, Expansionen auf den US-Markt und die Zukunft der Raumfahrt.
30.09.2018, 18:48
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„Wir sind nicht im Schlaraffenland“
Von Stefan Lakeband

Herr Fuchs, an diesem Montag beginnt der International Astronautical Congress (IAC) in Bremen. Verrät die Wahl des Austragungsortes viel über die Bedeutung für die Raumfahrt?

Marco Fuchs: Der IAC ist ein Weltkongress, der jeden Teil der Erde abdecken soll. Wenn man aber sieht, dass der Kongress kommendes Jahr in Washington D.C. und danach in Dubai stattfinden wird, leitet sich daraus die Rolle ab, die Bremen international in der Raumfahrt spielt. Wenn mehr als 4000 Menschen zu uns in die Hansestadt kommen, repräsentieren wir nicht nur Bremen oder Deutschland, sondern stellvertretend ganz Europa. Wir sind erste Liga und wollen das zeigen.

Was erwarten Sie vom IAC?

Für OHB ist der Kongress besonders, weil wir dadurch unglaublich viele Menschen treffen können, nicht nur auf der Messe. Der neue Chef der Nasa kommt beispielsweise zu Gesprächen zu uns ins Unternehmen.

OHB ist ein bekannter Namen. Brauchen Sie die Werbung in der Branche noch?

Darum geht es beim IAC weniger. Bei der Ausstellung zeigt jedes Unternehmen, was es gerade macht und was es plant. Hier werden aber auch die Themen der Zukunft besprochen, das, was in der Raumfahrt künftig wichtig sein wird.

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Was sind denn die Trends der Branche?

Raumfahrt umfasst viele verschiedene Bereiche, etwa Telekommunikation oder Navigation. Wichtige Fragen gibt es aber auch im Bereich der Erkundung des Alls. Da geht es um Missionen zum Mond oder zum Mars, und was nach dem Ende der internationalen Raumstation ISS kommt. In der Astronautischen Raumfahrt arbeiten viele Nationen zusammen, und Bremen ist mit Airbus in diesem Bereich besonders gut aufgestellt.

Häufig nutzen Unternehmen Messen, um große Aufträge bekannt zu geben. Wird es beim IAC auch so sein?

Wir planen, den Plato-Vertrag mit der Esa zu unterschreiben. Den Auftrag haben wir schon vor einiger Zeit gewonnen, jetzt sind die Details ausgearbeitet. Plato ist nicht nur wichtig, weil der Auftrag ein Volumen von 300 Millionen Euro hat, sondern weil es auch die erste große wissenschaftliche Mission ist, die wir führen. Mit der Sonde sollen Exoplaneten beobachtet werden. Es geht um die Frage: Wie sieht es in anderen Sonnensystemen aus, gibt es dort Planeten, auf denen Leben möglich ist?

2019 jährt sich die Mondlandung zum 50. Mal. Was wäre aus Ihrer Sicht das nächste Ereignis, das so einen Eindruck hinterlassen kann?

Ich bin ein Anhänger einer neuen Mondmission. Das klingt vielleicht altbacken, weil wir schon einmal dort waren. Realistisch betrachtet gibt es momentan aber nur den Mond und den Mars als Ziele. Ich würde mir wünschen, dass man eine Forschungsstation auf dem Mond aufbaut, in der Menschen dauerhaft leben. So ähnlich wie es jetzt schon in der Antarktis der Fall ist.

Raumfahrt war lange ein staatliches Thema. Das ändert sich nun, es gibt immer mehr private Konkurrenz. Wie sehr steigt dadurch der wirtschaftliche Druck für Sie?

Es wird unübersichtlicher auf dem Markt. Das ist aber der Beleg für die Relevanz der Raumfahrt. Wir sind in vielen Bereichen immer noch am Anfang. Und auch die Wissenschaft wird es immer geben, auch wenn sie sich nie kommerziell betreiben lassen wird.

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Gibt es einen Unterschied zwischen den Märkten für Raumfahrt in den USA und Europa?

In den USA gibt die öffentliche Hand wesentlich mehr Geld für die Raumfahrt aus. Die Nasa ist eine riesige Raumfahrtagentur, und auch das Militär interessiert sich viel mehr für das All. Das hat natürlich mit den Ambitionen des Landes zu tun: Die USA haben sich als Ziel gesetzt, den Weltraum zu dominieren.

Haben Sie deswegen auch kürzlich mehr Geld für deutsche Raumfahrtprojekte gefordert?

Der Wettbewerb in Europa wird immer schärfer. Deswegen ist es wichtig, die nationale Technologieentwicklung zu stärken. Deutschland sollte mehr eigene Projekte in Auftrag geben, um so die Branche zu stärken. Wir können es uns nicht leisten, immer nur auf europäische Projekte zu setzen. Frankreich macht das beispielsweise anders. Das Land stärkt seine eigene Industrie durch ihr nationales Raumfahrtprogramm mit deutlich mehr Geld als das etwa in Deutschland der Fall ist. Die Mittel dafür kann man sich aber später zurückholen, wenn man dadurch europaweite Aufträge gewinnt. Das geht aber nur, wenn man gut ist. Und gut wird man, wenn man gut vorbereitet ist.

Wenn der Markt in den USA so groß ist, überlegen Sie dann, mit OHB dorthin zu expandieren?

Das ist nicht so einfach. Wir können nicht kommen und sagen: ‚Wir sind die Deutschen und verkaufen euch jetzt Satelliten‘. Die Amerikaner kaufen nicht so leicht bei einer ausländischen Firma. Die kaufen lieber mit amerikanischen Steuergeldern amerikanische Produkte von amerikanischen Firmen, die in Amerika hergestellt werden. Das ist überall so. In Europa kauft ja auch keiner mit Steuergeldern amerikanische Satelliten.

Aber amerikanische Raketen.

Das kommt immer mal wieder vor. Das hängt häufig damit zusammen, wie gut Angebot und Nachfrage zusammenpassen. Selbst Deutschland kauft Raketen aus den USA.

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Fänden Sie es sinnvoll, die europäische Raumfahrt besser vor Konkurrenz aus dem Ausland zu schützen – so wie in den USA oder Russland?

Wenn Sie jemanden aus der Industrie fragen, ob es gut ist, wenn man geschützt wird, dürfte die Antwort klar sein. Ich halte es für sinnvoll, wenn wir in Europa europäische Raketen und Satelliten kaufen. Das ist aber eine politische Entscheidung.

Bis Ende des Jahres wollen Sie 200 neue Leute einstellen. Wie schwer ist es für OHB, Mitarbeiter zu finden?

Wir haben in der Raumfahrt Vollbeschäftigung. Die jungen Leute können sich aussuchen, wo sie arbeiten wollen. Deshalb müssen wir attraktiv sein. Das geht, indem wir jungen Leuten eine Perspektive geben, bei der sie selbst irgendwann die Verantwortung in einem Projekt oder einer Fachrichtung übernehmen können. Außerdem ist Deutschland als Standort sehr attraktiv, Bremen als Stadt und OHB als Unternehmen auch. Deswegen kommen Mitarbeitern aus ganz Europa zu uns.

Sie haben angekündigt, neue Gebäude zu bauen und zusätzliche Büros anzumieten. Doch der Platz im Technologiepark ist begrenzt.

Mittlerweile ist der Technologiepark gut voll. Wir sind aber an den Standort gebunden und wollen, dass alles zusammenhängt. Einen zweiten Standort woanders in Bremen wollen wir nicht.

Raumfahrt ist eine Wachstumsbranche. Aber sehen Sie auch Gefahren?

Raumfahrt muss immer nützlich sein – und auch da gibt es Wettbewerb. Früher wurden Telefonate zwischen Kontinenten über Satelliten abgewickelt. Heute macht das keiner mehr. Und in ein paar Jahren werden Menschen vielleicht auch Fernsehen nicht mehr über Satellit empfangen. Es gibt Wettbewerb, Kostendruck und andere Unternehmen mit guten Ideen. Wir leben nicht im Schlaraffenland.

Der aktivistische Investor Guy Wyser-Pratte hat im Interview mit dem WESER-KURIER gesagt, der Brexit sei ein Problem für das Galileo-Programm, weil Teile Ihrer Satelliten aus Großbritannien kommen.

Wenn wir über den Brexit reden, ist Galileo eines der kleineren Probleme. Wir sind mit unseren Partner SSTL aus Großbritannien sehr gut gefahren und sind daher auch weiter daran interessiert, soweit es geht auch Lieferbeziehungen mit Firmen von dort fortzuführen.

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Wyser-Pratte sagte auch, er halte nichts davon, mit Unternehmensvertretern zu sprechen. Stattdessen hat er OHB, aber auch Sie und Ihre Mutter persönlich und öffentlich kritisiert. Hätten Sie Interesse an einem Gespräch mit Guy Wyser-Pratte?

Nein, eigentlich nicht. Wir sind ein börsennotiertes Unternehmen und sollten mit einzelnen Aktionären nicht anders umgehen als mit dem Rest. Es gibt klare Regeln, wie wir mit unseren Anteilseignern kommunizieren. Ich glaube, dass Guy Wyser-Pratte wie viele OHB-Aktionäre einen guten Einblick in unsere Aktivitäten hat. Der Umgang miteinander ist vernünftig gewesen.

Wenn man über Raumfahrt spricht, landet man früher oder später bei Elon Musk, dem Gründer von SpaceX. Er wird gefeiert wie Popstar. Finden Sie das Image gerechtfertigt?

Elon Musk ist eine erfolgreiche Unternehmerpersönlichkeit; SpaceX ist eine erfolgreiche Firma. Vor 15 Jahren ist seine Firma zum ersten Mal auf dem IAC in Bremen aufgetreten. Das waren damals Nobodys. Seitdem ist viel passiert. Wer Raketen bauen will, muss sich jetzt mit SpaceX messen.

Das Gespräch führte Stefan Lakeband.

Info

Zur Person

Marco Fuchs wurde 1962 geboren. Der Jurist ist Vorstandsvorsitzender von OHB. Das Familienunternehmen ist vor allem durch die Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo bekannt.

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