Gefälschter Impfnachweis? Ermittlungen gegen Werder-Trainer Anfang: Was bis jetzt bekannt ist

Gegen Werder-Trainer Markus Anfang ermittelt die Staatsanwaltschaft Bremen wegen eines möglicherweise gefälschtem Impfnachweises. Der Fall sorgt für viel Aufsehen und Diskussionen. Was bis jetzt bekannt ist.
19.11.2021, 20:10
Lesedauer: 4 Min
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Von Daniel Cottäus, Carsten Sander, Björn Knips

Als hätte ihn jemand eigens für diesen Zweck bestellt. Damit er genau an diesem Tag, gut sichtbar für jedermann, direkt vor dem Weserstadion parkt – und seine Botschaft sendet. Die Aufschrift des Lastwagens, mit dem gerade frisches Obst angeliefert wurde, hätte die allgemeine Stimmungslage am Freitagmorgen rund um den Osterdeich jedenfalls nicht zynischer auf den Punkt bringen können. „Wir machen keine krummen Dinger“ stand dort vor einem Hintergrundbild mit lauter Bananen geschrieben, während nur wenige Meter Luftlinie entfernt ein Mann seiner Arbeit nachging, dem genau das vorgeworfen wird – ein ziemlich krummes Ding gedreht zu haben.

Die Staatsanwaltschaft Bremen hat am Freitagmorgen offiziell bestätigt, ein Ermittlungsverfahren gegen Werder Bremens Cheftrainer Markus Anfang eingeleitet zu haben. Es geht dabei um den Vorwurf, dass der 47-Jährige der Bremer Gesundheitsbehörde einen gefälschten Impfnachweis vorgelegt haben soll. Die Gesundheitsbehörde hatte deshalb bereits am späten Donnerstagnachmittag Strafanzeige gegen den Werder-Coach gestellt – und damit ein wahres Beben am Osterdeich ausgelöst.

Anfang versichert, beide Corona-Impfungen erhalten zu haben

Anfang selbst beteuert in einer Mitteilung des Vereins vehement seine Unschuld und versichert, beide Corona-Schutzimpfungen „in einem offiziellen Impfzentrum erhalten und dafür die entsprechenden Aufkleber im gelben Impfpass bekommen“ zu haben. Genau bei diesem Pass hatte das Gesundheitsamt jedoch Unstimmigkeiten festgestellt.

Nach der Corona-Infektion von Abwehrspieler Marco Friedl war Anfang im Zuge der Kontaktnachverfolgung in den Fokus der Behörde geraten. Nach Informationen unserer Deichstube sind in seinem Impfnachweis sowohl bei der detailliert überprüfbaren Chargennummer des Impfstoffs als auch beim Impfdatum Unstimmigkeiten aufgetaucht, die nun von der Staatsanwaltschaft überprüft werden. Einer der beiden Impftermine in Anfangs Pass soll sich mit einem Einsatz als Werder-Trainer überschneiden, sprich einen Zeitpunkt benennen, zu dem sich der Trainer gar nicht hätte impfen lassen können. Anfang selbst wollte sich auf Nachfrage unserer Deichstube am Freitag nicht zu den Vorwürfen äußern. Nachdem der Trainer das Abschlusstraining vor dem Heimspiel gegen Schalke 04 am Vormittag regulär geleitet hatte, war es Sportchef Frank Baumann, der vor die Kameras trat und erklärte, dass er der Darstellung Anfangs glaubt.

Baumann stützt den Werder-Trainer 

Markus hat uns versichert, dass alles korrekt gelaufen und er geimpft ist. Es gibt für uns keinen Anlass, daran zu zweifeln“, sagte Baumann, der damit die folgende Botschaft sendete: So lange die Vorwürfe gegen Anfang nicht en Detail geklärt sind, bleibt der Trainer im Amt, wird also – Stand jetzt – am Samstagabend auf der Trainerbank sitzen. Darüber hinaus äußerte der Sportchef sein Unverständnis für das Vorgehen der Behörden und kritisierte, dass Anfang nicht darüber in Kenntnis gesetzt worden sei, woraus der Vorwurf gegen ihn konkret besteht: „Bis jetzt ist es so, dass Markus selbst noch überhaupt nicht kontaktiert wurde. Für ihn ist es nicht schön, mit Vorwürfen belastet zu werden, von denen man gar nicht weiß, was genau das Problem ist.“

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Ein Vorgehen, das aber absolut üblich ist. In Ermittlungsverfahren gehört es in der Regel nicht zu den ersten Schritten einer Staatsanwaltschaft, den Beschuldigten über die Sachlage zu informieren – allein schon, um einer möglichen Verdunklungsgefahr vorzubeugen. Erhärtet sich der Verdacht nicht, erfahren Beschuldigte zum Teil nie, dass überhaupt gegen sie ermittelt wurde. Ist das Gegenteil der Fall, kann zu einem späteren Zeitpunkt eine Vorladung erfolgen.

Anfang könnte im schlimmsten Fall eine Haftstrafe drohen

Ob es bei Markus Anfang so weit kommt, bleibt abzuwarten. Baumann rechnet frühestens „in der kommenden Woche“ mit detaillierten Infos, und natürlich gilt auch für den Werder-Trainer die Unschuldsvermutung. Sollten sich die Vorwürfe allerdings als wahr erweisen, dürfte seine Zeit an der Weser umgehend beendet sein. Schließlich hätte er dann nicht nur Vereinsführung und Öffentlichkeit belogen, sondern sich auch der Dokumentenfälschung schuldig gemacht, was mit Geldstrafen oder im schlimmsten Fall sogar mit einer Haftstrafe geahndet wird.

Innerhalb der Bremer Mannschaft hat der Fall am Freitag wenig überraschend hohe Wellen geschlagen und die Vorbereitung auf das wichtige Schalke-Spiel empfindlich gestört. Schließlich haben die Profis jeden Tag engen Kontakt zu Anfang, begegnen ihm auf dem Platz, im Büro und in der Kabine – und das, wie zu erfahren ist, ohne vorherige Corona-Testung des Trainers. Seit einiger Zeit müssen sich geimpfte Personen bei Werder nämlich nur noch in Ausnahmefällen testen lassen. Gäbe dann jemand vor, geimpft zu sein und ist es nicht, würde er damit sein direktes Umfeld gefährden. Während ungeimpfte Personen bei einem Corona-Fall im Team sofort in Quarantäne müssen, gilt das für Geimpfte zudem nicht. 

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Anfang kam im Sommer ungeimpft zu Werder

Bekannt ist, dass Markus Anfang noch nicht geimpft war, als er im Sommer als neuer Werder-Coach vorgestellt wurde. Das hatte er selbst bei Dienstantritt verkündet – zu einem Zeitpunkt, als noch viele Menschen auf ihren Impftermin warten mussten. Im Herbst soll er dann bei Werder seinen Impfnachweis vorgelegt haben, wodurch er aus dem Testprogramm ausschied.

Der Druck auf die handelnden Personen im Profi-Fußball, sich impfen zu lassen, ist im Laufe der Zeit um einiges größer geworden und hatte spätestens mit dem Fall Joshua Kimmich einen Höhepunkt erreicht. Inzwischen ist der Impfstatus gesellschaftlich längst zu einer politischen Frage geworden, die Anfang in einem Interview in der Vorwoche wie folgt beantwortet hatte: „Ich bin selbst geimpft, aber jeder darf seine Entscheidung treffen.“ Da war noch nicht klar, dass das Ganze ein Fall für die Bremer Staatsanwaltschaft werden würde.

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