Werders Aufsichtsratschef Bode im Interview „Ich werde nicht hinwerfen“

Marco Bode steht seit sechseinhalb Jahren Werder Bremens Aufsichtsrat vor – und nun droht unter seiner Führung der Abstieg. Im Interview spricht der 51-Jährige über das Saisonfinale und seine Zukunft.
20.05.2021, 18:31
Lesedauer: 5 Min
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Von Björn Knips

Herr Bode, wie groß ist Ihre Angst, dass Werder am Samstag zum ersten Mal seit 41 Jahren absteigt?

Ich habe keine Angst, aber natürlich machen wir uns alle Sorgen. Da hilft es auch nicht, dass wir das vor einem Jahr schon einmal erlebt haben und die Lage damals noch aussichtsloser schien. In der Wiederholung wiegt das fast noch schwerer auf unseren Schultern. Aber wir bleiben zuversichtlich, dass wir es schaffen können, wenn wir zusammenhalten.

Am Wochenende darf die Außen-Gastronomie in Bremen zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder öffnen – ist das aus Werder-Sicht mit Blick auf das Spiel Fluch oder Segen?

Die Pandemie hält uns nun schon seit einem Jahr gefangen, deswegen ist es für uns alle gut, einen Schritt in Richtung Normalität machen zu können. Mein größter Wunsch wäre es, dass es am Samstagabend auch etwas zu feiern gibt. Aber bitte die Corona-Regeln nicht vergessen.

Es kann aber auch großen Frust geben mit negativen Folgen.

Natürlich haben wir uns mit diesem Worst Case schon beschäftigt, dazu sind wir verpflichtet. Meine Haltung lautet aber von jeher: Wenn man Sport macht oder lebt, muss man auch mit Niederlagen umgehen können. Ich hoffe und bin mir eigentlich auch sicher, dass gerade in einer Stadt wie Bremen die Stimmung friedlich bleiben wird. Ich möchte wirklich keine Dinge wie auf Schalke sehen, wo die Spieler attackiert wurden.

Nach dem 33. Spieltag hat Thomas Schaaf von Florian Kohfeldt die Rolle des Trainers übernommen – was kann er in dieser speziellen Situation besser, als Kohfeldt es gekonnt hätte?

Thomas wird mit einigen Veränderungen, mit einer frischen Ansprache, mit einem etwas anderen Stil und sehr viel Erfahrung die Mannschaft wachrütteln. Er kann den Spielern neues Selbstvertrauen geben. Ich bin überzeugt davon, dass die Mannschaft besser spielen kann als in Augsburg und in vielen anderen Spielen der letzten Wochen.

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Hat Kohfeldt nicht alles aus der Mannschaft herausgeholt?

Ich würde es anders sagen: Florian hat den Negativtrend nicht aufhalten können. Ich halte ihn für einen sehr guten Trainer, der sehr gut zu uns passt – gerade mit seiner Persönlichkeit. Ich bin in den letzten Tagen oft gefragt worden, was denn die Kriterien für einen künftigen Trainer wären. So blöde das auch klingt: Wir haben ein Profil, und Florian Kohfeldt erfüllt immer noch sehr viele dieser Kriterien.

Wäre es nicht an der Zeit, dieses Profil zu verändern?

Wir wollen ja nicht genau den gleichen Typen wieder haben. Mir ist da eine Erklärung noch ganz wichtig: Wir mussten insbesondere durch die Pandemie einige sportliche Risiken im Kader eingehen. Bis zum 24. Spieltag ist die Rechnung, eine stabile Saison zu spielen und junge Spieler zu entwickeln, trotzdem aufgegangen. Doch dann ist es in die falsche Richtung gelaufen und die Mannschaft hat immer mehr an Sicherheit verloren, wurde ängstlicher und anfälliger für Misserfolg. Deswegen mussten wir handeln.

Wenn Thomas Schaaf dieses kleine Wunder schafft, muss er dann nicht bleiben?

Nein, das glaube ich nicht. Es wäre sicher ein kleines Wunder. Aber wir haben es auch noch in der eigenen Hand. Wir dürfen das Positive nicht vergessen.

Wie wirkt sich die Abstiegsgefahr auf das Interesse an der Anleihe aus, die seit vergangenen Montag auch für Privatanleger zu haben ist?

Die Nachfrage ist positiv. Ich muss da allerdings etwas klarstellen: Ja, Werder steckt in einer wirtschaftlichen Krise, aber die ist zu managen! Die Geschäftsleitung mit den drei Geschäftsführern und Tarek Brauer arbeiten gemeinsam mit unserem Direktor Finanzen Daniel Bruss wirklich extrem hart dafür. Die Anleihe ist dabei ein Element, um den Worst Case, also eine weitere Saison ohne Zuschauer, zu überstehen. Es geht nicht um eine Insolvenzvermeidung, sondern darum, durch die Krise zu kommen.

Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel, übrigens ein Werder-Fan, sieht durchaus eine Insolvenzgefahr.

Er hat den Wertpapierprospekt zur Anleihe gelesen – und in dem muss man einfach gewisse Risiken darstellen. Es gibt aber nur dann ein Insolvenzrisiko, wenn wirklich alle Dinge schlecht laufen. Und davon gehen wir nicht aus.

Würden Sie als Chef des Aufsichtsrates bei einem Abstieg persönliche Konsequenzen ziehen?

Ich bin durchaus selbstkritisch, werde aber auch im Abstiegsfall nicht einfach hinwerfen und vor der Verantwortung weglaufen. Andererseits werde ich mir nach der Saison in jedem Fall noch einmal Gedanken zu einer zukünftigen Kandidatur machen. Eines ist aber auch klar: Ich weiß, dass in Internetforen und von der berühmten Opposition behauptet wird, wir würden an unseren Stühlen kleben. Aber es ist doch wichtig, gerade in so einer Krise Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Wir müssen handlungsfähig sein, speziell in diesem Sommer und ganz besonders im Fall eines Abstiegs.

Steht Sportchef Frank Baumann allein deshalb nach der Saison nicht zur Diskussion?

Fakt ist, dass der aktuelle Aufsichtsrat den Vertrag mit Frank im Winter verlängert hat – und zwar vernünftigerweise nur um ein Jahr. Denn wir sind davon ausgegangen, dass die Mitgliederversammlung in diesem Frühjahr mit den Wahlen zum Aufsichtsrat hätte stattfinden können. Der neue Aufsichtsrat sollte dann das Recht haben, diese Entscheidung zu bestätigen oder eben auch nicht. Natürlich trägt Frank als Geschäftsführer Profi-Fußball eine Verantwortung für diese Situation, aber ich nehme ihn nach wie vor als sehr kompetent und kämpferisch wahr. Ich weiß genau, unter welchen Bedingungen er in dieser Saison arbeiten musste. Und ich wiederhole es noch mal: Gerade im Worst Case brauchen wir eine funktionierende Geschäftsführung. Das wird unsere Entscheidungsmaxime sein. Wir werden alles analysieren, aber uns nicht unvernünftig verhalten.

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Der Blick in die Zukunft ist alles andere als rosig: Der Schuldenberg wächst und wächst, der Bundesliga-Mannschaft drohen deshalb einige Verkäufe, das Nachwuchsleistungszentrum (LZ) ist von der Infrastruktur her marode – wo sehen Sie da eine Perspektive?

Die Arbeit unseres LZ ist sehr gut, auch die Durchlässigkeit. Natürlich braucht es dort dringend räumliche Verbesserungen. Und natürlich wird uns auch die Pandemie noch lange finanziell beschäftigen. Aber wir haben in den letzten Monaten intensiv an Strategien gearbeitet, auch an Erneuerungen. Das werden wir aber gewiss nicht in dieser besonderen Woche kommunizieren. Es gibt klare Ideen, wie wir diese Schulden wieder zurückzahlen können und trotzdem sportlich wettbewerbsfähig bleiben.

Beinhaltet diese Strategie denn mehr, als nur auf Transfererlöse zu setzen, wie es im Wertpapierprospekt der Anleihe für die nahe, aber auch ferne Zukunft beschrieben ist?

Es wird eine Kombination aus vielen Dingen sein – gepaart mit Einsparungen. Die Bundesliga wird insgesamt mit weniger Mitteln auskommen müssen. Die TV-Erlöse sinken. Natürlich werden Transfererlöse ein zentrales Element sein, aber wir wollen auch in anderen Bereichen neue Erlösquellen generieren. Außerdem soll zum Beispiel die Ausbildung unserer Spieler weiter optimiert werden. Letztlich muss sich Werder immer mehr damit auseinandersetzen, Investoren zu finden, die einen inhaltlich weiterbringen.

Diese Suche ist doch seit Jahren erfolglos geblieben.

Es ist auch nicht einfach, wenn man nicht an irgendeinen Finanzinvestor geraten will. Deshalb darf man aber auch nicht aufgeben. Wir sind da aktiv – und es ist in dieser Woche nicht der Zeitpunkt, irgendwelche Versprechungen zu machen.

Dann zurück zum Abstiegskrimi am Samstag: Wer rettet Werder?

Unsere Mannschaft zusammen mit Thomas Schaaf und seinem Trainerteam. Und wenn es am Samstag noch nicht ganz reicht, dann eben einen Samstag später in der Relegation.

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