79 Prozent unzufrieden mit Bildung in Bremen

Bildung ist das größte Sorgenkind

Schüler haben Probleme beim Rechnen und Lesen, Schulgebäude platzen aus allen Nähten, die Zahl der Kinder nimmt zu: Wohl kein anderes Ressort muss so große Aufgaben stemmen wie die Bildungsbehörde.
05.05.2018, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Bildung ist das größte Sorgenkind
Von Sara Sundermann
Bildung ist das größte Sorgenkind

Mehrere Schulen starteten zuletzt in den Nachmittagsbetrieb, ohne dass die benötigte Mensa fertig war.

dpa

Wenn man Bildung als ein Feld mit Baustellen betrachtet, dann geht es in Bremen nicht um eine normale Straßenerneuerung und auch nicht um eine Handvoll Kanalarbeiten. In Bremen haben die Aufgaben und Herausforderungen in diesem Bereich eher den Charakter einer großen Dauerbaustelle mit tiefer Baugrube, in der ein paar Schaufeln zusätzlicher Millionen locker verschwinden, ohne größeren Eindruck zu hinterlassen.

Deutlich wird durch die Umfrage von Infratest-Dimap: In keinem anderen Politikbereich ist die Unzufriedenheit so groß wie bei der Bildung. Nur 13 Prozent der Befragten sind mit der Bildungspolitik eher zufrieden. Dieser Wert ist sieben Prozentpunkte niedriger als im Mai 2016, die Zustimmung sank. Demgegenüber steht eine große Mehrheit von 79 Prozent, die mit der Bildungspolitik eher unzufrieden sind.

Fatale Ergebnisse in Tests

In die Zeit seit der letzten Bremer Bürgerschaftswahl fielen gleich zwei große bundesweite Bildungstests, die als nationales Gegenstück der Pisa-Studie zeigen, was Schüler können und wo es hakt. Die für Bremen dramatischen Ergebnisse des IQB-Bildungstrend 2017: Jeder dritte Viertklässler kann nicht richtig rechnen, jeder vierte nicht richtig lesen. Erreicht wurden von dieser Gruppe nicht einmal die Mindeststandards. Bei Bremer Neuntklässlern sieht es ähnlich düster aus, das zeigte zuvor der IQB-Report 2016.

Bei den Fähigkeiten von Grundschülern rutschte Bremen gegenüber 2011 sogar noch weiter ab. Im kleinsten Bundesland schlug man die Hände über dem Kopf zusammen. Nach dem zweiten IQB-Bildungstest forderte die Bildungsgewerkschaft GEW gar, man solle sich an den Tests am besten gar nicht mehr beteiligen, um Bremer Schüler nicht weiter zu demütigen. Ein Vorschlag, den man fast für einen Witz halten könnte, würde er nicht zugleich Auskunft über das Ausmaß der Verzweiflung angesichts der Ergebnisse geben.

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Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) reagierte: Ab Sommer dieses Jahres soll es an 15 Grundschulen in Bremen und vier in Bremerhaven jede Woche eine zusätzliche Stunde Mathematik geben. Mit dem Ziel, auch eine zusätzliche Stunde Deutsch einzuführen, drang Bogedan aber nicht durch.

Eine weitere Reaktion auf den IQB-Report: In Bremen soll nun ein Qualitätsinstitut nach Hamburger Vorbild entstehen, Schulaufsicht und Schulleitungen sollen anders zusammenarbeiten. Auch Daten zum Leistungsstand von Schülern sollen mehr in die Arbeit der Schulen einfließen. SPD, CDU und Grüne sind sich einig: Es kann nicht nur um mehr Ressourcen für Schulen gehen, auch an Strukturen muss gearbeitet werden.

Besonders kleiner Teil des Haushalts wurde in Bildung investiert

Der Plan, das Qualitätsmanagement an Schulen zu verbessern, löste bei Schulbeschäftigten allerdings teils drastische Reaktionen aus: Es sei, als drohe ein Unfallopfer zu verbluten und man wolle zunächst ein großes Blutbild machen, kommentierte der Personalrat Schulen. Zuallererst müsse das Personal stark aufgestockt werden, bevor man über Reha-Maßnahmen nachdenken könne.

Dabei gibt es in der Bremer Bildung auch gute Nachrichten: Engagierte Arbeit und gute Konzepte an Bremer Schulen werden immer wieder mit Preisen ausgezeichnet. Seit 2008 gewannen fünf Mal Bremer Schulen den Deutschen Schulpreis. Derzeit hat es die Gesamtschule Bremen-Ost in die engere Auswahl der 15 besten Anwärter für den Preis geschafft, und ein Bremer Kita-Netzwerk gewann just den Deutschen Kita-Preis.

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Klar ist zugleich auch: Bremen hat in der Vergangenheit im Bundesvergleich nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes einen besonders kleinen Anteil seines Haushalts in Bildung investiert. 2014 gaben Berlin und Hamburg rund 2000 Euro mehr pro Schüler aus als Bremen. Allerdings: Ein Stück weit stockte Bremen die Mittel für Bildung zuletzt auf, in dieses Ressort floß der größte Anteil zusätzlicher Mittel.

2018 erhält die Bildungsbehörde 104 Millionen Euro mehr als im Vorjahr, 2019 dann 129 Millionen Euro mehr. 175 zusätzliche Lehrkräfte und mehr als 50 zusätzliche Referendare allein in 2018 wurden eingestellt, auch die Zahl der Sozialarbeiter stieg. Allerdings ist auch die Zahl der Kinder gewachsen, und zwar viel stärker, als Statistiker erwartet hatten.

Priorität hatte zuletzt der Kita-Ausbau

Zum Start des neuen Schuljahres im Sommer werden 56 zusätzliche Klassen benötigt. Lehrkräfte und Elternvertreter gehen davon aus, dass ein Großteil der Mittel in dringend benötigte Schulbauten und die Versorgung zusätzlicher Kinder fließt. Die Bildungsgewerkschaft GEW hat berechnet, dass nur sechs Prozent der Zusatzmittel für reale Verbesserungen in den Schulen ankommen werden.

Und die Schülerzahl wächst weiter: Die Bildungsbehörde geht davon aus, dass die Kinderzahl an Grundschulen bis 2025 um knapp 19 Prozent zunimmt. Deshalb müssen die Schulen, die oft schon jetzt aus allen Nähten platzen, erweitert werden. In den kommenden Jahren muss fast jedes Schulgebäude angefasst und saniert oder erweitert werden.

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Dabei hakte es zuletzt selbst beim Umbau der wenigen neuen Ganztagsschulen, die in den vergangenen Jahren entstanden. Mehrere Schulen starteten in den Nachmittagsbetrieb, ohne dass die benötigte Mensa fertig war. Insgesamt hinkt Rot-Grün beim Ganztagsausbau den eigenen Zielen weit hinterher. Bis 2025 sollen alle 74 Grundschulen auf Ganztag umschalten, zuletzt wurde teils nur eine Schule pro Jahr umgewandelt.

Priorität hatte zuletzt der Kita-Ausbau: Der Senat setzte auf ein Ausbauprogramm, um kurzfristig den Mangel an Plätzen zu beheben. 2017 wurden in Bremen 1800 Kita-Plätze geschaffen, davon der Großteil in Containern. Und der Ausbau muss weitergehen, bis 2020 werden 3800 weitere Plätze gebraucht.

Weitere Informationen

Die Umfrage

Das Institut Infratest-Dimap hat im Auftrag des WESER-KURIER vom 13. bis zum 18. April 1002 zufällig ausgewählte Wahlberechtigte im Land Bremen telefonisch befragt. Alle Daten der repräsentativen Umfrage stellen wir seit Mittwoch in vier Folgen vor.

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