Ex-Reeder Niels Stolberg

Die Bilanz des Beluga-Verfahrens

Der Belug-Prozess um Ex-Reeder Niels Stolberg war mit einem immensen Aufwand verbunden. Nach fünf Jahren der Ermittlung und zwei Jahren Prozessdauer kann vieles bilanziert werden.
15.03.2018, 22:10
Lesedauer: 4 Min
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Die Bilanz des Beluga-Verfahrens
Von Jürgen Hinrichs

Sie saß auf der Empore stets ganz hinten, an der Wand, eine schmale Person, die aufmerksam verfolgte, was das Gericht zu verhandeln hatte. Die Frau war Richterin und für den Fall eingesetzt, dass einer ihrer Kollegen der Kammer ausfällt und jemand einspringen muss, der in dem komplizierten Verfahren einigermaßen im Bilde ist. Doch dann passierte es nicht den anderen, sondern ihr. Sie wurde krank und starb, eine tragische Geschichte. Das ist die eine Tote in dem Betrugsprozess, es gibt eine weitere: eine Zuschauerin, die keinen Verhandlungstag ausließ, auch sie fiel einer Krankheit zum Opfer. Ein Schöffe schied aus, weil bei ihm Lungenkrebs festgestellt wurde. Und dann ist da ja auch noch der Hauptangeklagte, Niels Stolberg. Er lebt, ist aber von Krankheit gezeichnet. Die Diagnose kam, als das Verfahren bereits voll im Gang war: Magenkrebs. Stolberg hat eine schwere Operation hinter sich.

Vieles kann nach mehr als zwei Jahren Prozessdauer bilanziert werden, aber eben auch dies: Was ist mit den Menschen passiert, die sich regelmäßig im Gerichtssaal trafen? Was hat die lange Zeit mit ihnen gemacht?

Tiefe Einschnitte und Heiterkeit

Krankheit und Tod waren die tiefen Einschnitte. Es gab aber noch eine ganz andere Seite, die so heiter und gelassen war, dass die Beteiligten sich manchmal zwicken mussten, um wieder zu begreifen, womit sie es hier zu tun hatten – dass den Angeklagten, neben dem Ex-Reeder Stolberg waren das drei Männer aus dem früheren Management von Beluga, Gefängnis drohte und sie so oder so wegen der hohen Kosten für die Verteidigung und möglicher zivilrechtlicher Ansprüche von Gläubigern des Unternehmens vor einem riesigen Scherbenhaufen stehen.

Das Beluga-Verfahren war mit einem immensen Aufwand verbunden. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten fast fünf Jahre ermittelt, bevor am 20. Januar 2016 vor der Großen Wirtschaftsstrafkammer 2 des Bremer Landgerichts der Prozess begann. Die drei Richter der Kammer wurden anderthalb Jahre freigestellt, um sich in die Materie einzuarbeiten. Es war ein Konvolut von Unterlagen, durch das sie sich wühlten – zehn Terabytes Daten, umgerechnet sind das etliche Millionen Seiten Papier, für die erst einmal eine Ordnung gefunden werden musste.

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In Belugas Buchhaltung herrschte Chaos, ob gewollt oder ungewollt. Deshalb war es für die Ermittler so schwierig, manchmal sogar unmöglich, die Geschäfte der Reederei zu erfassen und im besten Fall auch zu begreifen. Hätten sie nicht das Glück gehabt, einen der Angeklagten als Kronzeugen zu gewinnen, der ihnen die Schneisen durch das Daten-Dickicht schlug, wären sie auf verlorenem Posten gewesen. Der Zeuge war bei Beluga für die Finanzen zuständig. In mehr als 100 Stunden Vernehmung gab er sein Wissen preis. Angefangen hatten die Ermittlungen am 2. März 2011, einen Tag nachdem der neue Eigentümer von Beluga, der US-amerikanische Hedgefonds Oaktree, den bisherigen Eigner und Reeder rausgeschmissen hatte.

Stolberg war damals zu einer Besprechung in den Konferenzraum seiner Firmenzentrale auf dem Teerhof gebeten worden und sah sich plötzlich sechs Anwälten von Oaktree gegenüber, die ihn mit Vorwürfen überhäuften. Noch am selben Nachmittag musste er seine Sachen packen und das Haus verlassen. Der schmachvolle Abgang eines Mannes, dem die Jahre zuvor alles zu gelingen schien. Er hatte seine Reederei in 16 Jahren zum Weltmarktführer im Schwergutgeschäft gemacht. Er wurde zum Unternehmer des Jahres gekürt. Er war Schaffer bei der Schaffermahlzeit, die höchste Ehre, die einem Bremer Kaufmann zuteil werden kann. Bei der nicht minder traditionellen Eiswette wurde er Genosse. Bei Werder saß er im Aufsichtsrat. Und jetzt, von einem Tag zum anderen, war alles perdu. Stolberg quartierte sich in Bremen in eine kleine Wohnung ein, zu Hause war er in Bad Zwischenahn, und bereitete sich auf seine Verteidigung vor, ohne zunächst zu wissen, was genau ihm vorgeworfen wird.

Kreditbetrug in 16 Fällen

Die erste Anklageschrift stammte von Dezember 2012, darin wurde den vier Angeklagten gemeinschaftlicher Kreditbetrug in 16 Fällen vorgeworfen. Es folgten zwei weitere Komplexe, sie enthielten den Verdacht, dass sich insbesondere Stolberg der Untreue, Bilanzfälschung und des schweren Betrugs schuldig gemacht hat. Alles zusammen genommen waren es 875 Seiten, die von der Staatsanwaltschaft zusammengetragen wurden. Sie machte sich in ihrem Plädoyer einen Begriff zu eigen, der in den Medien im Zusammenhang mit dem Beluga-Prozess immer wieder verwendet wurde: Es sei ein Mammutverfahren gewesen, sagte die Vertreterin der Anklage, so etwas habe die Bremer Justiz noch nicht gesehen.

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Wie das Gericht, hatten auch die Strafverfolgungsbehörden eine besondere Situation zu bewältigen. Die Polizei gründete eine Ermittlungsgruppe, der in Spitzenzeiten bis zu 15 Beamte angehörten. Zwei Staatsanwälte taten in dieser Zeit nichts anderes als die Ergebnisse zu sichten, zu bewerten und sie zu den drei Anklageschriften zu verdichten. Die letzte datiert von Januar 2014, aber damit war die Arbeit noch nicht getan. Neben der Hauptverhandlung mussten rund 100 weitere Verfahren vorbereitet werden, das Gros stand im Zusammenhang mit der Insolvenz der vielen Schiffsgesellschaften, die unter der Ägide von Beluga entstanden waren und dazu dienten, das Geld von Anlegern einzusammeln. Zu einer weiteren Anklage kam es nach den Ermittlungen gegen den Steuerberater von Stolberg. Ihm wird Beihilfe zur Untreue und zum Kreditbetrug vorgeworfen. Wann die Gerichtsverhandlung eröffnet wird und ob es überhaupt dazu kommt, ist noch unklar. Schließlich das Verfahren gegen einen Zeugen im Beluga-Prozess. Er hatte sich der uneidlichen Falschaussage schuldig gemacht und bekam einen Strafbefehl.

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