Wochenschwerpunkt Sucht Flucht vor dem Alltag

Mit 16 findet sie die Leiche ihres Vaters – eines Alkoholikers. Ihr Leben gerät aus den Fugen, und sie beginnt, Cannabis zu rauchen. Seit einem Dreivierteljahr raucht sie nicht mehr.
31.07.2017, 16:27
Lesedauer: 4 Min
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Flucht vor dem Alltag
Von Jan-Felix Jasch

Sie will es ihrer Tochter auf jeden Fall erzählen – wenn diese alt genug ist. Jetzt ist die Kleine zehn, das ist noch zu früh, findet ihre Mutter. In vier oder fünf Jahren hat sie vor, ihrer Tochter von ihrer Sucht zu erzählen. Bei der 34-Jährigen fing es in der Pubertät an. „Mit 14 habe ich den ersten Joint geraucht“, sagt sie. Mit 16 wird es dann häufiger und regelmäßiger. Jetzt – knapp 20 Jahre später – kifft sie nicht mehr, seit einem Dreivierteljahr.

So weit wie heute war sie schon einige Male, doch immer fängt sie wieder an. Einmal raucht sie fast anderthalb Jahre kein Gras – bis der Rückfall mit dem Nachbarn kommt. „Ich habe nach einem Konzert einfach geklopft und gefragt, ob er was da hat“, erzählt sie. Es war ein Reggae-Konzert. „Ein Klischee“, weiß die 34-Jährige, „aber die Musik und das Kiffen müssen nicht zusammengehören.“ Ihr Nachbar hatte was im Haus. Und dann rauchten die beiden einen Joint – und es ging wieder los.

Es hört nie ganz auf

„Es ist eine Sucht“, sagt sie. Verharmlosen will sie nichts, das betont sie immer wieder. Auch wenn Kiffen vielleicht nicht so schlimm sei wie der Konsum harter Drogen. Auch die hat sie mal versucht. Pilze, Ecstasy, Amphetamine und Koks. „Aber das war nichts für mich.“ Sie nimmt es, weil Freunde es nehmen. „So Mitläufer-mäßig.“ Sie bleibt bei Gras. Lernt Menschen kennen, die auch kiffen. Mal raucht sie mehr, mal weniger. „Während der Schwangerschaft habe ich nicht gekifft.“ Aber es hört nie ganz auf. Kiffen dient als Belohnung. „Wenn ich viel geschafft habe, habe ich mir einen Joint gegönnt.“ Sie raucht nur drei Züge. „Aber dann ist man wieder richtig drin.“

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Wenn sie geraucht hat, fühlt sie sich entspannter. Obwohl sie es nicht ist. Nur ihr Geist ist benebelt, die Sorgen und Ängste sind noch die gleichen. Sie liegen hinter einer Art Schleier und fühlen sich etwas erträglicher an, aber sie sind es nicht. Nach dem Kiffen wird sie müde und träge. Aber auch langsam, sehr langsam. „Es ist schwer zu beschreiben.“

Bis zu fünf Joints täglich

Die 34-Jährige glaubt, dass das Kiffen aus ihrer Zeit als Kind herrührt. „Ich hatte zwar keine schlechte Kindheit, aber es war sicher nicht alles perfekt“, sagt sie. Ihre Eltern lassen sich früh scheiden, mit 16 findet sie die Leiche ihres alkoholabhängigen Vaters. „Damit muss man erst mal fertig werden – und das Kiffen hat geholfen.“ Es sei für sie gewissermaßen eine Flucht vor dem Alltag gewesen. Bis zu fünf Joints raucht sie an manchen Tagen. Normal für sie sind eher zwei. Zwischen fünf und 15 Euro am Tag hat sie dafür ausgegeben, schätzt sie. Wie viel sie insgesamt für die Drogen bezahlt hat. will sie gar nicht erst hochrechnen.

Als Jugendliche hat sie gelegentlich am Wochenende geraucht. Trotzdem beendet sie die Schule und eine Ausbildung als Restaurantfachfrau. Sie kifft immer mal wieder, aber manchmal auch über Jahre nicht. Doch immer wieder kommt sie darauf zurück. „Ich bin meinen Weg trotzdem gegangen“, sagt sie, „vielleicht hätte ich mehr schaffen oder mir häufiger Urlaub leisten können.“

Alle Schichten vertreten

Sie geht regelmäßig noch zu einer anonymen Selbsthilfegruppe. Beim ersten Mal habe ihr Herz bis zum Hals geklopft. „Ich habe mich gefragt, was da für Menschen sind.“ Die Erkenntnis: „Durch alle Schichten hinweg.“ Studenten, die ihr Studium nicht schaffen, weil sie wegen des Kiffens immer alles aufschieben. Aber auch Menschen, die als Auflage zur Gruppe gehen müssen, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Die Angst wird weniger. Es gefällt ihr sehr gut in der Gruppe. „Es hilft mir." Sie will weiterhin hingehen, solange dort ein Platz für sie frei ist. Denn sie weiß, dass schlechte Tage kommen werden; Momente, in denen es schwer sein wird, nicht wieder anzufangen.

Das Gras hat sie meist aus unterschiedlichen Quellen bezogen. Bei Dealern im Viertel oder bei Freunden, die auch kiffen. „Man lernt viele Leute kennen.“ Und Kiffer seien freundlich und teilen viel und gerne. Gras sei also fast immer verfügbar. Von der Polizei ist sie nie erwischt worden, allerdings hat sie auch nie geraucht, wenn sie Auto gefahren ist. „Da habe ich schon aufgepasst.“ Einmal standen zwei Beamte nachts vor ihrer Tür, weil eine psychisch gestörte Nachbarin die Polizei gerufen hatte: Die ältere Frau habe angenommen, die Jüngere und ihre Freunde wollten sie umbringen.

Die Beamten seien dann in die Wohnung gekommen, hätten Ausweise kontrolliert und den Vorfall aufgeklärt, so die 34-Jährige. „Wir haben dabei auch gekifft.“ Sie hatte Angst, entdeckt zu werden. Der Geruch sei nicht nicht bemerkbar gewesen. „Ich hatte Sorge, dass noch etwas hinterherkommt.“ Nichts ist passiert. Die Beamten wollten es nicht sehen, vermutet sie heute. Sie haben nur darum gebeten, die Musik leiser zu machen.

Kopfweh und starkes Schwitzen

Immer wieder greift sie in dieser Zeit zum Joint, mal alleine, mal mit Freunden. „Ich hatte schon angefangen, den Joint in den Tagesablauf zu integrieren“, erzählt sie. Und am nächsten Morgen fühle es sich an wie ein Kater – bis hin zu Entzugserscheinungen. „Da hat man dann schon mal Kopfschmerzen oder schwitzt sehr stark.“

Ihre Tochter will sie davor schützen, obwohl die gelernte Restaurantfachfrau glaubt, dass dies schwer wird. „Heute ist es fast unmöglich, nicht mit dem Kiffen in Berührung zu kommen.“ Ihre Tochter soll erfahren, wie es ist, wenn der Konsum ein ganzes Leben begleitet. „Ich möchte offen sein, man braucht sich dafür nicht zu schämen.“

Dieser Artikel ist Teil unserer Wochenserie zum Thema Sucht.
Die anderen Teile der Serie finden Sie hier:

Teil 1: Alkohol veränderte mein Leben

Teil 3: Neuanfang nach Alkoholsucht

Teil 4: Abhängig vom Online-Poker

Teil 5: Mit Alkohol in den Abgrund

Teil 6: Zwanzig Jahre auf Drogen

Teil 7: Ein Monster namens Magersucht

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