Vor dem Innenstadt-Gipfel

Wie Bremen den Problemen der City begegnen will

Strukturwandel und Corona-Krise führen zu immer mehr Schließungen von Geschäften in der Bremer City. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, wird im Rathaus nun mit dem Innenstadt-Gipfel nach Lösungen gesucht.
15.07.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Jürgen Hinrichs und Nico Schnurr
Wie Bremen den Problemen der City begegnen will

Die Bremer Innenstadt zwischen der Weser und den Wallanlagen – eigentlich ein Juwel, das aber an Glanz eingebüßt hat.

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Als im vergangenen Monat bekannt wurde, dass Zara schließt, der spanische Trendsetter unter den Textilunternehmen, war für den Bürgermeister das Maß voll. Es lag ja erst ein paar Tage zurück, dass Andreas Bovenschulte (SPD) das Aus von Galeria Kaufhof verdauen musste. Später kam noch Karstadt Sports hinzu, und lange vorher hatten bereits Esprit und Gerry Weber dichtgemacht. Die Bremer Innenstadt blutet langsam aus. Ein Jammer.

Die Entwicklung setzt den Bürgermeister und die gesamte Regierung unter Zugzwang. Gegen die strukturellen Probleme kommen sie zwar nicht an. Das sind der wachsende Online-Handel und die Konkurrenz der großen Einkaufsmärkte an der Peripherie. Der Senat kann auch nichts dafür, dass Corona die Probleme drastisch verschärft. Er muss sich aber um die Folgen kümmern – den Strukturwandel und die akute Krise nicht über sich ergehen lassen, sondern etwas daraus machen.

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Bovenschultes Idee und die des Senats: der Innenstadt-Gipfel an diesem Mittwoch. Mit dem gebotenen Abstand voneinander werden sich in der Oberen Rathaushalle 36 Teilnehmer versammeln, die ausloten wollen, was schnell getan werden kann, um die City nicht weiter absacken zu lassen. Mit dabei sind Vertreter aller Bürgerschaftsfraktionen, die halbe Regierung, die Spitzen der Kammern, der City-Initiative und des Beirats Mitte. Die üblichen Verdächtigen, könnte man sagen, wären da nicht zusätzlich einige Investoren, die zugesagt haben. Das Treffen einleiten wird ein externer Experte für Stadtentwicklung und Einzelhandel. Danach gibt es den erwünschten Austausch. Am Ende wird mit einer Pressemitteilung die Öffentlichkeit informiert.

Die CDU ist mit Heiko Strohmann vertreten, eben jenem Abgeordneten, der jüngst während einer Aktuellen Stunde im Parlament über die „Quatschrunden“ zur Innenstadt gelästert hat. Seit Jahren werde in fast gleicher Besetzung immer nur geredet und nicht gehandelt, kritisiert Strohmann. Ins gleiche Horn bläst Thore Schäck von der FDP. Es gebe in Bremen für die Innenstadt beileibe kein Erkenntnisproblem, so der Abgeordnete in dieser Woche: „Der Senat hat hier viel zu lange untätig zugeschaut und versucht nun, in einer Hals-über-Kopf-Aktion zu retten, was zu retten ist.“ Auch Schäck wird am Gipfel teilnehmen.

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Foto: wk

Aktionsprogramm für die nächsten zwei Jahre

Der Bürgermeister hat die Latte hoch gelegt. Er verspricht für die nächsten zwei Jahre ein Aktionsprogramm, das diesen Mittwoch erste Formen annehmen soll. Keine wohlfeilen Ansagen also, sondern Handfestes. Der Senat werde dafür ein Budget zur Verfügung stellen, kündigt Bovenschulte an. Gerechnet wird dem Vernehmen nach mit einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag.

Interessant, welche Investoren beim Innenstadt-Gipfel dazustoßen und welche nicht. Auf der Liste steht Thomas Binder, der mit seinem Unternehmen Denkmalneu den ehemaligen Lloydhof am Ansgarikirchhof zum „Lebendigen Haus" umbaut. Entstehen wird ein Mix aus Wohnen, Einzelhandel, Büro, Gewerbe, Gastronomie und Hotel. Die Investition liegt bei rund 35 Millionen Euro. Seine Teilnahme zugesagt hat auch Joachim Linnemann vom Projektentwickler Justus Grosse, der sich seit bald 20 Jahren kräftig in der Überseestadt engagiert und dies jetzt auch im sogenannten Tabakquartier in Woltmershausen tut.

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Christian Jacobs kommt. Er hat in der vergangenen Woche das neue Johann-Jacobs-Haus an der Obernstraße eingeweiht und geht in der gleichen Gegend weitere Projekte an. Mit Marco Bremermann und Alexander Ruddat sind zwei wichtige Immobilienbesitzer und -entwickler der Innenstadt vertreten. Auch die Schapiras schicken jemanden – die Immobilienentwicklerin Annika Reineberg von der Bremer Wallhaus GmbH. Die Brüder Pinchas und Samuel Schapira sind die Investoren auf dem Sparkassengelände, das im Oktober von der Bank geräumt wird. Eigentlich wollten sie auf dem 11.000 Quadratmeter großen Areal am Brill Neubauten errichten. Das ist aber vorerst gescheitert, nachdem es keine Einigung mit der Stadt gab.

Wer fehlt auf der Liste, ist just der Mann, an dem der größte und wichtigste Plan hängt. Der Bremer Unternehmer Kurt Zech will das Parkhaus Mitte abreißen und zusammen mit der Kaufhof-Immobilie und dem Karstadtgebäude in der Innenstadt ein neues Puzzle legen. Richtig vorangekommen ist das bislang allerdings noch nicht, wenngleich Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne) zuletzt von konkreten Ergebnissen sprach, die in den Verhandlungen erzielt worden seien. Die Bedeutung dieses Vorhabens ist immens, die Unsicherheit groß, ob und wann es zustande kommt. Christian Jacobs hat den Stellenwert des Zech-Plans mal so in Worte gefasst: „Das ist das Herz. Da können wir zappeln und uns abmühen, ohne diesen Kern geht es nicht.“

Autoverkehr

Die Bremer Innenstadt soll bis 2030 zwischen Wall und Weser nahezu autofrei werden – das ist das Fernziel von Rot-Grün-Rot. Damit das gelingt, soll unter anderem der Ausbau des Fahrradnetzes vorangetrieben und der öffentliche Personennahverkehr ausgebaut werden. Das Konzept der autofreien Innenstadt ist umstritten. Die Handelskammer etwa begrüßt eine autoärmere City und einen fußgängerfreundlicheren Kernbereich zwischen Wall und Martinistraße.

In einem Positionspapier spricht sie sich auch dafür aus, dass der Autoverkehr aus einigen Straßen herausgenommen wird. Doch eine komplett autofreie Innenstadt lehnt die Handelskammer ab. Auch Unternehmer Kurt Zech kritisierte die Pläne zur autofreien Innenstadt: „Das wäre der Todesstoß. So sagen es mir alle Händler. Sie sind auf die Kunden aus dem Umland angewiesen.“

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Weg zur Weser

Schon lange wird darüber diskutiert, wie die Innenstadt näher an die Weser heranrücken kann. Auch Unternehmer Christian Jacobs beschäftigt sich mit dieser Frage. Seinen Plan für die Innenstadt bezeichnet er als „Handlauf zur Weser“. Jacobs will das Balge-Quartier aufwerten. Er entwickelt die historische Stadtwaage hinter dem bereits fertigen Johann-Jacobs-Haus, das Essighaus und das Kontorhaus. In einem Katalog, den Jacobs zu seinen Projekten verfasst hat, heißt es: „Die Weser muss quasi bis in die Obernstraße schwappen.

Bildlich gesehen. Schlachte und Innenstadt werden eins.“ Bislang ist das stets an der Martinistraße gescheitert, die trennend wirkt. Seit vielen Jahren gibt es Pläne, die Straße zurückzubauen. Damit der Weg zur Schlachte attraktiver wird, soll der Autoverkehr auf der bislang vierspurigen Straße eingeschränkt werden. Die Koalition plant eine „autoarme Umgestaltung“ der Martinistraße. Immer mal wieder ist auch darüber diskutiert worden, die Straßenbahnstrecke von der Obernstraße in die Martinistraße zu legen. Doch konkret ist all das bisher nicht.

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Radverkehr

Die Straße Am Wall soll für fünf Millionen Euro zu einer Premiumroute für Fahrräder umgestaltet werden. Das hat Bau- und Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne) im Juni verkündet. Aus dem bisher zweispurigen Wall-Ring soll eine Einbahnstraße werden. Ein bislang für Autos vorgesehener Fahrstreifen soll als Spur für den Radverkehr genutzt werden. Das Projekt diene der besseren Erreichbarkeit des örtlichen Handels und der Innenstadt für Radfahrer und Fußgänger, so Schaefer. Auch die Handelskammer spricht sich für einen Ausbau und Neubau von Radwegen aus.

Doch das Vorhaben, aus dem Wall-Ring eine Einbahnstraße zu machen, kritisierte die Kammer scharf. Eine derartige Einschränkung des Verkehrs sei nicht mit der Wirtschaft abgesprochen gewesen. Nachdem Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Matthias Fonger zwischenzeitlich die Frage in den Raum gestellt hatte, ob man die Zusammenarbeit mit dem Bauressort überhaupt noch fortsetzen solle, scheint die Eskalation inzwischen abgewendet.

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Sogwirkung

Wie gut es um eine Innenstadt und den Einzelhandel einer Stadt bestellt ist, lässt sich an verschiedenen Richtwerten ablesen. Einer, der etwa für Strategen, die neue Filialstandorte suchen, wichtig ist, ist der Zentralitätsfaktor. Er drückt aus, wie viel Anziehungskraft eine Stadt auf die Region ausübt, wie stark die Sogwirkung eines Standorts ist. Die Einzelhandelszentralität beschreibt den Ab- oder Zufluss an Kaufkraft aus dem Umland. Städte mit einer niedrigen Zentralität verlieren einen Teil ihrer Kaufkraft an Städte aus der Region, die Kunden kaufen eher in Nachbarstädten ein statt im Heimatort.

Werte über 100 Prozent zeigen an, dass eine Stadt Kaufkraft aus dem Umland abzieht. Dem WESER-KURIER liegen die aktuellen Zahlen für das Jahr 2020 vor: Der Bremer Zentralitätsfaktor steht fast unverändert bei 117 Prozent. Nach wie vor zieht Bremen Kaufkraft aus der Region ab und wirkt anziehend für Kunden aus dem Umland. Doch deutlich wird beim Blick auf die Zahlen auch: Einer Stadt wie Oldenburg gelingt das erheblich besser.

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Parken

Wenn es nach dem Verkehrsressort geht, werden die Parkgebühren auf öffentlichen Parkflächen in der Bremer Innenstadt um 60 Prozent erhöht. Pro Stunde müsste dann 3,20 Euro statt zwei Euro gezahlt werden. Eigentlich hätte über die Pläne bereits entschieden sein sollen. Doch die Beschlussvorlage ist kurzfristig von der Tagesordnung der Senatssitzung genommen worden. „Wir werden die Parkgebühren erhöhen, abgestimmt werden muss nur noch, in welchem Maß“, sagte Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne). Man verspreche sich von den höheren Gebühren eine Lenkungswirkung.

„Wenn die Menschen mit dem Auto in die Innenstadt kommen, sollen sie nicht draußen parken und den öffentlichen Raum belegen, sondern die Parkhäuser nutzen“, so Schaefer. Das Vorhaben stößt auch auf Kritik. „Die Erhöhung der Parkgebühren wäre eine aktive Sterbehilfe für die Bremer Innenstadt“, sagte Peter Bollhagen, Landesvorsitzender des Wirtschaftsverbands „Die Familienunternehmer“.

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