Anklage wegen Volksverhetzung

Olaf Latzel: Ein Mann Gottes vor weltlichem Gericht

Am 20. November beginnt vor dem Amtsgericht Bremen der Prozess gegen Olaf Latzel. Der Pastor ist wegen Volksverhetzung angeklagt. Eine Audio-Datei auf seinem Youtube-Kanal könnte ihm zum Verhängnis werden.
15.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Olaf Latzel: Ein Mann Gottes vor weltlichem Gericht
Von Ralf Michel
Olaf Latzel: Ein Mann Gottes vor weltlichem Gericht

Pastor Olaf Latzel.

Frank Thomas Koch

Die Äußerungen, wegen denen Pastor Olaf Latzel nächsten Freitag vor Gericht steht, sind vor über einem Jahr gefallen – am 19. Oktober 2019 in einem Seminar, überschrieben mit „Biblische Fahrschule zur Ehe“.

Und hätten nur die etwa 30 teilnehmenden Paare der als sehr konservativ geltenden St.-Martini-Gemeinde seine Ansicht zu Homosexualität, Gender oder Christopher-­Street-Day gehört, es wäre wohl nie zu diesem Prozess wegen Volksverhetzung gekommen. Doch es gab eine Audiodatei von dem Eheseminar, im Internet auf dem Youtube-Kanal des Pastors für jedermann frei zugänglich. Dort hat Latzel 24.500 Abonnenten, aber die Zahl der Aufrufe seiner Predigten liegt häufig deutlich höher, manchmal über 100.000.

Lesen Sie auch

Und offenbar besuchen nicht nur seine Anhänger den Youtube-Kanal: Im April erstattete ein Hörer des Ehe-Seminars Anzeige gegen Latzel. Die Audio-Datei verschwand wenig später von der Seite, doch einmal ins Rollen gebracht, war dieser Stein nicht mehr aufzuhalten. Nachdem öffentlich wurde, dass die Staatsanwaltschaft gegen den streitbaren Pastor ermittelt, entbrannte ein Streit darüber, wo Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit enden und Beleidigung, Diffamierung und Volksverhetzung beginnen.

Wie unversöhnlich sich beide Lager dabei gegenüberstehen, zeigt die Chronik der vergangenen Monate:

24. April: Der Kirchenausschuss der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) distanziert sich von den „abwertenden Äußerungen“ Latzels, „in denen Menschen herabgesetzt, beleidigt und in ihrer Würde verletzt werden“.

26. April: Erklärung Latzels im Gottesdienst. Er steht zu seinen Aussagen, fühlt sich aber missverstanden.

27. April: Der Kirchenausschuss erläutert die rechtliche Lage: Latzel steht in einem beamtenähnlichen Pfarrerdienstverhältnis auf Lebenszeit zur BEK. Juristisch kommt deshalb eine Versetzung oder ein Disziplinarverfahren in Betracht. Die Versetzung eines Pastors ist nur auf Antrag der jeweiligen Gemeinde möglich, ein Disziplinarverfahren nur bei Dienstvergehen, insbesondere bei Straftaten. Eine Entfernung aus dem Dienst kommt nur bei schweren Straftaten in Betracht.

Lesen Sie auch

29. April: St.-Martini berichtet von Vandalismus und Drohungen, denen die Gemeinde und Pastor Latzel seit Jahren ausgesetzt seien. Die Rede ist von gotteslästerliche Parolen und Schmierereien am Kirchengebäude, von massivem Stalking Latzels, dem Zerkratzen seines Autos und dem Versuch, Besucher des Gottesdienstes einzuschüchtern.

29. April: Mehrere Gemeinden, etwa 50 Pastorinnen und Pastoren sowie Mitarbeitende der BEK verurteilen in einer Erklärung die Aussagen Latzels. Seine „neuerlichen verbal-aggressiven Übergriffe auf den homosexuellen Teil der Bevölkerung“ seien unerträglich.

14. Mai: Der Kirchenausschuss der BEK beschließt, ein Disziplinarverfahren gegen den Pastor einzuleiten. Was aber, wie üblich in solchen Fällen, bis zum Abschluss des Strafverfahrens ruht.

17. Mai: In einer Erklärung stellt sich St.-Martini hinter Latzel. Nicht zum ersten Mal versuche die BEK, den bibeltreuen Pastor zu diskreditieren, einzuschüchtern und mundtot zu machen. Der Kirchenausschuss sei nicht berechtigt, sich zu Fragen des Glaubens und der Lehre zu äußern und habe mit der Einleitung des Disziplinarverfahrens seine Amtsbefugnisse verletzt.

9. Juni: Anklage gegen Olaf Latzel. Die Staatsanwaltschaft sieht einen hinreichenden Tatverdacht dafür, dass die Äußerungen des Pastors den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen.

Juni: Im Internet machen Unterstützer wie Kritiker des Pastors mobil. Online-Petitionen beider Seiten sammeln bundesweit innerhalb weniger Tage Zehntausende von Unterschriften.

Lesen Sie auch

Juni: Edda Bosse, Präsidentin der BEK, berichtet in einer Videobotschaft von Beleidigungen und Beschimpfungen die „derzeit das Haus der Kirche in Massen überschwemmen“. Schriftführer Bernd Kuschnerus sei als Antichrist bezeichnet worden, sie selbst würde man „am liebsten steinigen oder ersäufen“. Ein Anrufer habe ihr gedroht, dass man sie sich vorknöpfen werde. Man wisse, wo sie wohnt.

3. Juli: Vertreter des Kirchenausschusses verständigen sich mit Olaf Latzel darauf, dass er vom 9. Juli bis 24. August Urlaub nimmt.

10. Juli: St.-Martini spricht von einem „ungeheuerlichem Eingriff in unser Gemeindeleben und unsere Glaubens- und Lehrfreiheit“ und kündigt dagegen sowie gegen verbale Attacken auf Latzel aus Reihen der BEK juristische Schritte an.

3. September: Eröffnungsbeschluss des Amtsgerichts, die Anklage der Staatsanwaltschaft wird unverändert zur Hauptverhandlung zugelassen.

November: Auf der Homepage von St.-Martini tauchen „Leitsätze zur Kommunikation“ auf. Punkt 8 lautet: „Wir legen Wert auf eine respektvolle Kommunikation und achten auf eine angemessene Wortwahl.“

Lesen Sie auch

November: Der Kirchenausschuss vereinbart mit Olaf Latzel und seiner Gemeinde, dass der Pastor vom 9. November bis 6. Dezember seine Amtsgeschäfte ruhen lässt.

20. November: Um 9 Uhr wird im Kleinen Saal der Glocke der Prozess gegen Olaf Latzel eröffnet. Als weiterer Termin ist der 25. November vorgesehen. Das Gericht geht davon aus, dass zwei Sitzungstage für die Verhandlung ausreichen. Sollte dies nicht der Fall sein, ist für den 30. November ein weiterer Verhandlungstag vorgesehen.

Info

Zur Sache

Keine Smartphones erlaubt

Wegen Corona müssen sich Zuschauer des Prozesses auf zwei Maßnahmen einstellen. In der Glocke herrscht Maskenpflicht, auch auf den Zuschauerplätzen im Kleinen Saal, und am Eingang werden die Personalien der Besucher erfasst. Eine weitere Maßnahme steht nicht im Zusammenhang mit der Pandemie: Zuschauer müssen ihre Smartphones und andere Geräte abgeben, die für Bild- oder Tonaufnahmen geeignet wären. Eine Maßnahme, um das grundsätzlich in Gerichtsverhandlungen geltende Verbot von Aufnahmen auch im Saal der Glocke durchsetzen zu können.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+