Falsche Polizisten und Schüsse in Pakistan Diese Urteile wurden 2020 vom Bremer Landgericht gefällt

Auch wenn Corona Einfluss auf die Prozesse am Landgericht nahm, bewahrte dies zahlreiche Angeklagte nicht vor langen Haftstrafen. Selbst ein Verbrechen in Pakistan wurde in Bremen geahndet.
08.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Diese Urteile wurden 2020 vom Bremer Landgericht gefällt
Von Ralf Michel

Auch wenn Corona den Ablauf vieler Strafprozesse beeinflusste, Urteile wurde 2020 natürlich trotzdem am Landgericht gesprochen. Eine Auswahl der spektakulärsten Fälle:

Wegen gemeinschaftlichen Mordes wurde ein Pärchen aus Bremerhaven, er 57 Jahre alt, sie 48, zu lebenslanger Haft verurteilt. Die beiden hatten ihr Opfer auf einem Parkplatz mit Steakmessern erstochen, nach Auffassung des Landgerichts geplant und zielgerichtet. Bei der Tat sei es um Wut, Rache und Selbstjustiz gegangen. Die Frau hatte ihrem Freund von angeblichen sexuellen Übergriffen des Opfers erzählt. Für Aufsehen sorgte der Prozess auch, weil der Sohn des Opfers nach der Urteilsverkündung auf die in Handschellen abgeführten Täter losging und laut schreiend auf die Frau einschlug. Nur mit Mühe gelang es dem überraschten Wachpersonal, den aufgebrachten Sohn von den beiden wegzuzerren.

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Nach 68 Verhandlungstagen wird am Landgericht ein 64-Jähriger wegen versuchten schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung zu sieben Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Es war ein zäher Prozess, mit endlosen Zeugenbefragungen sowie immer neuen Ermittlungsansätzen und Beweisanträgen. Doch am Ende hatte das Gericht keine Zweifel: Der Angeklagte war der Mann, der rücksichtslos und brutal zwei alte Frauen überfallen hatte. In einem Fall lauerte er einer 90-Jährigen nach ihrem Einkauf auf, drängte sie in die Wohnung, fesselte sie und forderte von ihr Bargeld und EC-Karte. Auch im anderen Fall wurde das Opfer, diesmal 92 Jahre alt, in die Wohnung gedrängt und in einen Sessel gedrückt. Diesmal forderte der Täter mit vorgehaltener Pistole Bargeld und EC-Karte. Doch die alte Frau wehrte sich und begann zu schreien. Daraufhin schlug der Mann ihr mehrfach so heftig gegen den Kopf, dass sie aus dem Sessel fiel. Anschließend presste er ihr ein Kissen auf den Mund. Beide Opfer konnten ihren Peiniger nicht identifizieren, überführt wurde der 64-Jährige durch DNA-Spuren.

Wegen Brandstiftung erhielt ein 22-Jähriger aus Bremerhaven eineinhalb Jahre Haft auf Bewährung. Zwei Besonderheiten gab es in diesem Fall: Zum einen war der Täter Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, zum anderen wurde er nur für eine Brandstiftung verurteilt, von zehn weiteren aber freigesprochen. Was aus Sicht des Gerichts viel mit den Ermittlungen der Polizei zu tun hatte. Deren Wunsch, endlich die Serie von Bränden aufzuklären, sei offenbar groß gewesen. So groß, dass man den 22-Jährigen, nachdem man ihn auf frischer Tat beim Brand einer Gartenlaube erwischte, gleich mit zehn weiteren Bränden in Verbindung brachte, ohne dafür wirkliche Beweise zu haben.

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Vier falsche Polizisten landen hinter Gittern: Das Quartett hatte mit der Betrugsmasche „falscher Polizist“ innerhalb weniger Monate fast zwei Millionen Euro erbeutet. Opfer waren ältere Menschen, die am Telefon mit erfundenen Geschichten über drohende Überfälle so unter Druck gesetzt wurden, dass sie den angeblichen Polizisten „zur Sicherheit“ Bargeld und Schmuck aushändigten. Fast ein Jahr dauerte dieser Prozess, am Ende standen Haftstrafen ohne Bewährung für alle Angeklagten. Die achteinhalb Jahre Haft für den Kopf der Bande waren erwartet worden. Überraschend dagegen, dass das Gericht auch seine drei Mittäter ohne Bewährung ins Gefängnis schickte, von dreieinhalb bis zu drei Jahren und elf Monaten. Nicht nur der Chef der Bande, auch seine drei Komplizen hätten innerhalb ihres Handlungsbereichs schwerwiegende Straftaten begangen, begründete dies der Vorsitzende Richter. „Ohne die kleineren Räder funktioniert die Betrugsmaschine nicht.“

Weil ihm der BMW eines 76-Jährigen gefiel, hat ein 18-Jähriger in Bremerhaven einen Rentner umgebracht. Um an die Autoschlüssel zu kommen, schlug der Täter seinem Opfer mehrfach mit großer Wucht ins Gesicht. Der 76-Jährige erlitt schwerste Kopfverletzungen und Hirnblutungen. Er starb einen Monat später ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben im Krankenhaus. Siebeneinhalb Jahre Haft wegen Mordes lautete das Urteil. Weil der Angeklagte 18 Jahre alt war und damit als Heranwachsender galt, wurde er nach Jugendstrafrecht verurteilt. Sonst wäre es lebenslänglich geworden.

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Auch Schüsse in Pakistan beschäftigten das Landgericht. Angeklagt und zu fünf Jahren und einen Monat Haft verurteilt wurde ein 23-jähriger Bremer. Telefonmitschnitte, Sprachnachrichten und Chatverläufe wurden ihm zum Verhängnis. Sie überzeugten das Gericht davon, dass er in seinem Heimatland Pakistan einen Mord in Auftrag gegeben hatte. Hintergrund war die gescheiterte Ehe mit einer Studentin aus Bremen. Als die sich von ihm trennen wollte, stieß das in ihrer Familie auf kein Verständnis. Nur ein in der pakistanischen Stadt Gujranwala wohnende Cousin hielt zu ihr. Daraufhin beauftragte der Angeklagte von Bremen aus mehrere Männer damit, das Wohnhaus des Cousins anzugreifen. Zweimal schossen die Attentäter auf dessen Haus, die Kugeln durchschlugen Mauern und Fenster. Verletzt wurde jedoch niemand.

Ein 32-jährigen Stalker musste für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Er hatte über Monate hinweg vier jungen homosexuellen Männern das Leben zur Hölle gemacht. Er bedrohte sie, versendete mittels technischer Manipulation in ihrem Namen ungeheuerliche Nachrichten in ihrem Familien- und Freundeskreis, schwärzte sie mit fiktiven Geschichten bei der Polizei an, outete sie auf Plakaten als schwul und bestellte oder verkaufte im Internet haufenweise Waren unter ihrem Namen.

Wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, tätlichen Angriffs und/oder Körperverletzung wurde ein Brüdertrio aus Bremerhaven verurteilt. Auslöser für das aggressive Verhalten der Männer war eine Fahrzeugkontrolle der Polizei gewesen. Zwei Jahre und acht Monate muss einer der Brüder ins Gefängnis, zwei Jahre und drei Monate der zweite. Der Dritte im Bunde erhielt neun Monate auf Bewährung, verbunden mit 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

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