Das Bremer Balgequartier

Handlauf zur Weser

Christian Jacobs, Spross der Bremer Kaffeefamilie, entwickelt in der Langenstraße das Balgequartier, benannt nach dem früheren Nebenarm der Weser. Der Unternehmer nimmt sich dafür verschiedene Gebäude vor.
29.04.2021, 05:00
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Handlauf zur Weser
Von Jürgen Hinrichs
Handlauf zur Weser

Blick vom Schütting in die Langenstraße.

Frank Thomas Koch

Es gibt die Weser und den Stadtgraben, der die Wallanlagen einfasst. Es gab aber auch mal die Balge, einen 40 Meter breiten Nebenarm des großen Flusses, der am Altenwall zur Stadt einbog, am Fuß der Bremer Düne in einem Bogen parallel zur Weser floss und in Höhe des Marktplatzes bei der Zweiten Schlachtpforte wieder brav zur Mutter zurückkehrte. An der Balge machten die Schiffe fest, um Ladung aufzunehmen oder abzugeben. Die Waren wurden auf kurzem Weg zur Langenstraße transportiert, dort in der Stadtwaage gewogen und verzollt, um danach in kleinen Giebelhäusern und Speichern eingelagert zu werden.

Die Balge war die Lebensader eines ganzen Quartiers. Und nun wird sie zwar nicht wieder auferstehen, kein Wasserlauf mehr, der 1838 zugeschüttet wurde. Dafür taucht aber immerhin der Name neu auf. Das Balgequartier gehört zu den Projekten in der Innenstadt, die nicht nur angekündigt, sondern auch verwirklicht werden. Dahinter steht ein Mann: Christian Jacobs, Abkömmling der Bremer Kaffeefamilie. Er nimmt sich mit seinem Plan ein Gebäude nach dem anderen vor. Ziel ist, was Jacobs, den „Handlauf zur Weser“ nennt: Die City soll näher an den Fluss rücken.

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„Wirtschaftlich ist das nicht ganz einfach“, sagt der Unternehmer. Altbauten seien sehr komplex, herausfordernd. Und alt sind die Häuser in der Tat, die Jacobs in den nächsten zweieinhalb Jahren anpackt. Bis Ende 2024 soll alles fertig sein. Ein Neubau ist freilich auch darunter – das im Juli vergangenen Jahres eröffnete Johann-Jacobs-Haus an der Obernstraße. Es trägt einen schön gebrannten Stein, ist markant, auch mit den großen Fenstern und der Transparenz, die das schafft.

Auf der Rückseite, zur Langenstraße hin, ist der Jacobs-Hof entstanden. Er wird erst dann richtig zur Geltung kommen, wenn die weiteren Häuser drumherum entwickelt sind. „Mit dem Essighaus fangen wir 2022 an“, kündigt Jacobs an. Ihm ist klar, dass das kniffelig wird, vor allem der Abriss. Links und rechts von dem Haus, in dem zur Zeit noch die Deutsche Factoring Bank sitzt, ist nicht viel Platz, enge Wege, Nadelöhre, durch die das schwere Baugerät hindurch muss.

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Die Langenstraße, in ihren Ursprüngen vor bald 1000 Jahren „longa Platea“ genannt, gehört zu den ältesten Wegebeziehungen der Stadt. Sie war über Jahrhunderte wegen des Hafens an der Balge die wichtigste Handelsstraße in Bremen. Ablesen kann man das an Gebäuden wie dem Essighaus und der Stadtwaage. Jacobs kommt regelrecht ins Schwärmen: „Das Essighaus war das berühmteste Kaufmannshaus in der Langenstraße, es bringt Flandern nach Bremen.“

Für den Namen Essighaus gibt es zwei Erklärungen: Gebaut wurde es mit seinen ursprünglich fünf Stockwerken vor 400 Jahren im Auftrag der Kaufmannsfamilie Esich. 200 Jahre später zog ein Bierbrauer mit seiner Produktion ein. Darauf folgte eine Essigfabrik. Das Esich-Haus wandelte sich im Volksmund zum Essig-Haus. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude weitgehend zerstört, nur das Erdgeschoss mit den Utluchten, den Erkern, blieb übrig. Beim Wiederaufbau in den 1960er-Jahren richteten sich die Architekten nicht nach dem historischen Vorbild, sondern gestalteten die oberen Etagen völlig neu. Seit 1973 steht das Essighaus unter Denkmalschutz. Abgerissen wird es trotzdem. Allerdings will Jacobs die ursprüngliche Renaissance-Fassade aus dem Jahr 1618 so weit es geht nachbauen lassen.

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Das neue Essighaus wird mit einer Gesamtmietfläche von 5700 Quadratmetern geplant, das ist mehr als die Stadt an der Stelle eigentlich haben wollte, aber Jacobs hat sich durchgesetzt. Knapp zwei Drittel davon werden Büroflächen sein. Nach Angaben von Melanie Landahl, Geschäftsführerin der Hanseatischen Grundinvest GmbH, die sämtliche Bremer Immobilien der Kaffeefamilie unter ihren Fittichen hat, gibt es zwei große Unternehmen, die Interesse an den Flächen haben. Im Erdgeschoss werden Einzelhandel und Gastronomie untergebracht. So ist es auch für die Stadtwaage geplant. Der Jacobs-Hof wird also von gleich drei Seiten mit Außengastronomie bespielt. Vor dem Lockdown geschah das allein vom kleinen Café aus, das im Johann-Jacobs-Haus direkt an dem Hof liegt. In der Stadtwaage mit einer Gesamtmietfläche von 1100 Quadratmetern hat sich vorübergehend „Made in Bremen“ eingemietet, eine Dachmarke, unter der sich Anbieter regionaler Erzeugnisse versammeln.

Das Balgequartier soll, wenn es fertig ist, aus einem Guss sein. Um dahin zu kommen, hat das Schweizer Architekturbüro Miller & Maranta Gestaltungsrichtlinien entwickelt. Sie gehen ungewöhnlich stark ins Detail – von der Reklame und den Schaufenstern, über die Beleuchtung und Möblierung, bis zu der Art von Sonnenschirmen, die aufgestellt werden dürfen. "Wir entrümpeln den Straßenraum", kündigt Jacobs an. Die Straßenlaternen in der Langenstraße werden entfernt und durch eigens konzipierte Pendelleuchten ersetzt. Pflanzentröge, Mülltonnen, Werbe- und Menütafeln soll es nicht mehr geben. Mit dem Straßenbelag sind die Planer zufrieden, die Steine, ein Patchwork, bleiben liegen.

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