Echt tierisch

Die Storchenflüsterin aus Verden

Wenn ein Storch verletzt ist oder seinen Nachwuchs nicht großziehen kann, dann ist Petra Müller zur Stelle. Die Leiterin der Verdener Storchenpflegestation kümmert sich um die Tiere und päppelt sie auf.
02.05.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Philipp Zehl
Die Storchenflüsterin aus Verden

Die Leiterin der Storchenpflegestation in Verden, Petra Müller, kümmert sich um verletzte Störche.

Björn Hake

Es klappert laut. Petra Müller, Leiterin der Storchenpflegestation in Verden, zeigt auf das nebenstehende Storchennest und sagt: „Schichtwechsel. Während der eine Storch nun das Brüten übernimmt, geht sein Partner auf Futtersuche. Ein Tier ist stets im Nest zu finden.“

Umringt von Wäldern und Wiesen befindet sich die Storchenpflegestation des Landkreises Verden am Rande der Reiterstadt. Durch den benachbarten Sachsenhain müssen Besucher, die zur Station wollen, einige Meter über eine Holzbrücke gehen, um an ihr Ziel zu gelangen. Direkt am Anfang des Fußweges stehen auf der linken Seite drei Informationstafeln mit Texten und Bildern über die Hauptprotagonisten: die Störche. Weiter geradeaus befindet sich das Freigehege nebst Stallgebäude – bestehend aus Backstein sowie Holzbalken.

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Die Tür ist offen. In einer Art Zwischenraum stehen zwei Bänke, von wo aus Besucher freie Sicht ins Gehege haben. Die Hauptaufgabe der Station ist es, „kranke, verletzte oder anderweitig pflegebedürftige Störche gesund zu pflegen, sie im Spätsommer wieder auszuwildern und ihnen anschließend gemeinsam mit der Wildstorchpopulation den jährlich wiederkehrenden Flug in die Winterquartiere zu ermöglichen“, schreibt der Landkreis.

„Im vergangenen Jahr hatte ich sieben Storchenjungen, die betreut werden mussten“, erklärt Petra Müller. Normal seien es Jahr für Jahr zwischen fünf bis acht Jungtiere. „Es gab aber auch ein Jahr, da hatten wir null Storche und ein Jahr, da waren es sogar 20.“ Diese hohe Anzahl an aufzuziehenden Jungstörchen habe vor allem mit dem damaligen Wetter zu tun gehabt.

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Rettung vor dem Ertrinken

„Damals hat es so stark geregnet, dass die Nester wortwörtlich abgesoffen sind und die Jungtiere am Ertrinken waren“, erinnert sie sich zurück. Selbst mit Werkzeug sei man nicht durch die verdichteten Nester gekommen, um das Wasser zum Abfließen zu bringen. Die Tiere habe sie selber mit einem 25-Meter-Steiger aus den Nestern geholt. Die Baby-Störche ziehe sie jedoch nicht in der Station, sondern in einem Anbau auf ihrem Hof groß. Dort hat sie Nester aus Reifen gebaut und Wärmelampen hingehängt. Dieses Jahr sind noch keine Jungstörche da, die Petra pflegen muss. Wann sie welche bekommt, weiß sie selber nie. Das sei eben die Natur.

Während Nässe große Gefahr für die Vögel mit sich bringe, setze die Hitze den Störchen nicht zu. Selbst Kälte mit Temperaturen bis minus 20 Grad beeinflusse die Vögel nicht großartig. „Bei Trockenheit und gefrorenem Boden gibt es jedoch kaum Futter“, sagt Müller und blickt zum benachbarten Horst hinauf, in dem gerade ein Weißstorch landet.

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Fütterungszeit: „In der Wildnis bekommen sie von ihren Eltern beispielsweise auch Regenwürmer, Mäuse und Insekten“, erzählt sie. Mäuse und Co wandern im Ganzen in den Schlund der Tiere, die später die Nahrung herauswürgen und ins Nest spucken. Dagegen füttert Müller ihre Zöglinge mit zerkleinerten Küken sowie Fisch. Dies sei die Hauptnahrungsquelle der Jungtiere, die sie groß ziehe. Ihr ist im Laufe der Jahre aufgefallen, dass „ein freies Leben für die Tiere wichtiger ist, als sich von einer Fütterung abhängig zu machen“.

Mittlerweile herrscht Bewegung im Gehege, in dem sich drei Störche befinden. „Wir haben hier drei Vögel, die nicht mehr fliegen können“, sagt Müller und zeigt auf das circa zehn Meter entfernte Trio. Aufgrund von Flügelbrüchen sind diese rund um die Uhr im Gehege und werden zwei Mal am Tag von ihr gefüttert. Die Verletzungen hätten sich die Tiere unter anderem durch Windmühlen zugezogen. „Dadurch sind sie dauerhaft flugunfähig und wären für Raubtiere leichte Beute.“

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Die Alttiere seien jedoch von Vorteil für die jüngeren Störche, die sie jedes Jahr per Hand aufziehe. „Die Jungtiere orientieren sich dann an den Erwachsenen“, sagt die Leiterin, während zwei weitere Störche in der Luft ihre Runden kreisen. Diese kämen aus dem angrenzenden Sachsenhain. Dort gibt es insgesamt acht Baumnester. Müller: „Dies scheint eine interessante Brutgegend für die Tiere zu sein.“

Apropos brüten: „Vom Tag des Schlüpfens bis hin zum Voll-Selbstversorger dürfen es nicht länger als drei Monate sein“, sagt die ehrenamtliche Leiterin, die sich seit nunmehr 17 Jahren um die Störche kümmert. Nach knapp acht Wochen beginnt sie damit, die Tiere auszuwildern, damit sie auf eigenen Beinen stehen können. „Während die Paare auf ihr altes Nest zurückkehren, kommen die Jungtiere später nicht mehr zurück.“ Dahinter verberge sich folgender Grund: „Die Männchen bleiben ihrem Nest treu und die Weibchen ihrem Partner“, sagt Müller, die ihren Blick auf das Bodennest im Gehege gerichtet hat. Zwei der Störche seien mittlerweile ein Paar. „Er hier ist dagegen ein Einzelgänger“, sagt sie und zeigt auf den Storch, der Richtung Zaun geht.

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Vergiftete Störche

In den vergangenen Jahren hat sie vieles erlebt, blickt Müller zurück. „Vor einigen Jahren hatten wir einen Storch entdeckt, der von einem Tierhasser erschossen wurde.“ Andere Vögel seien mit Vergiftungen zurückkehrt. Vermutlich hätten diese mit Rattengift vergiftete Mäuse und Ratten auf Mülldeponien gefressen. Sofern es noch möglich sei, behandele sie die betroffenen Vögel medikamentös. Wenn nicht, müsse das Tier eingeschläfert werden.

Trotz der Pandemie sei 2020 ein gutes Storchenjahr gewesen: „Im vergangenen Jahr sind 183 Jungstorche ausgeflogen“, erzählt Wildstorchbetreuer Joachim Winter. Im Landkreis hat es demnach 97 Horstpaare ohne Nachwuchs und 83 Pärchen mit ausgeflogenen Nachwuchs gegeben.

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Info

Zur Sache

Bereits 1962 hatte das Ehepaar Helmut und Gerda Storch auf ihrem Grundstück in der Ortschaft Eitze deutschlandweit die erste Storchenpflegestation errichtet. Wegen eines Umzugs verlegten die Eheleute die Station 1972 nach Verden-Dauelsen, wie der Landkreis Verden mitteilt.

Helmut Storch musste im Jahr 2002 den Betrieb der Station nach mehr als 40 Jahren aus gesundheitlichen Gründen abgeben. Bis dato hätten er und seine Frau Gerda über 500 kranke und verletzte Storche gepflegt. Die Nachfolge hat Petra Müller angetreten. „Seit 2006 wird die Station von dem eigens dafür gegründeten Förderverein zum Schutze des Weißstorches im Landkreis Verden unterhalten“, so die Behörde.

Ziel des Vereins ist es unter anderem, über Mitgliedsbeiträge, Spenden und Sponsorenbeiträge die laufenden Betriebs- und Unterhaltungskosten für die Storchenpflegestation aufzubringen.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten:

Während das Gehege ganzjährig einzusehen ist, müssen sich Interessierte für eine Führung bei Petra Müller anmelden. Wegen der anhaltenden Pandemie wird es jedoch in diesem Jahr voraussichtlich keine Führungen geben. Weitere Informationen zur Station, dem Förderverein und der Geschichte der Station gibt es unter www.landkreis-verden.de.

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