Insektensterben Warum ein Bremer Landwirt seine Ackerflächen für Bienen umwandelt

Landwirt Hajo Kaemena wandelt seine Ackerflächen in Oberneuland nach und nach in Blühwiesen um. Wie genau und warum er das macht, hat er uns erzählt.
21.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Warum ein Bremer Landwirt seine Ackerflächen für Bienen umwandelt
Von Marc Hagedorn

Jetzt wird Uwe neugierig. Uwe ist das Hausschaf von Familie Kaemena. Und weil Hausherr Hajo nebenan auf der Weide gerade Besuch empfängt, will Uwe wissen, was da los ist. Hinter ihm her trotten Hoheit, eine Ziege, und Mamaschaf, so nennt Familie Kaemena das dritte Tier, das hier sein Zuhause hat. Am Zaun, der die beiden Weideflächen voneinander trennt, bleiben die drei stehen und schauen hinüber.

„Das hier“, sagt Hajo Kaemena derweil zu seinen Gästen und deutet mit dem ausgestreckten Arm in alle vier Ecken der Wiese, „das hier gehörte mal zur Ziegenweide.“ Deshalb also die neugierigen Blicke von nebenan. Vor ein paar Wochen mussten die Tiere 400 Quadratmeter Land abgeben. Hier legt Kaemena jetzt eine Blühwiese an.

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Landwirt Kaemena will etwas gegen das Insektensterben tun. Politik und Umweltschutzverbände beschäftigen sich schon länger mit der Frage, wie die Artenvielfalt zu erhalten ist. Demnächst soll ein Insektenschutzgesetz vom Bundestag verabschiedet werden, das die Landwirte verpflichtet, mehr für den Insektenschutz zu tun. Noch wird gestritten um die letzten Details.

Kaemena ist überzeugt davon, dass etwas geschehen muss. Er kennt die Zahlen, weiß, dass jeden Tag in Deutschland 50.000 Quadratmeter Boden versiegelt werden, weil Fabriken, Häuser und Straßen gebaut und Vorgärten in Schottergärten verwandelt werden.

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Es ist Lebensraum, der Insekten für immer verloren geht. Auf ein Gesetz will Kaemena nicht warten. Er braucht diesen Druck aus der Politik nicht. Er hat längst angefangen damit, Ackerfläche in Blühwiesen umzuwandeln; 1,4 Hektar inzwischen, verteilt auf sieben Parzellen.

Hof Kaemena in Oberneuland ist über 800 Jahre alt und vielen Bremern bekannt. Familie Kaemena lebt vom Spargel- und Erdbeeranbau. Auf den 40 Hektar, die zum Betrieb gehören, baut Kaemena auch Roggen an, aber diese Flächen fürs Getreide verkleinert der Landwirt nach und nach.

Mit einfachen Blühstreifen hatte Kaemena vor ein paar Jahren angefangen. Er sagt: „Ich war der Meinung, dass damit für den Artenschutz alles gut ist.“ Bis er einen Vortrag von Rolf Witt hört. Der Biologe und Wildbienenexperte aus dem niedersächsischen Edewecht erklärte seinem Publikum, dass einfache Blühstreifen vor allem den Honigbienen dienen. Um den vom Aussterben bedrohten Wildbienen zu helfen, so der Fachmann, müsse man gezielter vorgehen und langfristiger denken. Von den etwa 580 Wildbienenarten, die es in Deutschland gibt, kommen in der Region Bremen rund 280 vor. Die Ansprüche der Insekten an ihre Umwelt sind zum Teil sehr speziell.

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Wie speziell, erläutert Kaemena am Beispiel einer Wiese, die er vor einem Jahr angelegt hat. Das Areal ist bewusst konzipiert. Kaemena lässt sich dabei auch weiterhin vom Bienenexperten beraten. An einem Zaun lagert Totholz; Stämme, Äste, Baumscheiben. Hier finden Insekten Nistmöglichkeiten, genau wie in den aufgeschütteten Erdhügeln und Sanddünen und zwischen den alten Weidepfählen, die ein Stück weiter zu einem Turm aufgestapelt sind. Unter einem Flies wachsen Stauden heran.

Früher hat Kaemena auf diesem Teilstück Spargel angebaut, jetzt erinnern nur noch kleine Sanddämme in einem Erdloch daran. Den Boden hat er mit dem Trecker ausgehoben und anschließend mit dem Spargelpflug bearbeitet. Auf diese Weise sind Schrägen und Steilwände entstanden, in denen die Wildbienen Brutröhren anlegen. Im Frühjahr, so der Plan, schlüpft hier dann der Nachwuchs. Deshalb darf der Boden im Herbst auch nicht bearbeitet werden, sonst würde die Brut zerstört. Von einjährigen Blühflächen, die im Winter umgepflügt werden, hat sich Kaemena deshalb verabschiedet.

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Beim Gang übers Feld beginnt man zu ahnen, wie viel Arbeit im Anlegen und in der Pflege einer Blühwiese steckt. Das Saatgut ist teuer, außerdem fehlt dem Bauern der Ertrag, den er sonst auf diesem Stück Land erzielen würde. Deshalb finanziert Kaemena sein Blühwiesenprojekt über Patenschaften. Die Idee ist nicht neu, im benachbarten Niedersachsen machen Landwirte das schon länger so. Die Kaemenas haben im Sommer Infos über ihre Blühwiesenpläne auf Spargelverpackungen gedruckt. Sie nutzen die Sozialen Medien; Facebook, Instagram.

100 Paten hätten Hajo und Ehefrau Bea bis Ende des vergangenen Jahres gern zusammengehabt. Tatsächlich machen inzwischen schon 460 mit. Vor allem Kunden, aber auch Nachbarn und zunehmend Firmen entscheiden sich dafür, ein Jahr lang 29 Euro für 12,5 Quadratmeter oder 49 Euro für 25 Quadratmeter zu zahlen.

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Dafür erhalten sie eine Urkunde mit Bienensiegel und den Koordinaten des Blühwiesenstandortes. Alle Paten werden außerdem auf der Homepage unter www.kaemena-blueht.de auf der Blühlandkarte registriert. Aus ihr geht auch hervor, dass einige Paten gleich 300 Quadratmeter übernommen und ihre Patenschaften über mehrere Jahre abgeschlossen haben.

Am Ende, so Kaemena, habe jeder etwas davon. Die Insekten, die Lebensräume fänden. Die Blühpaten, die eine gute Sache unterstützten. Und schließlich auch er selbst, da er damit etwas Geld verdiene. „Reich werde ich zwar nicht“, sagt Kaemena. Aber wenigstens zahlt er auch nicht drauf. Und auch Hausschaf Uwe, Ziege Hoheit und Mamaschaf machen nicht den Eindruck, als würden sie die 400 Quadratmeter vermissen, die sie von ihrer Ziegenweide abgeben mussten. Als der Besuch Hof Kaemena wieder verlässt, sind die Tiere damit beschäftigt, sich am Kletterparcours zu vergnügen.

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